Donnerstag, 11. Juli 2013

Die lärmenden Freier im Hause des Odysseus

(Im folgenden die bedeutend erweiterte Version eines schon vor 1 1/2 Jahren auf diesem Blog veröffentlichten Beitrages. Die hier behandelte "Odyssee" von Homer soll künftig noch ausführlichere Behandlung erfahren. Das hat sie nämlich allemal verdient, wie uns erst bei der Erarbeitung dieses Beitrages voll bewußt geworden ist.)

Die lärmenden Freier im Hause des Odysseus. Welch ein Sinnbild! Sie wollten sie an sich reißen: die Ehefrau des Odysseus. Und sein Erbe. Während Odysseus selbst auf Irrfahrt war. Sie versuchten, ihn für tot zu erklären. Fast die Hälfte der "Odyssee" des Homer, nämlich der 13. bis 24. (und zugleich letzte) Gesang, behandeln gar nicht die Irrfahrten des Odysseus. Sondern in vielerlei Einzelheiten alle Vorgänge rund um seine Heimkehr. Von der Odyssee insgesamt könnte also genauso gut gesagt werden, daß sie nicht im Wesentlichen die Geschichte einer Irrfahrt ist, sondern womöglich mehr noch die Geschichte einer Heimkehr. Die Geschichte eines "coming home", wie es das "My home, my castle"-Volk nennen würde. Die Geschichte eines Nach-Hause-Kommens.

Und von diesem Teil der Odysseus-Dichtung ließ sich auch der deutsche Maler Lovis Corinth (1858-1925) (Wiki) am meisten ansprechen (Abb. 1-4).

Als Bettler im eigenen Haus

Aber wie stark müssen schon die antiken Griechen das Spannungsverhältnis erlebt haben. Auf der einen Seite nämlich: Ausgriff und Eroberung, Irrfahrt und Abenteuer, Fremde und Untergangsnot. Und auf der anderen Seite: Heimat und Heimkehr, angestammtes Erbe und Ertrotzung desselben, und schließlich das Zu-Hause-Sein selbst. Wie müssen sie von beiden Enden dieses Spannungsverhältnisses her zugleich bewegt gewesen sein. Und dies im übrigen auf der gleichen Ebene der Bewertung, auf die sie die "Ilias" stellten, den aus griechischer Sicht niemals genug besungenen Kampf um Troja.

Abb. 1: Lovis Corinth - Odysseus im Kampf mit dem Bettler, 1903
Odysseus jedenfalls kam schließlich heim. Am Ende seiner Odyssee, am Ende des Inbegriffs aller "Irrfahrten". Und da ihm, verarmt und heruntergekommen wie er war, niemand geglaubt hätte, daß er Odysseus ist, verkleidete er sich zunächst in einen Bettler (Mythentor):
Wie sehr schlug das Herz von Odysseus in seiner Brust als er sich dem Palast näherte. Niemand achtete auf ihn. Nur sein alter Hund Argos hob dem Kopf als er den Vorhof betrat. Trotz seiner Verkleidung hatte er seinen Herrn erkannt und wedelte nun freudig mit dem Schwanz. Doch die Kraft reichte nicht mehr, um Odysseus entgegenzulaufen. Und so starb er vor dessen Füßen. Verstohlen wischt sich da der heimgekehrte König eine Träne aus seinen Augen. Um Brosamen bittend ging er durch die Reihen der Freier. Einige gaben ihm tatsächlich etwas. Doch Antinoos, der Frechste von allen, warf einen Fußschemel nach ihm und traf ihn an der Schulter. Grimm flammte da in Odysseus Herzen auf. Doch noch verschloß er seinen Zorn. Weitere Beschimpfungen mußte Odysseus, der Bettler, über sich ergehen lassen. Ein anderer Bettler in diesem Hause trieb der Neid dazu, seinen Nebenbuhler zu vertreiben, und er fing einen Streit mit Odysseus an. Die Freier stachelten sie gegeneinander auf und zwangen sie zu kämpfen. Wie lachten sie, als es Odysseus gelang, den Landstreicher zu Boden zu schlagen.
Schließlich aber schlägt doch die Stunde der Rache. Und Odysseus läßt seinen Zorn sprechen (Mythentor):
Nun endlich war die Stunde der Rache gekommen. Tür um Tür verschlossen die treuen Diener, so daß die Freier nicht entkommen konnten. Dann griffen Odysseus und Telemachos zu den Waffen, die sie zuvor im Saal versteckt hatten. Ein fürchterliches Blutbad richteten sie unter den Freiern an, dem keiner von ihnen entkam.
Diese Stunde des Zorns nun hat der Maler Lovis Corinth in seinem Werk 1913/14 aufgefangen (Abb. 2, 3). Sie sind heute zu sehen in der "Berlinischen Galerie", dem Landesmuseum für moderne Kunst in der Nähe des "Checkpoint Charly", diese Gemälde (1, 2). Und sie machen deutlich, wie sehr Lovis Corinth von dieser Dichtung rund um Odysseus ergriffen gewesen ist. Den Kampf des Odysseus mit dem Bettler hatte Corinth ja schon im Jahr 1903 in einem wild bewegten, burlesken und kuriosen Gemälde dargestellt. Auch dies ein echter "Corinth" eben aus der Zeit seines vollsten Kraftgefühls heraus (Abb. 1).

