Sonntag, 17. Juni 2018

Lydia Benecke und die Skeptiker

Jahre lang mußte es einem auffällig erscheinen, daß sich die Skeptiker nicht mit der wesentlichsten Verschwörungs-Behauptung auseinander gesetzt hatten, nämlich mit dem Thema Elitärer Satanismus. Hier schien einem die Faktenlage so breit, sicher und solide, daß sie sich, so war einem klar, schwer tun würden, etwas hiergegen vorzubringen. Tatsächlich geschah das ja auch, wie gesagt, Jahre lang nicht.

 

 

Aber aus diesem Artikel (1) und allerhand Youtube-Videos (z.B. 2) kann man gerade lernen, daß die Skeptiker schon vor drei Jahren (oder länger) ENDLICH (!) jemanden gefunden zu haben glauben, der diese Verschwörungs-Behauptung "entkräften" kann: Lydia Benecke (geb. 1982) (Wiki).

Aber das, was sie vorbringt (2), ist bei weitem zu einfach gestrickt. Auffälliger Weise sind die Fernsehfilme "Operation Zucker" und "Operation Zucker - Jagdgesellschaft" und die begleitende Berichterstattung - soweit man sehen kann - von ihr noch nicht behandelt. Auffälliger Weise wird auf den Umstand, daß ein Jimmy Saville Jahrzehnte lang tätig sein konnte, daß es Jahrzehnte lang einen Kinderschänder-Ring im britischen Parlament gab, daß die SPD-Sektenbeauftragte des Deutschen Bundestages ganz andere Dinge aus den Parteien erfahren hat UND SO WEITER UND SO FORT, nirgendwo erwähnt.

Zum Teil widerspricht man sich auch selbst. Nämlich zum Beispiel dort, wo man einen "echten" Satanisten zu Wort kommen läßt und wo dieser Satanist dann allen Ernstes behauptet, alle Satanisten weltweit würden sich an die geltenden Gesetze halten. Ja, klar 'ne, das ist das, was man als Satanist als aller erstes tut. Diese Befragung des "echten" Satanisten und seine Antworten wurden deshalb auch mit Recht von vielen im Publikum als lächerlich empfunden.

Was aber für mich am aller Schlimmsten ist, das ist die schnoddrige Art, mit der die Julia Benecke durchgehend über Mißbrauchs-Erfahrung spricht, die ja auch sie bei vielen der von ihnen behandelten Opfer voraussetzt. Das ist mir ein Hinweis darauf, daß das noch keine angemessene Art ist, diese Dinge - meinetwegen auch kritisch und hinterfragend - zu erörtern. So kann man das nicht machen.

Der Polizist ist mir - ehrlich gesagt - zu "plump". Ihr habt niemand Besseren im Polizeiapparat gefunden? Meeerkwürdig.  Es kann von Lydia Benecke KEINE plausible Erklärung gegeben werden dafür, daß es die multiple Persönlichkeitsstörung überhaupt gibt. Es wird zugestanden, daß sie durch traumatische Erfahrungen verursacht wird. Im Grunde bringt sie alle Details und Anhaltspunkte, die man braucht, um ein vollständiges Bild dessen, was passiert zusammen zu setzen, da alternative Erklärungen entweder nicht angeboten werden oder aber zu simpel und banal sind.

/ Von meinem Facebook-Profil übernommen. /

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  1. https://hpd.de/artikel/satanic-panic-reloaded-15703
  2. https://youtu.be/2uV-FrmS46Q

Donnerstag, 7. Juni 2018

"Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke" (2007)

Vorbemerkung: Am 1. Mai 2014 war der folgenden Aufsatz-Entwurf entstanden und abgespeichert worden, der seither aber niemals abschließend bearbeitet worden ist. Gerade wird uns aber bewußt, daß in diesem Aufsatz-Entwurf unsere erste Begegnung mit Alexander Dugin festgehalten ist, und daß uns dabei - sofort - alle Zusammenhänge, die wir bis heute bezüglich Dugin glauben sehen zu können, schon mit einem mal gesehen haben. Wir möchten diesen Aufsatz-Entwurf darum unverändert veröffentlichen. Wesentlich und neu sind eigentlich nur seine beiden letzten Abschnitte ab "Die Dan Brown-Industrie".

