Freitag, 6. Mai 2022

Das Zeitalter der Zuversicht

... und das Zeitalter der Décadence
 - Stehen sie - womöglich - in einem Wechselverhältnis zueinander?

Das Zeitalter der „republic of letters“, das Zeitalter der Vigée-Lebrun (GA-j!) ist das Zeitalter der Zuversicht.

Es ist das Zeitalter der Hoffnungsfreudigkeit, des Aufbruchs.

Ist dieses Grundverständnis der Zuversicht, des Aufbruchs und der Hoffnungsfreudigkeit nicht das letztlich angemessene für eine so außerordentlich reiche kulturelle Entwicklung der Menschheit wie sie sich in den letzten 300 Jahren entfaltet hat? 

Abb. 1: Selbstportrait der französischen Portraitistin Elisabeth Vigée-Lebrun, entstanden 1801, vielleicht noch in Petersburg, vielleicht in Berlin oder Potsdam (heute im Museum der Schönen Künste in Rouen) (Grpalais)

Wir haben gelernt, wie dieser Kosmos entstanden ist, wir haben einige Grundgesetze verstanden, nach denen sich dieser Kosmos und alles Gewordene in ihm entwickelt, nach denen aus Chaos Ordnung entstehen kann. Wir haben gelernt, daß das viel Ähnlichkeit mit jenen Gesetzmäßigkeiten hat, die einstmals der Philosoph G.F.W. Hegel und andere (Hölderlin, Marx) in ihren Philosophien vorweg genommen hatten ("Umschlag von Quantität in Qualität", Gesetzmäßigkeiten der geschichtlichen Entwicklung, "Rollentreppenbegriff der Geschichte", "Dialektik der Geschichte" und vieles andere mehr.)

Wir haben gelernt wie außerordentlich speziell dieser Kosmos ist. Wie speziell er schon in seinen Anfangsbedingungen war, nämlich so speziell, daß er Strukturen und schließlich an Nervenzellen gebundenes Bewußtsein aus sich heraus hat entstehen lassen. 

Wir haben gelernt, daß das alles nicht "selbstverständlich" ist. Daß es also vermutlich wenig Sinn macht, unser Universum schlicht ein "Zufallsereignis" zu nennen. Vielleicht ist das Universum in die Welt gekommen, damit Zuversicht in der Welt sei? Damit Freude in der Welt sei? Damit Hoffnungsfreudigkeit in der Welt sei?

Denn nur aus dem Zeitalter der Décadence, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit heraus kann man diesem herrliche Universum und unserem Leben in demselben die bloße Bedeutungslosigkeit des Zufalls zusprechen (s. S. J. Gould's "Zufall Mensch").

Wir lernen in den letzten Jahren wie außerordentlich speziell jene Bedingungen in unserer Galaxie, in unserem Sonnensystem und auf unserer Erde sein mußten, damit es erst möglich wurde, daß in 4,5 Milliarden Jahren etwas so Prekäres, etwas an so spezielle Bedingungen Gebundenes und damit Gefährdetes wie Leben - und noch mehr: wie Bewußtsein - entstehen konnten. In diesem Sonnensystem, auf diesem Planeten, auf dessen unterschiedlichen Kontinenten.

Es ist das ein so ungeheures Geschehen der Erkenntniserweiterung in den letzten 200 bis 500 Jahren. Und dennoch konnte das Zeitalter der Zuversicht um 1770, um 1790 herum so ungeheuer schnell umschlagen in ein Zeitalter der Décadence, in ein Zeitalter des "fin de sciecle", in ein Zeitalter des "Unbehagens an der Kultur", des Mißmuts, der Griesgämigkeit, des Pessimismus, der Verzweiflung, der "Desillusionierung", der Untergangsstimmung, des Scheiterns. All das sind Stimmungen, die sich auch in dem Umstand widerspiegeln, daß Millionen, nein, Milliarden von Menschen heute anteilnahmslos an diesem ungeheuren Geschehen der Erkenntniserweiterung der letzten 300 Jahre vorbei gehen.

Selbst unter den Denkenden unserer Zeit. Selbst unter den Philosophierenden unserer Zeit.

