Mittwoch, 6. Mai 2009

Vor 2.000 Jahren - Ein zäher Kampf zwischen zwei Kulturen

Neue Erkenntnisse zu den Ereignissen des Jahres 9 n. Ztr. östlich des Rheins


Offensichtlich haben die Römer nach der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Ztr. im Römerlager Haltern an der Lippe doch noch zäheren Widerstand geleistet gegen die Germanen (siehe Bild links), als das bislang bekannt gewesen ist.

Dies scheinen zumindest neue Ausgrabungen in diesem Römerlager Haltern und ihre Auswertung aufzuzeigen, wie heute berichtet wird. (Münstersche Ztg., Focus, Münsterländ. Volksztg., Halterner Ztg.)

Da dieses Militärlager auf der Nachschublinie der Römer entlang der Lippe vom Rhein zur Weser etwa im Jahre 9 n. Ztr. aufgegeben worden sein muß - abzulesen an der Datierung seiner reichhaltigen Kupfermünz-Funde, dem Handgeld der einfachen römischen Legionäre -, war die Forschung bislang davon ausgegangen, daß dieses Lager entweder im Kampf oder kampflos von den Römern nach der Niederlage von Kalkriese 9 n. Ztr. geräumt worden sein muß. - Aber nun widersprechen gefundene, achtlos in einem Römerofen bestattete Skelette von jungen germanischen Kriegern im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren dieser bisherigen Ansicht:
Eine sogenannte Sauerstoff-Strontium-Isotopenanalyse der Zähne ergab: Sechs der ehemaligen Männer zwischen 20 und 50 Jahren stammten aus der näheren Region, vier Personen hatten weite Reisen hinter sich. Sie kamen alle aus der gleichen Gegend, entweder aus dem Schwarzwald oder aus Böhmen, wie man an winzigen Getreidespuren feststellte, die sich in den Zähnen ablagerten.
Unter König Marbod aus Böhmen nach Kalkriese und nach Haltern an der Lippe gezogen

Diese Herkunft ist schon für sich bedeutsam, zeigt sie doch - und bestätigt zugleich die schriftlichen Berichte der römischen Historiker darüber -, daß es in der Tat in jener Zeit zu einer weitreichenden Zusammenarbeit zwischen den vielen germanischen Stämmen gekommen war, und daß die Krieger sogar aus Böhmen - unter ihrem König Marbod - (- und aus dem Schwarzwald?) gekommen waren, um den Römern östlich des Rheins diese vernichtende Niederlage beizubringen:
Alle Getöteten hatten ihre Kindheit und Jugend entweder im Umkreis von Haltern oder im Schwarzwald und Böhmen verbracht und gehörten so vermutlich zu örtlichen oder verbündeten Germanenstämmen.
Ein römisches Maultier, das in Kalkriese gefunden wurde, stammte übrigens auch aus Süddeutschland, womit die Angabe "Schwarzwald" manches Widersprüchliche aufwirft. Denn natürlich dienten auch in den römischen Legionen zahlreiche germanische Hilfsvölker. Hilfsvölker, die nach der Schlacht übrigens auch zu den Germanen übergelaufen sein könnten.
An winzigen Getreidespuren im Zahnschmelz konnte man ablesen, dass die meisten Personen aus der Umgebung von Haltern kamen, vier jedoch wohl aus Mittelgebirgen wie dem Schwarzwald oder aus dem Böhmerwald stammten.
Hastig und ohne Sorgfalt in einem Töpferofen verscharrt