Der Satanismusroman "Das Foucault'sche Pendel" von Dan Brown

Die "Holocaust-Industrie"
Alexander Dugin Netzwerke

Bis mindestens in die 1980er Jahre hinein mußte die "Holocaust-Industrie" (Noam Finkelstein) alle paar Jahre, mindestens alle drei bis fünf Jahre eine neue Sau durch's Dorf treiben. Wir erkennen heute, aus dem historischen Abstand und mit dem Wissen um die Involviertheit der Geheimdienste aller Länder in all dieses "Sautreiben" besser die Systematik, die dahinter stand. Dieses Sautreiben nannte sich ganz offiziell "Vergangenheitsbewältigung". Es war nichts als Propaganda. Der Holocaust als Public Relation-Aktion. Denn wenn es um die Warnung vor Menschheitsverbrechen an sich gegangen wäre, hätten ja im gleichen Zuge oder in ähnlich öffentlichkeitswirksamer Weise immer auch mindestens die zeitgleichen (vorhergehenden und nachherigen) kommunistischen Verbrechen oder viele andere Verbrechen behandelt werden müssen. Sind sie aber nicht. Also nichts weiter als Propaganda. 

Ein paar Einzelheiten dazu: Weihnachten 1959 die von östlichen Geheimdiensten inszenierten Hakenkreuzschmierereien an der Kölner Synagoge und von da ab dann in der ganzen westlichen Hemisphäre bis nach Australien hinunter. Und da es zuvor von den Diensten aller Länder - vermutlich in Camp David zwischen Eisenhower und Chruschtschow - abgesprochen war (so vermutet es Armin Mohler in "Vergangenheitsbewältigung"), drückten die westlichen Medien nicht nur beide Augen, sondern auch noch alle Hühneraugen zusätzlich zu und gerieten in Empörung über den "Neonazismus" in Deutschland, der da wieder sein gräuliches Haupt erheben würde, anstatt die Drahtzieher dieser Hakenkreuzschmierereien zu benennen, zu denen es gleich von Anfang an viele Verdachtsmomente gab.

Gerne ließ man die Truppe von Armin Mohler rund um Franz Josef Strauß da auf die wahren Drahtzieher schon gleich zu Anfang in aller Öffentlichkeit hinweisen. Wenn diese Hinweise aus dieser Ecke kamen, mußte das damals als ein Hinweis darauf gelten, daß die breite Öffentlichkeit sie nicht beachten brauchte! So einfach war und ist das. 10 Punkte für die Drahtzieher!

Nun, 1960 dann die Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien - was schon viel früher hätte geschehen können, aber offenbar nicht in den Zeitplan der PR-Aktion gepaßt hätte - und der Prozeß gegen ihn in Jerusalem. Legendäre Bücher entstanden. "Eichmann in Jerusalem" etc. pp..

1965 dann der große Auschwitz-Prozeß in Frankfurt am Main. Es gab dort einen regelrechten Zeugentourismus. Reihenweise wurden Zeugen aus Polen nach Frankfurt eingeladen. Niemand kam auf den Gedanken, daß man zeitgleich auch einen Prozeß hätte machen können etwa gegen die Täter in den polnischen und tschechischen Konzentrationslagern nach 1945. Es wäre ein Sakrileg gewesen, damals darauf hinzuweisen. Womöglich ist es das heute noch. Dabei ist es absurd hoch Zehn. Das ein Sakrileg zu nennen. Verbrechen sind Verbrechen. Aber wo Propaganda wirksam ist, gerät das normale menschliche Denken und Urteilen aus den Fugen.

Es sollen nicht alle Stationen dieses "Sautreibens" aufgeführt werden. Erinnert sei hier nur noch: Anfang der 1980er Jahre der sechsteilige Fernsehfilm "Holocaust". Einer der Filme, die eine ganze Generation prägte, imprägnierte.