Wie war das möglich?

Wie ist das möglich?

Wo liegen die Umschlagspunkte dafür?

Deutlich wird: In einem Dichter und Denker wie Friedrich Hölderlin finden wir beides in einer Person in sich vereinigt. Zum einen diese riesige große Zuversicht. Und zum anderen - und zugleich - eine wiederholt wiederkehrende, riesige große Niedergeschlagenheit. Er hat in seinem Leben wie in seinem dichterischen Schaffen - wie in einem Brennglas – beides in sich gefaßt, die Grundstimmung des Zeitalters der Zuversicht ebenso wie die Grundstimmung des Zeitalters der Untergangsstimmung, die sich weiterentwickelte in das Zeitalter der seelischen Verelendung, des Staats-, Kultur- und Gesellschafts-Verfalls. Und was für prophetische Worte man bei ihm in diesem Zusammenhang findet (Gutenb):

O ihr Genossen meiner Zeit! fragt eure Ärzte nicht und nicht die Priester, wenn ihr innerlich vergeht! Ihr habt den Glauben an alles Große verloren; so müßt, so müßt ihr hin, wenn dieser Glaube nicht wiederkehrt, wie ein Komet aus fremden Himmeln.

Wie konnte Hölderlin so etwas niederschreiben? Zu seiner zeit wußte man doch gar nicht, daß es tatsächlich "Kometen aus fremden Himmeln" waren, wieder und wieder, die es ermöglichten, daß sich alles Lebens verjüngte auf dieser Erde, auf diesem Planeten? Wie konnte er?

Aber etwas anderes ist auch sicher: Wir gewinnen noch nicht einmal einen angemessenen Maßstab, ein angemessenes Bewußtsein für dieses Zeitalter des Gesellschafts-, Kultur- und Politikverfalls, solange wir uns nicht aufschwingen und uns beschwingen lassen von jenem Geist, der einmal war, der wieder kommen wird, gewiß wieder kommen wird, der in uns ruht, der jeden neuen Frühling, Völkerfrühling beseelt und beseligt, der erfüllt ist von Zuversicht und Selbstvertrauen und gegenseitiger Anteilnahme der Menschen untereinander, der Geborgensein kennt, Erfülltsein von allem Seligen, was diese Erde und dieser Kosmos zu bieten haben.

Wenn wir uns dazu nicht aufschwingen können - wie wollen wir dann einen Maßstab gewinnen, ein Bewußtsein gewinnen davon, was all der Verfall, der uns umgibt (und womöglich erfüllt), eigentlich soll?

Warum?

Warum auch der?

Warum ist er da?

Warum gibt es ihn?

Warum geben wir uns ihm hin?

Wird der Verfall ... das letzte Wort haben?

Wenn wir aufschauen zu Elisabeth Vigée-Lebrun, ihrem Glanz, ihrer Schönheit, ihrem Adel, dann wissen wir wieder eines: Dieser Verfall kann und wird nicht das letzte Wort haben. In der Menschheitsgeschichte. Nein. Dazu ist Menschheit nicht entstanden, dazu ist Leben auf diesem Planeten, in diesem Kosmos nicht entstanden, damit das der Endpunkt ist, damit das "das Ende vom Lied" ist. Das, was wir heute erleben.

Nein. Von überall her ruft es uns zu: Das ist Lüge, so zu denken. In uns schlummert anderes. In uns schlummert besseres. Wir sind zu Höherem geboren, in uns ist Adel, heiliger Sinn, Edelmut, Andacht, Geschenk, Gewährung des Guten. Zu sagen, ein Zeitalter der Zuversicht wäre bloße Illusion gewesen - ja, wer im Sumpf steht, der kann nichts anderes sagen. Und denken. Gewiß. Wie auch?

Aber wir wissen es anders.

Und wer im Sumpf stehen bleibt, wird dem Adel nicht nahekommen, dem Adel, der einstmals war in der Welt, und der wieder kommen wird in dieser Welt. Wir selbst sind Bürgen dafür. Nur wir. Wer sonst? Sind es nicht unsere Träume, die diesen Adel verkünden?