Abb. 2: Lovis Corinth - Odysseus und die Freier, 1913/14
Doch nun nicht mehr der gedemütigte Bettler Odysseus. Sondern der sich wieder aufrichtende, beziehungsweise der aufgerichtete bogenschießende Odysseus. Im Kampf mit den Freiern. Dies ist gemalt worden nach dem tiefen Einschnitt im Leben Corinths. Nämlich nach seinem schweren Schlaganfall im Dezember 1911. Es ist ernsthafter. So wie das ausgewählte Thema selbst ein ernsthafteres ist. Und das Erlebnis dieser Dichtung flammte - wie so oft - weiter in Corinth fort. Er schuf noch in den Jahren 1917 und 1919 andere Varianten zu diesen Gemälden (Abb. 4) (1917: abc, 1919: ab).

Abb. 3: Lovis Corinth - Odysseus und die Freier, 1913/14
Möglichkeiten der Deutung der "Odyssee"

Corinth scheint sich hier eines der Urthemen der Menschheit angenommen zu haben. Immer wieder drängen sich Unberechtigte in ein Erbe. In ein Erbe, das ihnen nicht gehört. Und sie prassen darin. Achtlos, lärmend, laut. Und sogar die Treue der eigenen Ehefrau wird auf eine harte Probe gestellt.

Und manchmal ist der Ehemann und eigentliche Besitzer furchterregend lang auf Irrfahrt. Oder womöglich ist er schon wieder zurück? Und geht unerkannt - vielleicht gar wie Odysseus als Bettler verkleidet - im Hause umher? Wer könnte denn dieser Bettler sein? Du? Ich? Oder wir alle?

Dieser Mythos könnte zu sehr vielen grundlegenden Zusammenhängen menschlichen Lebens in Bezug gesetzt werden. Etwa in dem Sinne: Der Mensch verläßt die Heimat seiner Seele, nämlich die Kindheit. Und über lange Irrfahrten des Lebens hinweg kehrt er im Reifealter zu dieser Heimat seiner Seele zurück. Allerdings hat sich dort - nämlich in seiner Seele selbst - inzwischen viel Lärmendes, Ungebührendes angesammelt. Und wie ein Bettler könnte das "bessere Ich" seiner Seele nun im eigenen Haus umhergehen und die Vorgänge dort wie ein Fremder beobachten. - Bis sich dieses "bessere Ich" auflehnt gegen all das Ungebührende. Bis es die "Freier" seiner Seele in der Aufwallung großen Zornes vernichtet - und wieder das Erbe einnimmt.

Abb. 4: Lovis Corinth - Odysseus und die Freier, Variante, 1919 (abc)
Ob Peter Sloterdijk in seinem Buch "Zorn und Zeit" auch auf diesen homerischen Mythos zu sprechen kommt? Diesen großartigen Moment jedenfalls hat Lovis Corinth in seinen Gemälden aufgefangen.

