Donnerstag, 8. März 2012

Deutscher Widerstand gegen Hitler - Naive Idealisten, Mitläufer und verabscheuungswürdige Verbrecher

Ehrliche, gutmeinende deutsche Patrioten einerseits - deutsche "Beneschs" andererseits

Im folgenden einige vorläufige Überlegungen nach dem Studium neuerer zeitgeschichtlicher Literatur (1 - 3). Daß es einen neuen, einen "Zweiten" Weltkrieg geben würde und müsse, um "die Menschheit", "Das Reich" (der "Kommenden") dorthin zu bringen, wohin sie der eigenen Meinung nach sowieso hinkommen würden, hingebracht werden mußten oder sowieso "durch die Vorsehung" oder "das harte, gesetzmäßige, unerbittliche, grausame, weltgeschichtliche Schicksal" gebracht werden würden - einem "unsentimentalen" Schicksal, dem es sinnlos wäre, sich entgegenzustellen, das war unter den ("nationalbolschewistischen") okkulten und okkult-nahen Hardcore-Ideologen der 1920er und 1930er Jahre ausgemachte oder weitgehend ausgemachte Sache. Zu diesen zählen etwa der (nachmalige) Freimaurer Friedrich Hielscher ("Das Reich", 1932), der Buddhist Karl Strünckmann ("Adolf Hitler und die Kommenden", 1931), der Hochgradfreimaurer Paul Köthner ("Pandaimonion", 1928), Oswald Spengler, Ernst Jünger und viele andere mehr. Gerne auch unter sonstigen deutschen "Neuen Nationalisten" und "Nationalbolschewisten", gerne auch unter okkultverblödeten deutschen Mazdaznan-Anhängern wie Ernst Kallmeyer. Plakate wie das folgende konnten sie nicht mehr ernüchtern.

"Bolschewismus heißt, die Welt im Blut ersäufen" - Plakat 1919

Manchen - wie Ernst Jünger - tat sich in dieser Sichtweise ein großes "europäisches Imperium" auf, das sich dem amerikanischen und russischen "Imperium" entgegenstellen würde. Aber letztlich war in dieser Sichtweise ebenso inbegriffen, was der tschechische Freimaurer Eduard Benesch 1939 (GAj 2012) in die Worte faßte "Rußland wird in Mitteleuropa das Sagen haben ... Geographisches Gesetz." Und in diesem Sinne zelebrierte man auch auf deutscher Seite die "grandiose" Bombardierung von Paris bei einem Glas Rotwein (Ernst Jünger) und war sich dabei klar, daß das so glorreich zelebrierte europäische "Imperium" - "zunächst" - durch ein unsagbares Elend würde gehen "müssen" (- was "faszinierend" zu beobachten wäre bei einem Glas Rotwein). 

Derartige Ideologen bereiteten die westlichen und mitteleuropäischen Eliten auf das vor, was "kommen würde". (So wie heute Wolfgang Schäuble sich selbst und die Eliten auf das vorbereitet, was "kommen müsse". So wie offenbar auch Otto Schily dabei ... "kosmischen Gesetzen" gehorcht (siehe das Ende des  Filmes "Die Anwälte").

Man möchte nun nach neueren Veröffentlichungen (2, 3) mutmaßen, daß damals auf deutscher Seite zu diesen Kreisen der "deutschen Beneschs" sehr bewußt auch Leute gehörten wie: Wilhelm Canaris (Wehrmacht-Abwehr), Reinhard Gehlen (Wehrmacht-Abwehr Ost), Alexis von Roenne (Wehrmacht-Abwehr West), Hans Speidel, der Separatistenführer von 1923 Konrad Adenauer und auch dessen späterer Geheimdienstmann Friedrich Heinz - und viele dergleichen mehr. Sie alle kamen, soweit sie das Jahr 1945 überlebt hatten, mit der Situation danach ... "glänzend" zurecht. Wurden sofort in westliche Dienste übernommen. Die Zeit, die sie erwartet hatten, war genauso gekommen, wie sie sie erwartet hatten, und wie sie auch auf diese hingearbeitet hatten oder wie sie sie sich "grandios" vollziehen sahen - bei einem Glas Rotwein in Paris.