Raffen wir uns auf. Besinnen wir uns. Helfen wir uns. Helfe jeder sich selbst, helfe jeder dem anderen. Erinnern wir uns. Erinnere sich jeder, was einstmals war, was ist und was wieder kommen kann, was deshalb auch wieder kommen wird. So gewiß wie es ist, daß die Sonne, die am Abend untergeht, am nächsten Morgen wieder aufgeht.

Nur wir haben es - womöglich - in der Hand, nur wir, ob es früher oder später geschieht. Daß die Sonne wieder aufgeht. Wir können der Aufbruch sein, den wir uns wünschen und der uns erwünscht erscheint, ja, der uns erwünscht erscheinen muß. Blicken wir hinaus in die Natur, blicken wir in die Menschheit, blicken wir in uns. 

Der Trank des Lebens - noch ist er an niemandem vorbeigegangen, der jemals lebte. Jeder konnte ihn trinken. Trinken wir, trinken wir doch. Erst dann ergreift uns jene Seligkeit, der wir gewahr werden müssen, wenn wir überhaupt erahnen wollen, was all der Verfall um uns und in uns eigentlich sollen.

Dienstag, 3. Mai 2022

"Die Republik der Gelehrten"

Soll das Antlitz unseres Zeitalters wirklich alternativlos sein?
- Nein, "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" Eine andere Zeit ist möglich
- Im folgenden aufgezeigt anhand des Zeitalter der "Gelehrtenrepublik" des 18. Jahrhunderts, anhand einer Malerin wie Élisabeth Vigée-Lebrun und anhand ihrer hinreißenden Gemälde

"Republic of letters" (Wiki), "République des Lettres" (Wiki) - ein solcher Begriff fällt ins Auge und begeistert, trifft man auf ihn wie nebenbei in einer Rezension. Zu Deutsch "Die Republik der Gelehrten" (Wiki). Und zwar in einer Rezension zu einem neuen Buch über die Wissenschaftsgeschichte Europas. Es ist da die Rede von ... (1)

... den wissenschaftsgeschichtlichen Stichworten, nach denen die Wissenschaftsgeschichte üblicherweise heute gegliedert wird (die Revolution der Druckerpresse, die Republik der Gelehrten, der Öffentliche Raum, die Aufklärung, Demokratie und die Industrielle Revolution).

Zuvor war die Rede von den ... (1)

... bekannten europäischen Marksteinen des Fortschritts: Kopernikanisches Weltbild, Newton'sches Weltbild, Naturgeschichte nach Linnae, Elektromagnetismus nach Maxwell.

Uns fällt am meisten ins Auge: "Republic of letters", "Republik der Gelehrten". Was für ein riesiges, gewaltiges Bild ersteht mit diesem einen kurzen Begriff: "Republic of letters".

Abb. 1: Portrait des Charles Alexandre de Calonne (1734-1802) (Wiki) - französischer Reformpolitiker und Finanzminister unter Ludwig XVI. - Gemälde der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842) (Wiki), die auch sonst viele hinreißende Portraits geschaffen hat, darunter mehrere der preußischen Königin Luise

Was für eine Zeit, als edelgesinnte Geister und Gemüter - über ganz Europa hinweg - eine unsichtbare Republik bildeten, eine Republik von Gelehrten und Schöngeistern, die in einer "anderen Zeit" lebten oder gar "zeitlos", die jedenfalls ihrer eigenen Zeit weit voraus waren, die den Niederungen des Alltags entwunden waren, die einem schöneren, größeren, edleren Zeitalter entgegen strebten - durch Wissenschaft und Forschung, durch Beschäftigung mit Kunst und Kunstgeschichte, mit Literatur und Literaturgeschichte, durch Liebe und Begeisterung für alles Edle, Große, Schöne und Wahre.

Oh, Republik der Gelehrten, komm wieder. Möchte man nicht in die Arme dieser Republik sinken, sich in sie fallen lassen, frei sein, edel sein, dem Fortschritt zugeneigt sein? Wozu soll man noch - - - "Reichsbürger" sein, wenn man Angehöriger einer Republik von Gelehrten sein kann?