Und so wie auf innerseelischer Ebene kann die Dichtung natürlich auch auf vielen Ebenen außerhalb der einzelnen individuellen Seele gedeutet werden. Etwa als der "klassische Fall" einer dialektischen Entwicklung der Menschheitsgeschichte: Naturverbundene, tatkräftige Völker werden durch Einführung ihnen zunächst fremder Religionen und damit verbundener Lebensweisen auf die "Irrfahrt" ihrer eigenen Geschichte geschickt. Und sie müssen sich - in der geistigen Entfremdung - Jahrhunderte lang mit dieser Fremde auseinandersetzen, sehnen sich Jahrhunderte lang nach Rückkehr, nach Wiedergeburt ("Renaissance"). Und eines Tages kehren sie tatsächlich zurück. Sie werfen die lärmenden Freier ihrer Seele wieder aus dieser hinaus. Und kehren zu ihrer alten Naturverbundenheit, zu der schon den Kindern eigenen Lauterkeit ihrer Seele zurück. Aber  nun auf gereifter, voll bewußter Ebene.

"Es wird mir, gedenke ich der Bilder, ganz warm ums Herz"

Die Malerin Charlotte Berend-Corinth (1880-1967) (Wiki), die Ehefrau von Lovis Corinth, schrieb noch 1957, als 77-Jährige in ihrem Erinnerungsbuch "Lovis", das eigentlich nach gar keiner Richtung hin unterschätzt werden kann, so warm wird dem Leser darin der Mensch und Künstler Lovis Corinth ans Herz gelegt (4, S. 87):
Während die Sonne sich senkt, steigen vor mir die Bilder Corinths aus der ersten Zeit unserer Ehe auf - welch glückliche Zeit ist das für ihn gewesen, wie beschwingt er damals war! Da ist das großartige Porträt des Pianisten Conrad Ansorge aus dem Jahr 1903. (...) Und das dramatische Bild des Odysseus, der sich nach langer Irrfahrt, als Bettler verkleidet, Heim und Herd erkämpft. "Das ist mir fein geglückt, wie die beiden Burschen kämpfen, was?" meinte Corinth nach beendeter Arbeit in seiner lakonischen ostpreußischen Art. Zwischen den Schwelgenden hat er klein auch mein Konterfei eingefügt. Die Odysseus-Mythe ergriff ihn tief und regte ihn wiederholt zu künstlerischen Auseinandersetzungen an; das Motiv des Kampfes mit den Freiern hat er in einer groß aufgefaßten Radierung, die ich besonders liebte, variiert - in New York, in meiner Wohnung, habe ich ein schönes Exemplar an der Wand. Es wird mir, gedenke ich der Bilder, ganz warm ums Herz.
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  1. Lorenz, Ulrike u.a. (Hg.): Lovis Corinth und die Geburt der Moderne. Katalog der Ausstsellungen in Paris, Leipzig und Regensburg 2008, S. 136 ff
  2. Lovis Corinth. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und druckgraphische Zyklen. Ausstellung des Wallraff-Richartz-Museums in der Kunsthalle Köln 1976 
  3. Berend-Corinth, Charlotte:  Mein Leben mit Lovis Corinth. Hamburg 1948 (verfaßt bis 1937, Ersterscheinen 1948)
  4. Berend-Corinth, Charlotte: Lovis. Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin 1959 (Verfaßt 1957, Ersterscheinen bei Langen Müller 1958) (Google Bücher)

Sonntag, 7. Juli 2013

"Abends wenn ich heimwärts schreite"