"Verratene Verräter"

Wenn man nun ein Buch liest wie das von Hans Meiser "Verratene Verräter - Die Schuld des 'Widerstandes' am Ausbruch und Ausgang des Zweiten Weltkrieges" (1), wird einem erst bewußt, wie leicht man Politiker am Narrenseil ihrer Naivität leiten kann, wenn sie nicht durch resolute Hintergrundpolitik-Kritik und Lobbypolitik-Kritik vor eben dieser ihrer abgrundtiefen Naivität gefeit sind. So möchte man etwa die darin behandelten "Verratenen Verräter" wie Ernst von Weizsäcker, Ludwig Beck, Erwin von Witzleben ehrlichste Absichten - im Sinne des modernen, humanistischen Weltbildes einer offenen freien Gesellschaft - in keiner Weise absprechen. Aber wie konnten sie auf den geradezu absurd-naiven Gedanken kommen, sich ausgerechnet in der damaligen britischen Politik die wesentlichsten Helfer gegen Hitler und gegen den Ausbruch eines neuen Weltkrieges zu - - - "erhoffen"? Und zu erwarten? - - - Wie?

Daß solche Leute wie Canaris, Gehlen, von Roenne, Speidel etc. diese Naivität in ihrem Umfeld bewußt förderten - ohne daß sie ihre eigenen Agenden "im Geiste eines Eduard Benesch" dabei offenlegten -, wird man ebenfalls kaum bezweifeln wollen. Aber waren von Weizsäcker und Beck wirklich so unselbständige Naturen, daß sie nicht mehr in Erinnerung hatten, daß es echt und zuverlässig deutschfreundliche Tendenzen in der britischen Politik schon seit den Vorkriegskrisen (vor 1914) und bis 1933 nie gegeben hatte? Warum sollte gerade die Machtergreifung Adolf Hitlers etwas daran geändert haben? Warum sollte nicht gerade diese Machtergreifung auch von eben dieser deutschfeindlichen britischen Politik in letzter Instanz sogar begrüßt worden sein und weiterhin gestützt werden? Wie es ja Churchill und Loyd George in damaliger Zeit auch einigermaßen offen, heuchlerisch und zynisch zum Ausdruck gebracht hatten. Nämlich daß sie Hitler toll fanden - ?

Diese grenzenlose, abgrundtiefe Naivität der "Verratenen Verräter" von Weizsäcker, Beck, von Witzleben, war es, die es der britischen Politik und den hinter ihr stehenden Kreisen so leicht ermöglichte, 1938/39 die Bestrebungen des deutschen Widerstandes auszutricksen und zu verschaukeln. Nein, mit so viel Naivität konnte man den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht verhindern. - Und wie wir gelernt haben, gibt es seither in den Eliten der westlichen Welt gegenüber Kriegsbestrebungen noch viel weniger "Widerstand" als jenen der "Verratenen Verräter" der Jahre 1938 und 1939.

Der General Ludwig Beck hatte sich mindestens über ein Jahr hinweg intensivst auch mit der Hintergrundpolitik-Kritik des Generals Erich Ludendorff auseinandergesetzt. Und hatte doch offenbar so gut wie nichts daraus gelernt, als er 1938 und 1939 ausgerechnet durch das Hoffen auf eine starke Haltung der britischen Politik - "zum rechten Zeitpunkt" - hoffte, Hitler stürzen und den Ausbruch des Krieges verhindern zu können.

Offenbar hat er sich - wie von Weizsäcker - nie klar gemacht, daß man einen solchen Kriegsausbruch gegenüber einem solchen Kriegshetzer wie Hitler ganz ebenso verhindern mußte, wie gegenüber solchen Kriegshetzern wie sie allseits in der britischen Politik spätestens seit 1914 saßen. Und auch gegenüber zahllosen "deutschen Beneschs" in den eigenen Reihen des Widerstandes, die schicksalsgläubig und heuchlerisch den Krieg gerne auch herbeizführen gewillt waren, da man nur durch ihn das Hitler-Regime stürzen könne ...