Die Republik der Gelehrten geht auch noch über die schöngeistigen Tafelrunden, wie sie etwa am Hofe Friedrichs des Großen in Sanssouci stattgefunden haben, hinaus. Sie führt direkt in die Studierzimmer der Gelehrten selbst. All das "Zwischenmenschliche", all die - womöglich oberflächlichen - Neckereien, Heiterkeiten, all der Zank auch, der neckische oder ernsthaftere, all der Unfriede, all die äußere, aufreibende Unruhe der Zeit, die auch noch bis in manche Tafelrunde und in manchen Salon hinein geschwappt sein mögen, sie alle sind aus dieser "Republik" verbannt.

Hier brennt die ewige Sonne der Wahrheit. 

Hier brennt die ewige Sonne der Freiheit. 

Hier brennt die ewige Sonne der Schönheit.

In diese Republik werden nur jene Geister aufgenommen - und sie werden nur insoweit aufgenommen - als sie von gleicher Sehnsucht erfüllt sind, von gleicher innerer Freiheit, von gleicher Hoffnung auf bessere Tage, auf eine bessere Welt, von gleicher Sehnsucht nach "Zukunft", nach den Inseln der Seligen.

Abb. 2: Portrait der Madame de Polignac, der engsten Vertrauten Marie-Antoinette's (Wiki), gemalt 1782/83 von Élisabeth Vigée-Lebrun (heute im Palast von Versailles) - Zu jener Zeit stand sie auf der Höhe ihres Einflusses, der ab 1785 zu schwinden begann

Nun gut, auch sonst wartet das besprochene Buch (1) offenbar mit einigen neuen Einsichten auf: Die Kopernikanische Wende ist durch die astronomischen Beschäftigungen im islamischen Bereich während des Mittelalters vorbereitet worden, die Newton'sche Wende durch Erkenntnisse, die nur durch Seefahrt und Seehandel zu gewinnen waren.

Das "Überleben des Stärkeren" des Charles Darwin hat sich im "Frontier"-Idealismus der US-amerikanischen Siedler wieder gefunden, insbesondere Marxisten haben sich für die Quantentheorie, Relativitätstheorie und Genetik begeistert. Das ist alles etwas plakativ, aber ein Körnchen Wahrheit könnte ja in allem dennoch darinnen sein. Lassen wir Gerechtigkeit walten, seien wir Angehörige der großzügigen, weitherzigen Republik der Gelehrten.

Die Besprechung kommt zu dem Schluß, daß bei aller Einbindung der europäischen Wissenschaftsgeschichte in außereuropäische Bezüge sie dennoch "eurozentrisch" bleibt (1):

Auch fast alle nicht-europäischen Forscher, die hervorgehoben werden, sind entweder an europäischen oder US-amerikanischen Instituten ausgebildet worden.

An Stelle solcher Erörterungen wäre ja eigentlich noch viel spannender zu erwähnen, daß es solche Republiken von Gelehrten auch im antiken Griechenland gegeben hat. Ganz Griechenland war voller Gelehrter und Philosophen und Künstler in einer Dichte, wie es zuvor und später nie wieder vorgekommen ist. Eine solche Republik von Gelehrten hat es schon im Tang-zeitlichen China oder früher gegeben. Und auch in anderen Hochkulturen. Vermutlich auch im arabischen, islamischen Bereich. Die Möglichkeit einer "Republik von Gelehrten" ist nicht etwas spezifisch Europäisches. 

Abb. 3: Selbstportrait, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun (1790) (heute in den Uffizien)

Aber in der Neuzeit sind es eben nicht mehr China oder Griechenland oder der Vordere Orient oder Indien, die an der Spitze der geistigen und kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit stehen, sondern das ist eben Europa. 

Und was erfahren wir zusätzlich, wenn wir uns nur ein wenig umschauen zu dem Thema "Republic of letters", "Republik der Gelehrten"? 1774 etwa veröffentlichte der deutsche Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) (Wiki), der damals bei allen deutschen Dichtern hoch verehrte Dichter des "Messias", sein Buch "Die deutsche Gelehrtenrepublik". Goethe schrieb damals noch im gleichen Jahr dazu:

"Klopstocks herrliches Werk hat mir neues Leben in die Adern gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und Völker. Die Einzige Regeln die möglich sind!" 