Dann 1985 der durch Jürgen Habermas zur Einschüchterung der deutschen Historiker und Publizisten ausgelöste und in seiner Einschüchterung bis heute außerordentlich wirksame "Historikerstreit".

Dann noch Mitte der 1990er Jahre die breite öffentliche Diskussion um das Holocaust-Mahnmal. Spätestens aber ab dem Jahr 2005 wurde es um solches Sautreiben ruhiger. Es war das Jahr, in dem der Aufsatz "Natural History of Ashkenazy Intelligence" erschien und in der "New York Times" und im "Economist" an prominenter Stelle behandelt wurden, der vom Leiter der ADL Teddy Foxman grünes Licht erhielt, womit antizipiert war, daß künftig ein Denken auf der Linie von Kevin MacDonald - Judentum und Antisemitismus als gruppenevolutionäre Strategien - möglich wäre, und daß man das nicht noch zusätzlich beschleunigen dürfe durch weiteres unbedachtes Sautreiben. Seitdem tritt die Israellobby auffallend zurückhaltender auf. (Nun, so ganz kann sie sich an diese Zurückhaltung noch nicht immer und überall gewöhnen - Henrik Broder und Co. seligen Angedenkens.)

Die "Dan Brown-Industrie"

Indem man aber nun gerade "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco liest und sich Gedanken macht, mit welcher Zielrichtung dieser Roman wohl veröffentlicht worden ist, geht einem durch den Kopf, daß man parallel zu dem "Sautreiben" der Holocaust-Industrie wohl auch ein "Sautreiben" der, nennen wir sie einmal die "Dan Brown-Industrie" nachzeichnen könnte. Oder besser gesagt, der "östlichen Esoterik-" oder "Tibet-Industrie". Man könnte auch sagen, der "Erik von Däniken"- oder Kopp-Verlag-Industrie. Denn um nichts anderes geht es dabei. Eine Fülle von prominent veröffentlichten "Verschwörungs-Romanen" und von "Verschwörungs-Literatur" treibt seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit immer wieder neu die gleiche Sau durch's Dorf. Wobei es - selbstredend - wie auch bei der Holocaust-Industrie eine wunderschöne Gemengelage gibt von "Fact and Fiction", von bewußt eingeblendeten und bewußt ausgeblendeten Tatsachen. Sprich: Propaganda. Es seien auch hier wieder nur einige wenige "Glanz- und Höhepunkte" dieser Jahrzehnte langen PR-Aktion genannt:

1968 - "Erinnerungen an die Zukunft" von Erich von Däniken
1972 - "Der Speer des Schicksals" von Trevor Ravenscroft
1988 - "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco
1994 - "Das schwarze Reich" von E. R. Carmin (eigentlich keine Sau, sondern ein echtes Sachbuch)
2000 - "Illuminati" von Dan Brown (OA.: "Angels & Demons")
2003 - "Sakrileg" von Dan Brown (OA.: "The da Vinci Code")

Diese Liste ist sicherlich leicht auf die doppelte oder dreifache Länge zu erweitern. Auf Amazon gibt es derzeit 176 deutschsprachige Kundenrezensionen zu dem Roman "Das Foucaultsche Pendel" (1988) von Umberto Eco.

Man müßte sie einmal alle gründlich durchsehen, ob hier schon einmal irgendwo das geäußert wird, was andeutungsweise in "Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke" (2007) erörtert wird. Bis auf weiteres scheint es das erste und einzige Buch überhaupt zu sein, das wenigstens andeutungsweise unterstellt, daß Umberto Eco nicht eine ironische Parodie auf Verschwörungstheorien geschrieben hat, sondern schlicht eine reale Verschwörung schildert, die Umberto Eco selbst deshalb natürlich auch sehr gut bekannt ist, und die er unter einer der "tausend Masken des Meisters", hier unter der Maske der nur leicht angedeuteten überlegen-ironischen Infragestellung quasi zu lesen wie ein Sachbuch darstellt.

Umberto Eco - Parodist von Verschwörungstheorien oder Logenpropagandist?