Ehrliche, gutmeinende deutsche Patrioten einerseits - deutsche "Beneschs" andererseits

Und welche Motive hatten nun all jene, die in "Verrat an der Ostfront" (2) an den Pranger gestellt werden? Der Generalquartiermeister Eduard Wagner (1894-1944) (Wiki) etwa? Kann man so viel dort geschilderte Sabotage gegenüber der Kriegführung im Osten aus bloßer Naivität heraus tun? Man hat kaum den Eindruck, daß die in diesem Buch immer wiederkehrenden Personen gutmeinende aber naive Patrioten waren (wie etwa von Weizsäcker, Beck, von Witzleben oder auch Franz Halder), und daß sie die deutsche Kriegsführung im Osten schwächten und sabotierten, weil sie glaubten, dadurch ausgerechnet - und nur - das Hitler-Regime stürzen zu können. Das Hitler-Regime stürzen, indem man der Roten Armee den Weg bereitet? So viel Naivität kann man diesen Leuten nicht zutrauen. Wo - beispielsweise - Eduard Wagner selbst 1919 an der Niederschlagung der bayerischen Sowjetrepublik beteiligt war. (Wie so viele übrigens, die dann als "Nationalbolschewisten" schon wenige Jahre später die Sowjetunion auch in politisch rechtsstehenden Kreisen glorifizierten - man denke an Friedrich Hielscher.)

Diese Leute wird man also eher der ersten in diesem Beitrag behandelten Kategorie von Leuten zuordnen müssen, die "schicksalsgläubig" - wie der Exilpolitiker und Freimaurer Eduard Benesch, nur eben auf deutscher Seite - den Weg Rußlands nach Mitteleuropa hinein ebneten.

Zu einer Zuordnung von Eduard Wagner zur Kategorie Friedrich Hielscher, Werner Best, Ernst Jünger würde passen, was er am 9. September 1941 an seine Frau mit Bezug auf die Aushungerung Leningrads schrieb (Wiki):
Zunächst muß man ja Petersburg schmoren lassen, was sollen wir mit einer 3 1/2 Mill. Stadt, die sich nur auf unser Verpflegungsportemonnaie legt. Sentimentalitäten gibt’s dabei nicht.
"Sentimentalitäten" kannte Wagner (wie Hielscher, wie Best ...) weder gegenüber dem eigenen noch gegenüber dem russischen, noch gegenüber anderen Völkern (dem polnischen, jüdischen etc.). So war das Denken jener, die nicht nur auf westalliierter Seite, sondern auch auf deutscher Seite dem dann tatsächlich erfolgten  Kriegsausgang von 1945 bewußt zuarbeiteten.

Während des Krieges möchte man dann zu den gutmeinenden Patrioten zusätzlich noch zählen etwa Leute wie: Erwin Rommel, Claus von Stauffenberg, ...

Die Gründe dafür, daß dann so viele Personen aus dem Umfeld der "deutschen Benesche" dem 20. Juli 1944 und den Folgeereignissen zum Opfer fielen (Wilhelm Canaris, Eduard Wagner, ...) oder den Nachkriegsereignissen (Wolfram von Sievers, die Familie Haushofer, ...), wären im einzelnen noch zu klären. So viel scheint sicher: Ihrer Verräterdienste bedurfte man seit dem Erfolg der Invasion in der Normandie (Ende Juni 1944) und seit Beginn des Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte (22. Juni 1944) kaum noch.

Vielleicht benutzte man im Reichssicherheitshauptamt (Heinrich Müller & Co.) den 20. Juli 1944 auch dazu, zu viele unzuverlässige Mitwisser - des Handelns auf der politischen Linie von Eduard Benesch auf deutscher Seite - zu beseitigen? Oder doch einzuschüchtern? Vielleicht waren sie doch zu unflexible Anhänger europäischer "Imperien"?

Bei der Erforschung des deutschen Widerstandes scheint man also ein starkes "Wissensgefälle" mitberücksichtigen zu müssen, will heißen unterschiedliche Ebenen von Mitwisser-Hierarchien. Erst dann scheinen einem viele Zusammenhänge entschlüsselbar zu sein. Deshalb kann dieser Beitrag dazu nur erste Vorüberlegungen enthalten. Die genannte Literatur (1 - 3) versucht das Handeln der Landesverräter und Verratenen Verräter psychologisch kaum zu erklären. Eine solche Erklärung ist deshalb weiterhin ein Desiderat, das zu Überlegungen wie den hier angestellten Anlaß gibt.