Damals war noch Begeisterung in der Welt, für Tugend und Schönheit. Wir erfahren (Wiki):

Klopstocks aufgeklärte Utopie "Die deutsche Gelehrtenrepublik" (1774) ist ein Konzept, das für die als regierungsunfähig angesehene Fürstenherrschaft eine gebildete Elite in die Macht einsetzt. Die Republik soll von "Aldermännern", "Zünften" und "dem Volke" regiert werden, wobei den ersteren - als den gelehrtesten - die größten Befugnisse zukommen sollte, Zünften und Volk entsprechend weniger. Der "Pöbel" hingegen bekäme höchstens einen "Schreier" auf dem Landtage, denn Klopstock traute dem Volk keine Volkssouveränität zu. Bildung ist in dieser Republik das höchste Gut und qualifiziert ihren Träger zu höheren Ämtern. Entsprechend dem gelehrsamen Umgang geht es in dieser Republik äußerst pazifistisch zu: Als Strafen zwischen den Gelehrten veranschlagt Klopstock Naserümpfen, Hohngelächter und Stirnrunzeln.

Da dürfte doch mit leichter Hand schon eine Art Gegen-Entwurf gezeichnet worden sein zu jener Art von Oligarchie, in der wir heute in allen Teilen Europas und Amerikas leben. (Denn es sollte sich ja wohl inzwischen herumgesprochen haben, daß der Begriff "Demokratie" längst nicht mehr mit der Verfassungswirklichkeit übereinstimmt - wenn er es überhaupt jemals getan hat in der europäischen Neuzeit.)

Klopstock, de Calonne, Vigée-Lebrun

Wir binden als erstes Bild (zugleich Vorschaubild) in diesen Beitrag ein Portrait des französischen Reformpolitikers und Finanzministers unter Ludwig XVI. ein, Charles Alexandre de Calonne, geschaffen von der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755-1842) (Wiki) (Abb. 1). Diese hat auch sonst viele hinreißende Portraits geschaffen. Darunter zum Beispiel auch mehrere der preußischen Königin Luise. Aber dieses Portrait des französischen Reformpolitikers mag aus ihren vielen schönen Bildern noch einmal besonders hervor stechen. Und genau deshalb stellt sich auch die Frage, was das da eigentlich für ein Mann war.

Abb. 4: Selbstportrait mit Tochter von Élisabeth Vigée-Lebrun (1786) (heute im Louvre)

Und man stellt fest: Dieser befähigte Staatsmann hätte, wenn König Ludwig XVI. ihn nicht zwei Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution entlassen hätte, diesselbe verhindern können! Und was für ein hinreißend schöner Mann war er zugleich! Zumindest auf dem Portrait dieser Künstlerin Vigée-Lebrun.

In ihrer Kunst ist auch sonst die ganze Seligkeit dieser Epoche eingefangen worden. Diese war eben nicht nur von wissenschaftlichem Wahrheitsdrang erfüllt, sondern auch von politischem Freiheitsdrang und von Sehnsucht nach Schönheit und dem Ausdruckgeben von Schönheit - in der Kunst. Wie erstaunlich, wie ungewöhnlich, dies alles in einer Zeit vereinigt zu sehen. Was für ein Wunder geradezu, wenn man darauf von heute aus blickt.

Wie weit, wie unendlich weit sind wir heute von all dem entfernt. Welche Fülle an begeisternden Gemälden hat allein diese eine französische Malerin geschaffen, eine Künstlerin, von der die meisten Leser vermutlich an dieser Stelle zum ersten mal erfahren - ebenso wie der Verfasser dieser Zeilen selbst erst gestern - durch reinen Zufall - auf ihre herrliche Kunst gestoßen ist. Ihre Gemälde, Portraits und Selbstportraits sind von so viel weiblichem und künstlerischem Selbstbewußtsein getragen. Man erkennt sofort: Eine selbstbewußte, emanzipierte Frau (Abb. 2-4). Und doch zugleich ist in diesen Gemälden so viel Zartheit, so viel Menschlichkeit enthalten, so viel weibliches Mitgefühl. Und wie jung diese Künstlerin war, als sie schon diese herrlichen Gemälde schuf.