Weggefährten

Abends, wenn ich heimwärts schreite
Auf dem rauen Ackerpfad,
Hat ein sonderbar Geleite
Oft sich heimlich mir genaht.
Müdes Volk; gebeugt im Nacken
Und die Arme schlaff und schwer,
Wandeln sie mit Karst und Hacken,
Stille Leute, nebenher.
Abgestorbne Werkgenossen,
Die den gleichen Grund bebaut,
Gleicher Sonne Glanz genossen,
Gleichen Sternen stumm vertraut.
Der dort mit der Axt, der breiten,
War’s der einst den Wald erschlug
Und auf kaum verglühten Scheiten
Bresche legte für den Pflug.
Andre folgen; Schwert und Spaten
Glitzern in der gleichen Hand.
Müdling jeder. Ihre Taten
Hat kein Sang, kein Buch genannt.
Jener, steif und ungebrochen,
Ist mein Ahne, hart wie Stein,
Der das trotz’ge Wort gesprochen:
Laßt uns stolze Bauern sein! –
Wenn der Heimstatt Lichter funkeln,
Winkt mir nah des Herdes Glück,
Dann bleibt ohne Gruß, im Dunkeln
festgebannt, die Schar zurück.
Einer lächelt: Hold und teuer
Sei dir Erdenlicht und Sein!
Kehrt ein andrer einst ans Feuer,
Ziehst du wunschlos mit feldein.
Alfred Huggenberger

(Mecklenburg - Nähe von Ludorf / Müritz)
_______________________
Zit. n. "Diverse Gedichte". Erläuterung: Der Schweizer Bauer und Schriftsteller Alfred Huggenberger (1867 - 1960) ist 1907 mit seinem Buch "Hinterm Pflug" deutschlandweit bekannt geworden. Er ist von Hermann Hesse und Ludwig Thoma gefördert worden. Heute ist er nur noch in seiner engeren Heimat bekannt (Hugenberger-Gesellschaft).

Donnerstag, 4. Juli 2013

Wachstumshemmung durch Kita-Erziehung

Eigene Beobachtungen

Abb. 1: Unsere Tochter - ein Jahr und drei Monate alt
[4.7.2013] Im folgenden eine längere Geschichte. Die wesentlichsten Fakten sind blau gefärbt für Schnelleser. Da unsere Tochter ein Einzelkind ist und sie sich unübersehbar nach Spielkameraden sehnte, haben wir schon sehr früh einmal probiert, das Angebot wahrzunehmen, und sie in eine Kindertagesstätte zu geben. Da war sie ein Jahr und drei Monate alt (Abb. 1).

Da uns aber bewußt ist - wie hier auf den Blogs auch schon in früheren Jahren oft besprochen - daß Kleinkinder in Kindertagesstätten ebenso viel Kortison ins Blut ausschütten, als wären sie sehr schwer krank, daß sie dort also sehr stark unter Streß stehen (1), stand für uns von vornherein fest, daß wir sie dort nur unter günstigsten Bedingungen lassen würden, und daß wir dabei nichts gegen ihre Einwilligung tun würden. Unter diesen Prämissen versuchten wir es mit der "Eingewöhnung" nacheinander in drei verschiedenen Kindertagesstätten. Da sie sich aber letztlich von uns Eltern sehr klar nicht trennen wollte, haben wir jeden Versuch jeweils ziemlich bald wieder abgebrochen

Ein Bedauern auf Seiten unserer Tochter über diesen Abbruch konnte ich nicht feststellen. Zwar spielt sie gerne mit Kindern. Aber wenn ich sie frage: "Ok, du bleibst da, ich gehe weg" - dann ist ihre Entscheidung klar. Sie will nicht dableiben.

Ganz glorreiche Erzieherinnen oder auch Erzieher sagen dann: Aha, da kann sich ein Vater nicht von seiner Tochter trennen. Ich weiß nicht, ob in der modernen Erzieher-Ausbildung auch mit ausreichendem Nachdruck auf die Nachteile der Kollektiverziehung von Kindern vor dem dritten Lebensjahr hingewiesen wird nach heutigem Forschungsstand (1). Eigentlich habe ich diesen Eindruck nirgendwo gewonnen. Würde ein solcher Kenntnisstand vorhanden sein, würde sich das ja womöglich auch quasi "berufsschädigend" auswirken können. Denn jede Kita ist ja bestrebt, immer alle Plätze voll zu haben. Ich habe mich also niemals mit den Erzieherinnen und Erziehern auf grundlegendere Diskussionen über dieses Thema eingelassen, wenn diese nicht von selbst darauf gekommen sind.