Aber vielleicht gibt das auch schon so ungefähr herkunftsmäßig die proportionale Zusammensetzung jener germanischen Krieger wieder, die da im Jahre 9 n. Ztr. die römische Herrschaft östlich des Rheins aus dem Lande, also aus dem "freien Germanien", fegten. - Vielleicht kamen auch Germanen, die unter der Herrschaft der Römer im Schwarzwald lebten, dazu. - Aber was noch weitreichendere Implikationen in sich bergen könnte, sind bei genauerer Betrachtung die weiteren Tatbestände:
„Die Leichen wurden nach dem misslungenen Überfall auf das Halterner Römerlager im Winter 9/10 nach Christus ohne erkennbare Sorgfalt hastig in einen der zehn Töpferöfen geworfen und verscharrt“, erklärte Dr. Rudolf Aßkamp.
Und die Schlußfolgerungen daraus:
... Viele Experten seien jedoch bislang davon ausgegangen seien, dass das Lager in Haltern unmittelbar nach der niederschmetternden Niederlage der Römer im Kampf gegen die Germanen aufgegeben worden sei, sagte Aßkamp. Falls nun Haltern bis zum endgültigen Rückzug der Römer aus Germanien im Jahr 16 nach Christus weiter genutzt worden sei, komme die römische Niederlassung nun auch als Standort für die bei Tacitus beschriebene römische Rückzugsfestung Aliso in Betracht. Über den Standort von Aliso kursierten bereits viele Theorien. Aliso würde demnach irgendwo weiter entfernt liegen. «Die Indizien deuten nun auf Haltern hin», sagte Aßkamp.
Ein kritisches Überdenken der neu erforschten Tatsachen muß tatsächlich zu dem Ergebnis kommen, daß dieses Lager zumindest für einige Wochen nach Kämpfen mit Germanen noch in Besitz der Römer war oder wieder gekommen ist. Denn wenn die Germanen das Römerlager Haltern im ersten Ansturm - oder auch in einer späteren Phase - siegreich eingenommen hätten, hätten sie, so kann man vermuten, ihre eigenen Gefallenen doch ordentlich bestattet, bevor sie abgezogen oder weitergezogen wären.

Tor eines Römerlagers

Daß dies hier ganz offensichtlich nicht geschehen ist, sondern daß die Gefallenen achtlos - also sicherlich von den Römern - "beiseite" geschafft wurden, deutet viel eher darauf hin, daß zumindest jene Germanen, die hier bestattet worden sind, eine örtliche Niederlage im Kampf um das Lager erlitten haben müssen, und daß die römische Besatzung zeitlich zumindest noch so viel Gelegenheit gehabt haben muß, umgekommene feindliche germanische Krieger achtlos zu bestatten. Man könnte auch ein Szenario entwerfen, in dem diese Germanen Opfer eines siegreichen Gegenangriffes der Römer gewesen sind.

Die Römer hielten Haltern wohl mindestens für so manche Woche gegen die Germanen

Andererseits: Warum "entsorgte" man sie in sicherlich zuvor benutzten Öfen? Dann war man sich doch einigermaßen sicher, daß man diese künftig nicht mehr benutzen würde, also daß man das Lager selbst langfristig nicht würde halten können oder wollen?

Ob nicht auch die Münzfunde schon seit langem gegen ein längeres Verweilen der Römer in Haltern nach dem Jahr 9 n. Ztr. sprechen? Da müßte man sich noch einmal die Einzelheiten in den Datierungen ansehen. - Bei dieser Bestattung handelt es sich wohl sozusagen nur um eine kurzfristige Zwischenphase der Kämpfe, und sie zeigt lediglich auf, daß die Römer durchaus noch versuchten, das Lager militärisch zu halten, auch wenn sie es dann doch wenige Wochen oder Monate später verließen.

Denkmal im so genannten "Teutoburger Wald" -
falsch plaziert, denn der Teutoburger Wald der Römer war das Wiehengebirge bei Kalkriese

So daß die weitergehend daran angeschlossenen Aliso-Thesen doch nicht so viel Zugkraft hätten? Man wird die künftigen Forschungen da mit großer Aufmerksamkeit weiter verfolgen. Auch das Römerlager Haltern an der Lippe (Wiki) jedenfalls rückt mit diesen - seit den Ausgrabungen bei Kalkriese - immer mehr in ein Bild großer und immer konkreter werdender historischer Zusammenhänge hinein. In das Bild eines zähen militärischen Kampfes zwischen zwei sehr unterschiedlichen - auch rein militärischen - Kulturen. Von allem, was über das rein Militärische hinaus geht, ganz abgesehen.

Nur eine Minderheit von germanischen Kriegern trug zu jener Zeit zum Beispiel Eisenwaffen - und zwar sowohl nach den Berichten des Tacitus wie nach archäologischen Funden: An dem langen, archäologisch ergrabenen Holzweg über das "Große Moor" (nördlich von Kalkriese) , jenem Moor, in dem die Römer "verreckten" (und möglicherweise auch jene "pontes longi" der römischen Berichte) fanden sich anstelle dessen solche gut erhaltenen Holzwaffen wie in diesem Beitrag ganz oben links abgebildet, Holzwaffen, die Schläge mit Eisenwaffen abgewehrt haben müssen, wie anhand der quergerichteten Scharten auf ihnen vermutet werden kann.

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