Das also unterstellt, daß Umberto Eco selbst ein Teil der Verschwörung ist, die er schildert und daß er mit seinem Roman Werbung für diese Verschwörung macht. Die Nagelprobe darauf ist eigentlich leicht gemacht: Liest man zeitgleiche echte Sachbücher über dieselben Themen, die Eco behandelt, weisen sie niemals diese thematische Breite auf, die Eco aufweist. Sie haben jeweils immer nur Einblick in einen viel beschränkteren Sektor der Gesamtthematik. Etwa nur die Templer, etwa nur die Synarchie oder nur der Satanismus usw.. Eco aber greift aus dem Vollen. Und das mit unglaublich instinktsicherem Griff. Alles "sitzt", kein Griff erfolgt in "dümmliche" Spekulationen, die gar nicht zum Thema gehören würden. Nein, immer bewegt sich Eco mit seinen Themen im Hauptstrom der Mythen und Legenden der Dan Brown-Industrie.

Wozu wäre das eigentlich nötig, wenn man nur einen Roman schreiben wollte? Da hätte man doch freie Wahl, könnte seiner Phantasie und Spekulation die Zügel schießen lassen. Das aber tut Eco keineswegs. Derjenige, der sich mit den Themen seines Buches nur annähernd auskennt, sieht sofort, daß dieser Roman von seinem sachlichen Gehalt her wie ein Sachbuch gelesen werden könnte. Daß er vom sachlichen Gehalt her die Grenzen eines solchen Sachbuches jedenfalls nie überschreitet.

In dem genannten Buch über die "rechtsextremen Netzwerke" heißt es (1, S. 84f):

Eco konnte die für seinen Roman dokumentierten Hintergrundkenntnisse auch deshalb erwerben, weil zur Entstehungszeit des Buchs ein enger Austausch zwischen französischen und italienischen Esoterikern stattfand, geleitet von den Wertvorstellungen des "faschistischen Guru" (Eco) Julius Evola.
Es ist bemerkenswert, daß Eco aus der Fülle des esoterischen Angebots, das Italien in jenen Jahren überflutete, jene Beispiele wählte, die auch für die Parvulesco-Dugin-Bewegung charakteristisch sind. (...) Die Templer, um die es in Ecos Buch vor allem geht, spielen auch in der Parvulesco-Dugin-Bewegung eine Rolle. (...)
Daß es wirklich geheime Verbindungen in der Nachfolge d'Alveydres gibt - das ist die Pointe von Ecos Buch. Dugin hat z.B. (...) ein Kapitel Saint-Yves d'Alveydre gewidmet. (...) Gibt es die Synarchen wirklich?
Das Buch bejaht diese Frage dann, die natürlich auch noch aus vielerlei anderer Hinsicht bejaht werden kann. Darüber gibt es ja eine umfangreiche, wenngleich zumeist nur in französischer Sprache erschienene Literatur. Auch beispielsweise Heinrich Mann beschäftigt sich in einem Spätwerk mit dieser Synarchie.
_________________

  1. Ivanov, Vladimir: Alexander Dugin und die rechtsextremen Netzwerke. Fakten und Hypothesen zu den internationalen Verflechtungen der russischen Neuen Rechten. Mit einem Vorwort von Andreas Umland. ibidem, 2007

Montag, 2. April 2018

Um der Kunst willen - Leidenswilligkeit und Leidensfähigkeit

Die weltberühmte koreanische Sopranistin Sumi Jo
- Ihre Kindheit und Jugend in Korea