Einmal traf ich auf eine Erzieherin, die selbst inzwischen schon ältere Kinder hatte, und die für meine Einstellung vollstes Verständnis hatte. Da auch sie ihre eigenen Kinder nicht vor dem dritten Lebensjahr in die Kita gegeben hat. - Sie wurde kurz nachdem wir unseren Eingewöhnungsversuch in ihrer Kita abgebrochen hatten, entlassen. Diese ihre Meinung wird nicht der ausschlaggebende Grund für ihre Entlassung gewesen sein. Aber als symptomatisch empfand ich es schon.

Wie auch immer. Diese vielfältigen Erfahrungen mit Kita-Erziehung sollen eigentlich gar nicht Thema dieses Beitrages sein, sondern nur das folgende erläutern. -

Meine Tochter und ich treffen die drei Kindergruppen, die wir bei diesen Eingewöhnungen jeweils ganz gut haben kennen lernen können, immer einmal wieder auf den Kinderspielplätzen. Einige der älteren Kinder kennen unsere Tochter dann noch beim Namen.

Die Verblüffung - ein dreiviertel Jahr später

Was nun aber am meisten bei diesen Wiederbegegnungen verblüffte, und zwar etwa ein dreiviertel Jahr später (s. Abb. 2), in denen wir die Gruppen nicht mehr gesehen hatten, das war der plötzliche Größenunterschied zwischen unserer Tochter und den Kita-Kindern, die wir von früher her kannten. Er kam mir richtiggehend unheimlich vor. Und das fiel auch den Kita-Erzieherinnen auf: "Oh, sie ist aber groß geworden!" Meine erste Reaktion war ein richtiggehendes Erschrecken. Denn während der jeweiligen Eingewöhnungen war unsere Tochter zumeist die Jüngste der ganzen Gruppe gewesen. Und deshalb auch die Kleinste.

Abb. 2: Unsere Tochter, zwei Jahre und einen Monate alt
Und jetzt beim Wiedersehen war klar zu erkennen: Sie war deutlich gewachsen, sehr deutlich. Während man den Eindruck hatte, daß sowohl Gleichaltrige wie auch ältere Kinder der drei Gruppen in den Kitas in der Zwischenzeit - sozusagen in ihrer Gesamtheit - so gut wie gar nicht gewachsen waren. Weshalb unsere Tochter der ganzen Kinderschar plötzlich so "kräftig" und "groß" gegenüber wirkte.

Sozialer Streß hemmt Körperwachstum

Und jetzt stoße ich auf einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 2005 (2), nach dem die sozialen Verhältnisse, in denen Kinder leben, sehr klar Auswirkungen haben auf ihr Körperwachstum:
Einer britischen Studie zufolge haben Kinder bei familiärem Streit oder emotionalen Konflikten wie Scheidungen ein fast doppelt so großes Risiko, unter der durchschnittlichen Körpergröße zu bleiben. Ein Siebenjähriger aus unharmonischer Familie ist um etwa sieben Zentimeter kleiner als ein Kind gleichen Alters, das in stabilen Verhältnissen lebt. 
Nach dieser Lektüre bin ich mir nun fast sicher, daß das Körperwachstum von Kleinkindern dadurch, daß sie viele Stunden täglich in der Kita verbringen, sehr deutlich gehemmt wird. (Übrigens wäre interessant zu erfahren, ob sich diese Wachstumshemmung auch auswirkt auf die Endkörpergröße, die später im Erwachsenenalter erreicht wird.)

Unsere Tochter hat einige Cousinen und Cousins in der Nähe wohnen. So daß sie dennoch, was Spielkameraden betrifft, nicht zu kurz kommt. Und die Notwendigkeit, sie mit Spielkameraden zu "versorgen", verstärkt sogar den Zusammenhalt zwischen den Familien.

Bin jedenfalls gespannt, ob es zu diesem Thema der Wachstumshemmung durch Kita-Erziehung schon Studien gibt, oder wann die ersten dazu erscheinen werden. Dieser Frage wird man vielleicht anhand dieses Zeitungsartikels etwas zielgerichteter nachgehen können.

PS: Natürlich habe ich diesen Beitrag nur geschrieben, um endlich einmal einen Grund zu haben, Bilder von unserer Tochter einstellen zu können. :-) (Dabei sind die für die These dieses Blogbeitrages gar nicht so aussagekräftig ...)