Abb. 5: Portrait der venezianischen Schriftstellerin Gräfin Isabella Albrizzi-Teotochi (1760-1836) (Wiki), entstanden 1792, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun nach ihrer Flucht aus Frankreich

Man erkennt sofort: Von diesem weiblichen Selbstbewußtsein war auch die Königin Luise erfüllt, die mehrmals zum Gegenstand der Portraitkunst der Vigée-Lebrun geworden ist. Auch sie war Reformpolitikerin, auch sie gehörte den politisch fortschrittlichen Kräften ihrer Zeit an, auch auf ihr ruhten die Hoffnungen der Besten ihres Landes und ihres Volkes. Und sie war es, die den Plan hegte, Friedrich Schiller zum preußischen Minister zu ernennen. Und just in dieser Zeit starb Friedrich Schiller einen sehr frühen Tod! Und er erhielt in Jena ein sehr merkwürdiges Begräbnis. Und sein Schädel wird bis heute mit allem Eifer von der Wissenschaft gesucht.

Was für eine Zeit. Was für Schicksale. Unbegriffene Schicksale und begriffene. Wie viel Glanz, wie viel Schönheit, wie viel strahlende Selbstsicherheit selbst unter ihren weiblichen Künstlerinnen. Wie harmlos und selbstbewußt konnten auf den Bildern der Élisabeth Vigée-Lebrun alle Anzeichen weiblicher Schönheit und weiblichen Lebens zur Darstellung kommen?

Abb. 6: "Die unentschlossene Tugend" ("La Vertu Irresolue"), gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun schon 1775, also mit zwanzig Jahren

Wer möchte nicht in einer solchen Zeit gelebt haben - oder leben?

Eine Zeit, in der der wohlgeformte Busen einer Frau noch der wohlgeformte Busen einer Frau sein durfte, ohne daß das Anstoß erregte, ohne daß man durch das Zeigen desselben seine Kultiviertheit verlor (Abb. 5). Ganz so wie in der Antike.

Abb. 7: Portrait einer jungen Dame als Flora, gemalt von Élisabeth Vigée-Lebrun

Eine Zeit, in der eine Frau, die in Bezug auf ihre Tugendhaftigkeit nicht so recht weiß, was sie will oder wollen sollte, so außerordenlich weiblich und mitfühlsam dargestellt werden konnte (Titel "La Vertu Irresolue", das heißt "Die unentschlossene Tugend", Abb. 6). Wie so außerordentlich menschlich dieses Zeitalter. Wie so außerordentlich fern aller Bigotterie.

Abb. 8: Portrait der Sophie von Trott als Bacchantin, gemalt Élisabeth Vigée-Lebrun (1785)

Eine Zeit, in der sich Frauen als Bacchantinnen portraitieren lassen konnten (Abb. 8). 

Und so führt der Weg der Suche nach der Wahrheit und der Freiheit in letzter Instanz immer wieder zurück zur Entdeckung der Schönheit und der Liebe. 

Welches Zeitalter sollte uns dies eher bezeugen können als das Zeitalter der "republic of letters" und einer Künstlerin wie Élisabeth Vigée-Lebrun.

_____________

  1. Jorge Cañizares-Esguerra: Rethinking the “Western” revolution in science. Rez. von James Poskett's "Horizons: The Global Origins of Modern Science" (Mariner Books, 2022. 464 pp) In: Science, 28 Apr 2022, Vol 376, Issue 6592, p. 467, DOI: 10.1126/science.abo5229, https://www.science.org/doi/abs/10.1126/science.abo5229

Samstag, 9. April 2022

"Ich könnte mich in ein apokalyptisches Monster verwandeln"

Vor drei Jahren erst hat er die Welt vor dieser Möglichkeit gewarnt - der ukrainische Oligarch Kolomoisky

Im November 2019 warnte der ukranische Oligarch Ihor Kolomoisky (geb. 1963) (Wiki) (1):

"Ich könnte mich in jenes apokalyptische Monster verwandeln, das die ganze Welt in mir sieht."