In Abwendung von so viel Nichtigem, Scheußlichen und Banalen, das uns politisch, menschlich und kulturell umgibt kann es so wertvoll sein, diese oder jene Dokumentation, dieses oder jenes Interview, manches Konzert anzusehen und anzuhören, die es derzeit auf Youtube zu finden gibt über den deutschen Dirigenten Herbert von Karajan (1908-1989) (Wiki) und über seine Schülerin, die deutsche Violinistin Anne Sophie Mutter (s.a. GooglePlus). Man darf diese Video's alle für sehens- und hörenswert erachten. Man erfährt hier, daß sogar der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sich in einem Interview sehr positiv über Herbert von Karajan ausgesprochen hat. Unmittelbar nach dem Tod Wilhelm Furtwänglers Ende 1954 begann die "Ära Karajan" im deutschsprachigen, europäischen und weltweiten Musikleben. Und sie endete erst mit seinem Tod im Jahr 1989. Es waren gute Jahre und es kann wertvoll sein, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Abb. 1: Herbert von Karajan, 1987
Wenn man etwa eine Karajan-Biographie liest (etwa die von Franz Endler), in der all das diplomatische "Ränkespiel" auf nationaler und internationaler Ebene rund um den "Tyrannen", den "Despoten", den "Herrscher", den sich seiner Macht bewußten "Renaissance-Menschen" Herbert von Karajan zu Darstellung kommt, kommt einem zugleich der Gedanke, daß künftig die Zeit zwischen 1955 und 1989 nicht mehr benannt werden wird nach den ekelhaftesten Aspekten dieser Jahre, also nicht mit Begriffen wie "Adenauer-Ära", Zeit des "Kalten Krieges", Zeit des weltweiten Regierungs- und False Flag-Terrorismus, "Terrorjahre" oder welchen verbrecherischen, ekelhaften Aspekt man sonst für diese Zeit herausgreifen will. Nein, man wird mit den benutzten Benennungen dann nicht mehr in erster Linie die Aufmerksamkeit auf die ekelhaften, verbrecherischen, banalen, schändlichen, schamvollen Dinge richten. So wie wir die Bismarck-Zeit nach dem hervorragendsten Menschen benennen, der damals in Deutschland, in Europa und der Welt Friedenspolitik betrieben hat, von allen Seiten anerkannt und geschätzt, so wird künftig die Zeit zwischen 1955 und 1989 die "Ära Karajan" heißen. Und genug.

Und damit wäre dann auch jener Bereich benannt, in dem Deutschland seine Weltgeltung behielt, auch noch in einer Zeit, in der es ansonsten politisch und kulturell ein Bild beispielloser Schande abgegeben hat und abgibt.





Schon im Jahr 2007 war auf unserem Blog die Aufmerksamkeit gerichtet worden auch auf jene Filmsequenz, in der man unmittelbar daneben steht, als Herbert von Karajan 1988 die bedeutende Sopranistin unserer Zeit entdeckte, die Koreanerin Sumi Jo (geb. 1962) (Wiki) (s. St.gen.2007).  Das wurde letztes Jahr noch einmal in überarbeiteter Form veröffentlicht (s. Für Kultur2017). Schon bei der Zurkenntnisnahme dieser Filmsequenzen und der Weltkarriere von Sumi Jo konnte bei manchem Zuschauer die Frage entstehen, wie diese Frau eigentlich in Südkorea aufgewachsen ist, was sie erlebt hat, wie sie zu jenem Menschen wurde, der da 1988 bei Herbert von Karajan vorsang. Und endlich - seit knapp einem Jahr - kann man auf Youtube darauf eine Antwort finden (Yt)!! Dieser Umstand ist der eigentliche Anlaß für den vorliegenden Blogartikel.

In der Dokumentation werden viele Stationen der Lebensgeschichte von Sumi Jo von Schauspielern nachgespielt. So entsteht eine sehr "rührende" Geschichte. Dadurch daß Sumi Jo aber zwischendurch immer wieder selbst zu Wort kommt im Interview über ihre Lebensgeschichte, erhält die Dokumentation eine sehr große Authentizität. Diese Form der Dokumentation einer Lebensgeschichte ist im Westen wohl nicht so gebräuchlich, aber eigentlich gar nicht schlecht.

Der Film wendet sich ins Heroische


Alles fühlt sich in dieser Dokumentation - natürlicherweise - sehr "koreanisch" an. Sumi Jo ist in Korea selbst schon sehr früh als Wunderkind entdeckt worden. An einer Stelle drohte ihr Vater mit dem gemeinsamen familiären Selbstmord, als sie begann, ihr Musikstudium schleifen zu lassen, da sie innerhalb von Korea keine Herausforderungen mehr fand, zugleich in einen jungen Mann verliebt war und nur noch in Disco's ging. Und dann die abrupte Wendung: Ihre Lehrerin schlägt ihr vor, ins Ausland zu gehen, ins Land des Gesanges, nach Italien. Sumi Jo verläßt Lehrerin, Eltern und ihre große Liebe: Um der Kunst willen verzichtet sie auf alles. Der Film wendet sich ins Heroische.