Aktualisierungen einige Jahre später (2017, 2019)


[29.6.2017] Vier Jahre später. Meine Tochter wird bald ihr erstes Schuljahr abschließen. Und soeben wird mir bewußt, daß sie im Vergleich zu ihren Mitschülerinnen wiederum (bzw.: immer noch?) auffallend größer und kräftiger ist. Geradezu als wäre sie mindestens ein Jahr älter als diese. Ich selbst war früher unter Gleichaltrigen körperlich eher zurück. Auch deshalb kann einem dieser Umstand bei meiner Tochter als ein auffallender vorkommen. Sogar eine Mitschülerin, die fast ein Jahr älter ist als sie selbst, ist deutlich zierlicher, kleiner.

Ich weiß es zwar nicht, aber es ist sehr nahe liegend, daß die Mitschülerinnen viel mehr Lebenszeit in der Kita verbracht haben als meine Tochter. (Letztere erst seit dem dritten Lebensjahr und dann auch möglichst nicht so viele Stunden.) Auch jetzt noch werden ihre Mitschülerinnen in der Regel später aus dem Hort abgeholt als sie. Auch der Hort nach der Schule ist - wie man ja gut beobachten kann - eine streßreiche Zeit. Auch diese Zeit im Hort dürfte also selbst noch Wachstumshemmung bewirken.

Nette Nebenbemerkung: Übrigens kostet eine dreijährige Nichtteilnahme an der Kollektiverziehung, sprich die eigene Betreuung zu Hause, die einem ja niemand bezahlt, mindestens 15.000 Euro. Denn in der Zeit kann ja ein erwachsenes Familienmitglied nicht oder nur weniger verdienen. Dieses Geld muß man auch erst einmal haben. Bzw.: Dieses Geld ist natürlich schon ein Grund, Prioritäten entweder so oder so zu setzen ....

[26.9.2019] Eine Blogleserin schreibt uns in anderem Zusammenhang:
Während meiner Berufstätigkeit als Lehrerin in einer Förderschule war ich mehrmals mit Fällen von Kindern konfrontiert, die längst im Pubertätsalter waren, aber körperlich nicht entsprechend entwickelt. Sie waren eher auf dem Stand von 7-8-Jährigen. In allen Fällen war klar, daß sie in der Familie schwerer Gewalt und / oder Mißbrauch ausgesetzt waren. Ein Kind kam schließlich in eine Pflegefamilie und man konnte ihr beim Wachsen zusehen. Sie legte innerhalb weniger Wochen 10 cm zu. (...) Wie ich heute herausfand, gibt es für dieses Phänomen einen medizinischen Fachbegriff: Psychosozialer Kleinwuchs.
Und tatsächlich, das in diesem Blogartikel behandelte Thema wird unter den Stichworten "Psychosozialer Kleinwuchs" (Wiki), bzw. "Psychosocial short stature" (Wiki) behandelt. Natürlich fallen der Forschung immer erst einmal die extremeren Fälle auf.
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  1. Aktuelle Forschungen zum Thema werden zum Beispiel auf der Internetseite des "Familiennetzwerkes" im Auge behalten (zum Beispiel hier)
  2. Zittlau, Jörg: Harmonie macht groß  Familiäre Situation entscheidet mit über Wachstum. Die Welt, 18.03.05

Dienstag, 2. Juli 2013

"Was wußten Wehrmachtsoldaten über Konzentrationslager und Kriegsverbrechen?"

NS-Verbrechen, wahrgenommen von deutschen Soldaten: "Die Verteilung der Themenspektren erstaunt."

"Den Holocaust hat es nie gegeben. Es gibt noch viele, die das behaupten. In 20 Jahren können es noch mehr sein." Ein Plakatspruch (Mahnmal), mit dem 2001 für die Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin geworben worden ist. Mehr als zehn Jahre sind inzwischen vergangen. Das Holocaust-Mahnmal hat uns seither wohl davor bewahrt, daß die in dem Plakatspruch angesprochene Möglichkeit Wirklichkeit wurde. Oder waren es Strafrechts-Paragraphen?