Ob das nicht doch freundliche Worte von politisch einflußreichen Leuten der heutigen Zeit sind? Dieser Oligarch finanzierte die Produktion der ukrainischen Fernseh-Serie "Diener des Volkes", die Wolodymyr Selenski (geb. 1978) (Wiki) bekannt gemacht hat und die ihn schließlich zum Präsidenten der Ukraine gemacht hat.

Er finanzierte auch mindestens einen Teil der Truppen, die seit 2013 im Donbas die "freie" Welt gegen einen Schurkenstaat verteidigt.

Dürer - Die apokalyptischen Reiter

Und diese zitierten Worte vom "apokalyptischen Monster" erschienen am 13. November 2019 in keiner geringeren Zeitung als in der "New York Times". Und zwar als Abschluß eines langen Artikels über den politischen und militärischen Einfluß Kolomoisky's in der Ukraine (1). Es gab - soweit uns bekannt - niemals einen Aufschrei in der Welt um solcher Äußerungen willen. Ob es dafür seit "Ausbruch" des "großen" Ukraine-Krieges Anfang 2022 nicht doch Anlaß gäbe?

Wie selbstverständlich wurde erwähnt, daß dieser Oligarch der "Patron" des ukrainischen Präsidenten Selenski wäre. "Patron" klingt ähnlich wie das Wort vom "Bauern", als der der Herr Selenski in das politische Schachspiel von Herrn Kosomolskij hinein gebracht worden sei und wie es sich so selbstverständlich auch auf Wikipedia benutzt findet (Wiki). Daß ein solcher Einfluß, ein solches "Patronat", ein solches "Schachspiel" .... 

.... NullkommanullkommanullkommaNichts .....

... mit Demokratie zu tun hat, es scheint niemanden mehr zu interessieren. Solche Leute verteidigen die "freie Welt" gegen den bösen Schurkenstaat Rußland. Was für eine Verhöhnung mutet man uns zu. Was für eine Verhöhnung lassen sich die Gesellschaften auf der Nordhalbkugel gefallen? 

Aber was soll uns der Umstand mangelnder Kritik, mangelnder Empörung über solche Oligarchen in der westlichen Öffentlichkeit eigentlich sagen? Hängen westliche Politiker und Journalisten an denselben Strippen wie ukrainische? Was für ein widersinniger Gedanke. Oder besteht nicht womöglich längst jeder Anlaß, auch die "westlichen Demokratien" als Oligarchien anzusprechen - wie das in den letzten Jahren Oskar Lafontaine immer wieder getan hat?

Die Tatsache, daß Kolomoisky (zumindest einen Teil) jener ukrainischen Truppen finanzierte, die im Donabas seit 2013 Krieg führen, ist ja sicherlich ebenfalls ein so außerordentlich herrlicher Ausdruck von "freier Welt" und von Demokratie in diesem Land. Geradezu ein Ausdruck von Demokratie wie er "im Buche steht". Ein Paradebeispiel.

Und am Ende des Artikels heißt es - man höre zu als der dumme Erdenbürger als der man sich immer mehr und immer wieder erneut vorkommt:

Herr Kolomoisky wies die Berichte über seinen verborgenen Einfluß auf die Regierung Selenski's zurück. Er WARNTE aber, daß er anfangen könnte, an die DARSTELLUNG seiner selbst zu glauben, und daß er die Möglichkeiten hätte, sie in die Wirklichkeit umzusetzen: "Wenn ich mir eine Brille aufsetze und mich selbst anschaue, wie mich der Rest der Welt sieht, dann sehe ich mich selbst als ein Monster, als einen Puppenspieler, als den Drahtzieher Selensky's, als jemand, der apokalyptische Pläne verfolgt," sagte Kolomoisky. "Womöglich könnte  ich einmal damit anfangen, dieses Bild in die Wirklichkeit umzusetzen."
Mr. Kolomoisky rejected the reports about his hidden influence on Mr. Zelensky’s government. But he warned that he was starting to believe that depiction of himself, and that he had the ability to make it come to life. “If I put on glasses and look at myself like the whole rest of the world, I see myself as a monster, as a puppet master, as the master of Zelensky, someone making apocalyptic plans,” Mr. Kolomoisky said. “I can start making this real.” 