Aber man darf das eindrucksvoll finden. Noch heute spricht die ebenfalls von Karajan entdeckte Geigerin Anne-Sophie Mutter davon, daß es in den ostasiatischen Ländern deshalb so viele musikalische Spitzentalente gibt, weil der Ehrgeiz, die Leidensfähigkeit und Leidenswilligkeit um der Kunst willen dort noch viel größer sind. Dieser Umstand ist auch an dem Lebensweg von Sumi Jo aufzeigbar. Es werden schließlich ihre Leidensjahre in Italien dargestellt, in denen sie täglich Italienisch lernte, Gesang studierte und nur vier Stunden in der Nacht schlief, in denen es ihr schwer fiel, all die vielen unterschiedlichen Ratschläge der Gesanglehrer auf sich anzuwenden und unter den verwirrenden Eindrücken ihren eigenen Stil zu finden.

Mit Leidenschaft bringen die koreanischen Regisseure das "Hecheln" vor die Kamera, das zu den Übungen des Gesangsunterrichts in Italien gehörte, und dessen sehr komische Wirkung auf das koreanische Publikum man auch als Regisseur offenbar empfand. An solchen Szenen ist deutlich spürbar, daß diese Dokumentation nicht auf europäisches Publikum berechnet sein kann. Und genau dieser Umstand macht sie zugleich auch so authentisch. - Leider gibt es für den zweiten Teil der Dokumentation (Yt) noch keine englischen Untertitel. Und so auch leider nicht von so vielen anderen verfügbaren Dokumentationen in koranischer Sprache über das Leben dieser Sumi Jo, das von so viel Leidenschaft erfüllt ist und in der Lage ist, jeden Zuschauer so durch und durch lebendig zu machen, selbst wenn er längst zu Wachs geworden sein sollte. Aber in einem anderen Video (Yt) erzählt Sumi Jo immerhin, wie sie in den drei Jahren, bevor sie 1988 bei Herbert von Karajan vorsang, sich oft verloren gefühlt hätte auf den internationalen Bühnen:
"I often felt lost on the international stage."
Es wird auch in der ersten Dokumentation nachgespielt wie ihre Manager ihr vorschlagen, um der internationalen Karriere willen einen europäischen Namen anzunehmen. Sie spricht schließlich davon, daß das Zusammentreffen mit Karajan so gewesen wäre als ob sie einen Lehrer getroffen hätte:
"Meeting Karajan was like meeting a mentor."
Er gab ihr den gebührenden Platz im weltweiten Musikleben. Und natürlich war das möglich, ohne den Namen zu ändern. Womöglich wäre aber Sumi Jo ohne Karajan nie so berühmt geworden wie sie es heute ist. Diese Frage darf man wohl stellen. Deshalb sei in diesem Beitrag auch noch einmal das Video eingestellt von den acht Minuten im Leben von Sumi Jo, die dieses Leben die Wendung hin zur Weltkarriere machen ließ (s. Yt, es liegt auch vor: hier und hier mit englischen Untertiteln). Das Besondere und die Seltenheit dieser Filmaufnahme besteht ja eben darin, daß hier der Zuschauer unmittelbar daneben sitzen darf, wie eine außergewöhnliche musikalische Begabung - quasi mitten aus der künstlerischen Alltagsarbeit heraus - von einem so schöpferischen, kongenialen Menschen wie Karajan entdeckt wird.




Bekannterweise sind von Karajan viele der begabtesten Musiker unserer Zeit entdeckt worden. Aber natürlich war nicht in jedem Fall ein Filmteam - geradezu wie "nebenbei" - dabei und filmte mit (1). Man wird also selten so unmittelbar das Geschehen nacherleben können wie hier, würde es auch noch so anschaulich in Worten der Erinnerung wiedergegeben werden.