Die Geschichtswissenschaft jedenfalls ist in den letzten zehn Jahren - mit oder ohne Mahnmal, mit oder ohne Strafrechts-Paragrahen - weitergegangen. Und ab und an kommt dort doch auch einmal etwas Neues, Auffallenderes zu Tage. Im Kriegsgefangenenlager Fort Hunt in der Nähe von Washington D.C., einem Lager für kriegsgefangene deutsche Soldaten, wurden zwischen 1942 und 1946 die Gespräche zwischen den Insassen heimlich abgehört und protokolliert. In einer neuen Studie (1) wurden nun solche Abhörprotokolle von 145 zufällig ausgewählten deutschen Soldaten ausgewertet. Die Forschungen finden statt im Rahmen einer Forschungsgruppe unter der Leitung von Sönke Neitzel und Harald Welzer.

Ein Viertel für, ein Viertel gegen den Nationalsozialismus

Aus einer Veröffentlichung von Sönke Neitzel aus dem Jahr 2007 (2, 3) hatte man schon lernen können, daß unter den deutschen, kriegsgefangenen Generälen sich grob etwa ein Viertel auch noch in westalliierter Kriegsgefangenschaft untereinander zum Nationalsozialismus bekannt haben. Ein weiteres Viertel hat sich in dieser deutlich gegen ihn ausgesprochen. Und die andere Hälfte der kriegsgefangenen Generäle hat eine eher unentschiedene, abwartende Meinung kund getan. Das entspricht gut der zeitgleichen Verteilung der Einstellungen etwa unter der deutschen protestantischen Pfarrerschaft während des Dritten Reiches: Etwa ein Viertel waren Anhänger der sogenannten Deutsche Christen, ein Viertel waren "bekennende" Christen ("Bekenntniskirche"). Und die andere Hälfte legte sich nicht eindeutig fest.

Abb. 1: Deutsche Kriegsgefangene in den USA (die wenigen Überlebenden der U-118) - 20. Juni 1943, Norfolk, Virginia

Aus solchen und anderen Umständen ging jedenfalls schon hervor, daß die abgehörten Gespräche deutscher Soldaten in westalliierter Kriegsgefangenschaft eine hervorragende Quelle darstellen zu dem, was die Deutschen wirklich dachten in jener Zeit. Und darüber hat die neue Studie nun allerhand Auffallendes zu Tage gebracht.

Sie kommt zu dem Ergebnis: 70 Prozent von diesen 145 Soldaten haben in ihren Gesprächen "eine Form von Verbrechen" angesprochen (1, S. 813, Anm. 2):

In vielen Akten nehmen diese Gesprächspassagen nur wenig Platz ein, manchmal sind es nicht mehr als zwei, drei Sätze, in anderen dagegen ist Gewalt eines der dominanten Themen.

Vermutlich ist hier mit dem Ausdruck "Gewalt" gemeint: verbrecherische Gewalt, also im Widerspruch zu Kriegs- und Völkerrecht stehende Gewalt. Aus dem Folgesatz geht dann hervor, daß die Verfasserin hier genauer gesagt nur von "NS-Verbrechen" spricht. Sollten denn alliierte Kriegsverbrechen unter deutschen Kriegsgefangenen damals untereinander gar nicht besprochen worden sein? Das erscheint doch sehr wenig plausibel. Es wäre interessant zu erfahren, welchen Anteil alliierte Kriegsverbrechen in diesen Gesprächen ausgemacht haben und wie über diese gesprochen worden ist. Jedenfalls sei festgehalten: 70 Prozent der Gefangenen sprachen bei irgendeinem Anlaß über NS-Verbrechen. Aber was wurde dabei thematisiert und was nicht? Und wie wurde es jeweils thematisiert?

"Mit Abstand am häufigsten sprechen die Soldaten über Erschießungen vor allem jüdischer Zivilisten."