______________________
  1. Meiser, Hans: Verratene Verräter - Die Schuld des "Widerstandes" an Ausbruch und Ausgang des Zweiten Weltkrieges. Druffel & Vowinckel Verlag, Stegen am Ammersee, 2. Aufl. 2008 (2006)
  2. Friedrich, Georg: Verrat in der Normandie. Eisenhowers deutsche Helfer. Grabert Verlag, Tübingen (2. Aufl.) 2007, (4. Aufl.) 2011 
  3. Friedrich, Georg: Verrat an der Ostfront. Der verlorene Sieg 1941 - 42. Grabert Verlag, Tübingen 2012

Mittwoch, 7. März 2012

Endlich! - Schließung der Jesuitenschulen gefordert!

Mindestens sechs Jahrzehnte lang hat die Schulaufsicht versagt. Nicht nur die Schulen müssen geschlossen werden, sondern die Psychosekte Jesuitenorden, diese jahrhundertelange Gewalttäterorganisation, muß insgesamt zu existieren aufhören

Das muß hier auf dem Blog festgehalten werden (Welt, 29.2.12) (Hervorhebungen nicht im Original):
Eine Duisburger Kanzlei reichte nach Angaben vom Dienstag für zwei ehemalige Schüler des Bonner Aloisiuskollegs Klage beim Verwaltungsgericht Köln gegen die Bezirksregierung Köln auf Schließung der Aloisiuskolleg GmbH wegen Unzuverlässigkeit ein. "In den Einrichtungen des Gewerbebetriebes sind in einem Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten von den geistlichen und weltlichen Mitarbeitern Verbrechen an Schutzbefohlenen verübt worden", heißt es in der Klageschrift.
Die Kläger verweisen auf den Anfang 2011 von der Kölner Rechtsprofessorin Julia Zinsmeister vorgelegten Bericht der unabhängigen Aufklärungskommission, der zahlreiche Fälle sexueller Grenzüberschreitungen und Missbrauchs über Jahrzehnte am Bonner Jesuitenkolleg verzeichnet (siehe Info). Da diese Taten strafrechtlich nicht mehr zu ahnden seien, fordere man nun, die Einrichtung im Sinne der Kläger und als präventive Maßnahme zu schließen, um weitere Kinder zu schützen, sagte Heinz Josef Sehr, Rechtsbeistand der Duisburger Kanzlei. Als Zeugen über die "seinerzeit herrschende Stimmung" an der Schule werde Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) geladen, der 1972 am Kolleg Abitur machte.
Ein Opfer hatte zunächst im August 2011 einen Antrag auf Entzug der Ersatzschulgenehmigung des Jesuitenkollegs gestellt. Diesem Antrag hatte den Angaben nach die Bezirksregierung Anfang 2012 widersprochen. Die Behörde habe erklärt, der Wunsch nach einer gerechten Ahndung der Taten sei nicht mit der Aufhebung der Ersatzschulgenehmigung zu erreichen, "da weder die Leitung der Ersatzschule noch die Geschäftsführung des Schulträgers mehr von den damals Verantwortlichen wahrgenommen wird".
Auf die Frage, warum die Behörde als Schulaufsicht sechs Jahrzehnte nichts vom Missbrauch am Aloisiuskolleg bemerkt habe, soll die Bezirksregierung nicht eingegangen sein. Die Genehmigungsbehörde laufe Gefahr, das in der Vergangenheit "strafbare Treiben" am Kolleg nachträglich positiv zu sanktionieren, erläutert der Jurist Sehr in der Klageschrift. Die bis heute andauernden Folgen für seine Mandanten seien verheerend. Deshalb hätten sie die von den Jesuiten als Träger der Schule als Schadensersatz gebotenen 5000 Euro abgelehnt. Einer der Kläger sei depressiv, auch seine Brüder seien am Kolleg Opfer von Missbrauch geworden. "Ein Bruder hat aufgrund dessen vor einiger Zeit den Freitod gewählt", sagte Sehr.
Einer der Kläger befinde sich seit Jahrzehnten in tiefer Depression, berichtete Sehr. Er habe sich nie einem anderen Menschen zuwenden können und Unsummen für Therapien bezahlt, zumal er jetzt erfahren habe, dass auch seine Brüder am Ako Opfer geworden seien. "Ein Bruder hat deshalb vor einiger Zeit den Freitod gewählt."
Ako-Rektor Siebner bestätigte, dass Hintergrund der Klage "konkrete Vorfälle" in der Vergangenheit seien. "Das macht mich nach wie vor betroffen und bedrückt mich." Er wisse, dass die Bezirksregierung den Antrag der Kläger intensiv untersucht habe: "Ich habe dazu für das Kolleg ausführlich Stellung genommen."
Es wird dann auf einen neu entwickelten "Präventionsleitfaden" verwiesen (s. a. Bonner G-A, 29.2.12). Dabei sind die Vorwürfe von sechs Jahrzehnten Mißbrauchsgeschichte wahrscheinlich deutlich untertrieben, da die Forschungen des Historikers Hockerts in den 1960er Jahren, wie hier auf dem Blog schon berichtet, noch kaum ausgewertet worden sind über Mißbrauchvorfälle in kirchlichen Zusammenhängen in den 1930er Jahren. 