So die außerordentlich freundlichen Worte dieses politisch einflußreichen Menschen. 

Die letzten vom Artikelschreiber Anton Troianovski unkommentiert stehen gelassenen Worte auch dieses Artikels.

So viel Menschlichkeit und Menschenliebe steckt in diesen Worten. So viel Freiheitsliebe. So viel Liebe zur Demokratie und zu demokratischen, rechtsstaatlichen Prozessen. Die Welt entwickelt sich immer mehr in die richtige Richtung. Wie uns ja auch Herr Yuval Noah Harari (geb. 1976) (Wiki) verkündet, bezahlt von dem Oligarchen Wiktor Pintschuk (geb. 1960) (Wiki), wenn wir nur eifrig genug die Ukraine verteidigen.

Was für eine Warnung. In einer der angesehensten Tageszeitungen der Welt.

Klassische "Zukunfts-"Romane beschreiben die Vergangenheit

Es kommt einem immer öfter der Gedanke, daß klassische "Zukunfts"-Romane wie "1984" oder "Brave New World" längst in der Vergangenheit spielen, und daß jene Zukunftsromane, die in unserer Zeit geschrieben werden müßten, längst völlig anderer Art zu sein hätten.

Die Gesellschaften auf der Nordhalbkugel sind auf jene Art von Zukunft, die sich in dem derzeitigen Geschehen mehr und mehr andeuten - nämlich auf neue Arten von Dauerkriegszuständen - nicht im geringsten vorbereitet. Worden. Ihnen fehlt jede Form von Möglichkeit, überhaupt zu reagieren. Ihnen ist die Sprache genommen worden. 

Es ist, als wäre Paketklebeband über die Münder aller Menschen geklebt, die noch zu denken und zu urteilen fähig wären. Reden tun in den großen Medien nur noch - aber wirklich: nur noch - die Phrasendrescher. Die Narrative-Erzähler. 

Alle anderen schweigen. 

Man bedenke: Leute wie Oskar Lafontaine, Sarah Wagenknecht oder David Richard Precht gehören zu jenen, die man derzeit in Talkshows am ehesten noch wider den Stachel löcken läßt. Und wie harmlos und - sozusagen - "mäßig engagiert" äußern sie sich. 

Wie geradezu sentimental äußern sie sich im Angesicht dessen, was gerade geschieht und wie das wahrzunehmen ist, wenn man sie unter solchen Vorzeichen wie der zitierten Warnung vom November 2019 betrachtet.

Und jener ukrainische Kriegspräsident, der von jenem Oligarchen an die Macht gebracht worden ist (mittels einer "lustigen" Fernseh-Serie), einem Oligarchen, der inzwischen in Israel lebt, orientiert sich bezüglich der Zukunft der Ukraine - ebenfalls - an dem im Dauerkriegszustand lebenden Israel (2).

Sein "Top Adviser" Andrij Jermak (geb. 1971) (Wiki) befürwortet in diesem Zusammenhang eine engere Zusammenarbeit der Ukraine mit Israel (3):

"Heute ist die Ukraine Israel," 

sagt er. 

"Über das ganze Gespräch hinweg zog Yermak Parallelen zwischen der Ukraine und Israel."

Es gab Zeiten in der Geschichte, in denen sich die Ukrainer für solche - - - "Parallelen" bedankt hätten.

______________

  1. Anton Troianovski: A Ukrainian Billionaire Fought Russia. Now He’s Ready to Embrace It, 18.11.2019, https://www.nytimes.com/2019/11/13/world/europe/ukraine-ihor-kolomoisky-russia.html
  2. Lazaroff, Tovah: Zelensky: Ukraine will be like Israel, not demilitarized like Switzerland after the war, like a "big Israel." The Jerusalem Post, 5. April 2022, https://www.jpost.com/international/article-703335
  3. Lazar Berman: Top Zelensky adviser opens up about his Jewish roots, urges greater Israeli support, 25 March 2022, The Times of Israel, https://www.timesofisrael.com/top-zelensky-advisor-opens-up-about-his-jewish-roots-urges-greater-israeli-support/  

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