Zum Beispiel gibt es auch seit 2017 ein schönes Video, in dem die Sängerin Gundula Janowitz in eben jenem Jahr 2017 außerordentlich eindrucksvoll über ihre Zusammenarbeit mit Karajan - und auch das Ende dieser Zusammenarbeit berichtet (Yt, 2017). Das Ende der Zusammenarbeit ergab sich daraus, daß Karajan wünschte, daß Gundula Janowitz Beethovens "Fidelio" für ihn singen sollte. Gundula Janowitz fühlte sich aber noch nicht reif genug dazu und spielte ihm in der Gesangsprobe dazu eine gar zu naive Sängerin vor. Sie tat dies, weil sie sich nicht traute, ihm rundweg abzusagen. Karajan durchschaute sie aber sofort (!) und wünschte sich dann, daß sie später mit ihm den Fidelio machen würde. Und man darf es in der Tat bedauern, daß es dazu nicht mehr kam. Gundula Janowitz machte den Fidelio nämlich dann - entgegen der Absprache - mit Leonard Bernstein. Und sie erzählt, daß Bernstein sie von Anfang an ebenso wenig mochte wie sie ihn. Und sieht man Aufnahmen von der dabei entstandenen Inszenierung, wird einem klar, wie Gundula Janowitz tatsächlich - ohne Karajan - so ganz und gar "mißraten" konnte in einer Rolle wie dem Fidelio. Und man empfindet zugleich den riesen großen Verrat an der Kunst, den Karajan empfand als er hörte, die Janowitz singt den Fidelio für Bernstein. Danach jedenfalls wollte er nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten und verabschiedete sich, wie sie berichtet, sehr höflich von ihr. - Außerordentlich krass. Im Musikleben um Herbert von Karajan ist überall so viel "Leben" drin, so viel "Dramatik", so viel pure Kraft und Leidenschaft. - Aber nun abschließend nur noch einige weitere Videos mit Sumi Jo.





Hier singt sie die "Königin der Nacht" und es wird ein kleiner Überblick über die "Legende" dieser Sängerinnen-Karriere gegeben (Yt).




Hier singt sie den "Frühlingsstimmen" -Walzer von Johann Strauß,
Die Lerche in blaue Höh' entschwebt,
der Tauwind weht so lau;
sein wonniger milder Hauch belebt
und küsst das Feld, die Au.
Der Frühling in holder Pracht erwacht, – ah, ah, ah –
alle Pein zu End' mag sein,
alles Leid, entfloh'n ist es weit!

Schmerz wird milder, frohe Bilder,
Glaub' an Glück kehrt zurück;
Sonnenschein – ah – dringt nun ein, – ah –
alles lacht, ach, ach, erwacht!
Sonnenschein …

Die Lerche in blaue Höh' entschwebt, …



Hier singt sie "Wiener Blut" von demselben.
Ich spür' es,
das Wiener Blut.
Wiener Blut,
Wiener Blut!
Eig'ner Saft,
Voller Kraft,
Voller Glut,
Du erhebst,
Du belebst
Unser'n Mut!
Wiener Blut!
Wiener Blut!
Was die Stadt
Schönes hat,
In dir ruht!
Wiener Blut,
Heiße Flut!
Allerort
Gilt das Wort:
Wiener Blut!
Und hier erzählt sie ein bißchen, wie sie sich auf einen Auftritt vorbereitet. Und hier gibt es ein sehr interessantes 25-minütiges Interview aus dem Jahr 2005 mit Sumi Jo im "New York Public Radio", in der sie einiges über ihr Leben und ihren Beruf erzählt. Auch über die Oper des nächsten Abends "La Sonambula" ("Die Schlafwandlerin"), eine Oper des Italieners Vincenzo Bellini (1801-1835).
______________________________________________
  1. Froemke, Susan; Gelb, Peter; Dickson, Deborah: Karajan at the Salzburg Festival. Rehearsal (Probe) and backstage from the Salzburg Festival. Deutsch: Karajan in Salzburg, 1 h 22 min, Sony, 1988, http://www.medici.tv/en/documentaries/karajan-in-salzburg-deborah-dickson-susan-froemke/, auch https://www.youtube.com/user/cagin/videos

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