Schon damals - also spätestens in den 1960er Jahren - hätte man aus den Vorfällen aus den 1930er Jahren lernen können und deshalb lernen müssen. Auch damals haben alle Beteiligten versagt. Aus Gleichgültigkeit und aus dem Kuschen vor christ-katholischer Bigotterie und gegenüber allgegenwärtiger, kaum sichtbarer aber überall spürbarer christ-katholischer Lobbyarbeit. Mitunter ist sie auch unglaublich frech und unverfroren, wie Ex-Jesuitennovize Heiner Geißler demonstriert.

Jesuitenorden ist seit seiner Gründung und bis heute gleichbedeutend mit Seelenmord. Das wurde von seinen Kritikern schon im 19. Jahrhundert nie infrage gestellt. Deshalb ist er auch schon lange vor dem 20. Jahrhundert in zahllosen Ländern verboten gewesen. Wer glaubt denn wirklich, daß der Jesuitenorden anders als mit "Schwarzer Pädagogik" und damit mit Seelenmord fortexistieren könnte?

Ludwig Richter, ein deutscher Maler

Ludwig Richter (1803-1884)(Wiki) ein deutscher Maler der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gewinnt um so mehr, um so mehr man sich mit ihm beschäftigt. Heute gehört er bestimmt nicht mehr zu den bekanntesten Malern der europäischen Kunstgeschichte. Vielleicht fallen einem zu ihm Gemälde ein wie "Überfahrt am Schreckenstein" (1837) oder "Brautzug im Frühling" (1847).

Abb. 1: Ludwig Richter - Civitella (Der Abend) (1827/28)

Bei näherer Beschäftigung wird deutlich, daß manche Abbildung in Schulgeschichtsbüchern, die die Zeit des Biedermeiers veranschaulichen sollen, von eben jenem Ludwig Richter stammen. Beim Betrachten seiner Buchillustrationen und gemütvollen, echt deutschen "Idyllen" fühlt man sich natürlich auch an den Maler Carl Spitzweg (1808 - 1885) erinnert, der fünf Jahre jünger war als Richter oder auch an den Tiroler Maler Defregger.

Abb. 2: Ludwig Richter - Rocca di Mezzo im Sabinergebirge (1825)

Ludwig Richter hat Lebenserinnerungen hinterlassen (1). Sie stellen eine unterhaltsame und anregende Lektüre dar. Und sie interessieren einen erneut für seine Kunst und für die deutschen Künstler in Rom. Und für die Kunst seiner Zeit überhaupt. Richter hat als junger Maler drei Jahre lang in Rom gelebt (1823 - 1826) und schildert diese Zeit als eine rundum glückliche, fröhliche, heitere. Es ist wirklich verwunderlich, denn beim Lesen fragt man sich ständig: Wann hat man jemals zuvor von so viel Glück gelesen? Man möchte behaupten, daß man sich das als moderner Mensch des 20. und 21. Jahrhunderts gar nicht mehr vorstellen kann - so viel schlichtes Glück. So viel schlichte Zufriedenheit mit sich und der eigenen Umwelt.

Abb. 3: Ludwig Richter - Der Maler Ludwig von Maydell (1824)

Das Gemälde "Civitella" (Abbildung 1) hat Richter bald nach seiner Rückkehr aus Italien gemalt als ersten größeren Auftrag, der es ihm ermöglichte zu heiraten. Dementsprechend hat er als Frau im Vordergrund auch seine eigene gemalt. Das Gemälde gewährt nicht nur einen Blick in die Landschaft, sondern auch hinauf in eine damals selten besuchte ärmliche italienische Bergstadt bis hin zur schmalen Sichel des Mondes darüber. Auf Wikipedia ist eine hübsche Schilderung der Entstehung dieses Gemäldes eingestellt.

Abb. 4: Ludwig Richter - Vater Carl August Richter - Radierung (1827)

Der deutsche Maler Ludwig von Maydell (1795-1846) (Wiki) (vgl. auch Werke und Abb. 3) aus dem heutigen Estland (Dorpat), Teilnehmer an den Kriegen gegen Napoleon - halb Soldat und halb Student, wie Richter ihn schildert - war es, der Richter in Rom ein ihn überzeugend gelebtes Christentum nahegebracht hat.

Abb. 5: Ludwig Richter - Teich im Riesengebirge (1839)
Nach der Rückkehr in seine Heimat Sachsen erhielt Ludwig Richter selten Aufträge für große Öl- und Landschaftsgemälde. Wie man an den hier eingestellten Gemälden ersehen kann, ist dadurch der Kunstgeschichte ein großer Schatz, ja, fast ein Lebenswerk verloren gegangen. All die "deutschen Idyllen", die "typischen Biedermeier"-Zeichnungen und -Holzschnitte Richters sind eine Folge dieses Umstandes. Mit diesen Buchillustrationen konnte er sich und seine Familie über Wasser halten.

Abb. 6: Ludwig Richter - Mittagshorn und Schmadribach (1826)

Woraus deutlich wird, wie wichtig Mäzene für das Entstehen von Kunstwerken sind. Und dies wird nicht nur für die Malerei gelten, sondern für das Kulturschaffen überhaupt.

Abb. 7: Ludwig Richter - Ponte Salario (Rom)

So hat Ludwig Richter in seinen späteren Lebensjahren vor allem als erfolgreicher und beliebter Buchillustrator gearbeitet und dabei um die 3000 Holzschnitte angefertigt. Sie zeigen oft Idyllen des als innig erlebten deutschen Familienlebens und zeigen vor allem auch ein großes Verständnis für das Wesen der Kinder.

Abb. 8: Der Maler Ludwig Richter - Photographie, um 1880

In dem vorliegenden Beitrag sind aber vor allem Landschaftsbilder Ludwig Richters eingestellt worden. Als Landschaftsmaler verstand sich Ludwig Richter in seinen frühen Jahren insbesondere und man wird sagen müssen, daß in diesem Bereich seine bedeutendsten Werke entstanden sind.

Man hört keine entschiedene Klage von seiten Ludwig Richters darüber, daß er aufgrund seiner wirtschaftlichen Lebensumstände in ein ganz anderes Schaffensgebiet gedrängt worden ist, als jenes Gebiet, wo er seine größte Begabung aufwies. Zu fragen wäre, ob dieser Umstand irgendwo den Kunsthistorikern einmal bewußt geworden und ausreichend gekennzeichnet worden ist.

Die Ausstellung von 2003

(Ergänzung vom 1.5.2012) Das Anliegen dieses Beitrages, die Bedeutung Ludwig Richters besonders als Landschaftsmaler herauszustellen, war auch das Anliegen einer großen Ausstellung zu Ludwig Richter im Jahr 2003, wie dem Verlagstext des dazugehörigen Katalogs zu entnehmen ist (2):
Richters große Popularität beruhte schon zu Lebzeiten vor allem auf seinem umfangreichen Werk als Zeichner für den Holzschnitt und als Buchillustrator. Im Vergleich dazu fanden seine Gemälde eine geringere Beachtung. Doch Richter hatte ursprünglich als Maler seinen Weg gehen wollen, und mit den Gemäldekompositionen war ein besonderer Anspruch verbunden gewesen, weil diese nicht nur landschaftliche Motive darstellen, sondern auch übergreifende gedankliche Konzepte zur Anschauung bringen sollten. Der Erfolg dieser Bemühungen Richters als Maler blieb aber insgesamt eher gering. Um so interessanter scheint es, das malerische Oeuvre des Künstlers, das im wesentlichen innerhalb von nur zwei Dutzend Jahren entstanden ist und vom zahlenmäßigen Umfang her begrenzt blieb, in einem möglichst weitreichenden Überblick aus heutiger Sicht neu zu erleben. Damit ist auch das Ziel dieser Jahrhundertausstellung benannt. Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten sind die Gemälde Richters wieder in diesem Umfang in Dresden zu sehen, und erstmals wird allein sein malerisches Werk als eigenständiger Teil des Schaffens in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit gerückt sowie in dem begleitenden Katalogbuch ausführlich dargestellt. Für das anspruchsvolle Vorhaben bot der eigene Bestand des Hauses mit seinen elf Werken Richters eine breite Grundlage. Aber auch das Leipziger Museum der bildenden Künste, die Neue Pinakothek in München und die Nationalgalerie in Berlin werden sich mit dem Gesamtbestand ihrer Richter-Gemälde an der Ausstellung beteiligen. Diesem großen Entgegenkommen bei der Zusage von Leihgaben sind auch zahlreiche weitere Sammlungen im In- und Ausland gefolgt, so die Museen in Basel, Breslau (Wroclaw), Prag, Riga, Bremen, Chemnitz, Düsseldorf, Essen, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Nürnberg, Schweinfurt, Weimar und Wuppertal sowie mehrere private Leihgeber. Nur dank dieser überwältigenden Unterstützung für die Idee der Ausstellung konnte das auf lange Sicht sicherlich einmalige Unternehmen ermöglicht werden, das rund fünfzig Werke am langjährigen Wirkungsort des Künstlers vereint.
Es sei auch noch ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis aufgeführt:
Gerd Spitzer, Ludwig Richter - Der Maler, Landschaftsbild und Figurenbild - Landschaftsmalerei und religiöse Historienmalerei - Christliche Landschaftsbilder - Gott in der Natur Zeitlosigkeit und Zeitbezogenheit - Naturraum als Lebenswelt-Landschaft und Idylle als Rückzugsort in der Nähe - Der Maler Ludwig Richter und die Dresdener Gemäldegalerie -- Petra Kuhlmann-Hodick, Vom Entwurf zum Bild - Die zeichnerische Vorbereitung der Gemälde Ludwig Richters -- Hans Joachim Neidhardt, Ludwig Richter und die romantische Landschaftsmalerei in Rom um 1825 -- Herbert W. Rott, Der "Watzmann" und Ludwig Richters Anfänge als Maler in Rom -- Jens Christian Jensen, Ludwig Richter und Carl Spitzweg - Antipoden? -- Dorothee Heim, Ludwig Richter als Baudekorateur - Die Wandbilder für die "Villa Feodora" in Bad Liebenstein -- Werner Kohlert, Ludwig Richters "Lebenslauf eines deutschen Malers" - ein Glaubensbekenntnis -- Ulrich Bischoff, Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte von Ludwig Richter - Maltechnische Untersuchungen an den Dresdener Gemälden Ludwig Richters -- Christoph Schölzel, Die Unterzeichnungen der Gemälde Ludwig Richters in der Galerie Neue Meister Dresden -- Marlies Giebe, Zur Technik der Ölmalerei bei Ludwig Richter -- Katrin Tauscher, Der Familiennachlaß des Malers Ludwig Richter im Stadtarchiv Dresden
In einem weiteren Beitrag zu Ludwig Richter (s. "Die elende Prospekttradiererei") sollen seine Jugendwerke in der Werkstatt seines Vaters (3) für die Arnold'sche Buchhandlung behandelt werden. Denn sie scheinen ebenfalls schon sehr deutlich seine Begabung zum Landschaftsmaler erkennen zu lassen und besitzen ihren Eigenwert.

_____________________
  1. Richter, Ludwig: Lebenserinnerungen eines deutschen Malers. Nebst Tagebuchaufzeichnungen und Briefen.  Dietrich'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1950 (Zeno)
  2. Ludwig Richter - Der Maler. Zum 200. Geburtstag. Zur Ausstellung in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, 2003/04 und in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München, Neue Pinakothek, 2004. Deutscher Kunstverlag, 2011 (ZVAB)
  3. 70 mahlerische An- und Aussichten der Umgegend von Dresden in einem Kreise von sechs bis acht Meilen; aufgenommen, gezeichnet und radirt von C. A. Richter, Professor, und A. Louis Richter. Dresden, Arnold, 1820 

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