Michaela Christ schreibt über die ausgewerteten 145 deutschen Soldaten nun (1, S. 814f):

Mit Abstand am häufigsten sprechen die Soldaten über Erschießungen vor allem jüdischer Zivilisten. Insgesamt sind Ereignisse, die im Kontext des Krieges gegen die Sowjetunion stattfanden, erheblich öfter Gesprächsgegenstand als etwa Konzentrationslager oder aber die Enteignung und Entrechtung der deutschen Juden im Reich. (...)
Andere Unterhaltungen über "Rußland" in Fort Hunt drehten sich um das Verhungerlassen sowjetischer Kriegsgefangener, um das Abbrennen und Verwüsten von Dörfern, um den Kampf gegen sogenannte Partisanen oder um die enorm gewaltförmige Okkupationspolitik der Deutschen in den besetzten Teilen der Sowjetunion. Weniger häufig, aber dennoch in den Unterlagen präsent sind Gespräche über Akte illegitimer und illegaler Gewalt aus anderen Kriegs- und Besatzungsgebieten. Darunter etwa Berichte über Folterpraktiken in einem Pariser Gestapogefängnis, über desolate Zustände in Lagern für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Reich, über Juden, die in Polen in Ghettos eingesperrt leben mußten, oder über Frauen, die Opfer sexueller Gewalt durch deutsche Militärangehörige in Italien wurden.
Insgesamt also ein sehr reichhaltiges, vielschichtiges und differenziertes Bild zu nationalsozialistischen Verbrechen. Das Thema aber, das heute das Bild nationalsozialistischer Verbrechen dominiert, wird von diesen Zeitzeugen, die so vieles besprechen, gar nicht erwähnt. Michaela Christ:
Grundsätzlich bestätigen die Unterlagen aus Fort Hunt den Forschungsstand über das Wissen der deutschen Bevölkerung. Während Massenerschießungen von den Menschen im Reich und in der Gefangenschaft vergleichsweise häufig thematisiert wurden, waren hier wie dort Informationen über Konzentrationslager kaum und über Vernichtungslager so gut wie gar nicht im Umlauf.

So eindeutig wie hier von Michaela Christ formuliert liest man den Forschungsstand auf Wikipedia derzeit noch nicht (siehe Artikel "Holocaust-Kenntnis von Zeitzeugen"). Aber selbst bedeutendere Politiker der Bundesrepublik wie Helmut Schmidt wollten ja vor 1945 zwar durchaus etwas von Massenerschießungen, nicht aber von Massenvergasungen mitbekommen haben (siehe Wikipedia). Da dieser Forschungsstand aber einigermaßen widersprüchlich zu sein scheint, wird ihn Michaela Christ einige Seiten später - und sich selbst widersprechend - auch wieder ganz anders darstellen (siehe gleich).

"Auffällig an den Erzählungen ist ihre Unaufgeregtheit über den Ort Konzentrationslager."

Es wird also über systematische Massenverbrechen in Konzentrationslagern gar nicht gesprochen. Dabei waren sogar rund ein Prozent aller Kriegsgefangenen selbst Insassen eines Konzentrationslagers gewesen. Darunter auch solche vormaligen Insassen, die selbst schwere Folterungen erlebt hatten, wie zitiert wird (1, S. 816f). Dennoch spricht niemand von Massenverbrechen in Konzentrationslagern. Dies ist der auffällige Befund. Michaela Christ bringt unterschiedliche Beispiele von Gesprächsinhalten über Konzentrationslager. Und schreibt dann weiter (1, S. 819):

Auffällig an den Erzählungen ist ihre Unaufgeregtheit über den Ort Konzentrationslager, der in den Unterhaltungen keinen außergewöhnlichen Topos darstellt. Vielmehr, so legen es die Gesprächsmitschriften nahe, waren Konzentrationslager für die Sprecher ein relativ gewöhnlicher Gesprächsgegenstand.
Diese "Unaufgeregtheit" stellte sie ja zuvor für die Massenerschießungen jüdischer Zivilisten in dieser Form nicht fest. Doch einige Seiten später widerspricht sich Manuela Christ selbst in ihrer Aussage zur "Holocaust-Kenntnis von Zeitzeugen" (1, S. 821):
In den Protokollen finden sich ingesamt nur verhältnismäßig wenige Passagen über NS-Verbrechen.
Wenige? Wo doch, wie sie sagt, 70 Prozent aller Soldaten darüber bei irgendeiner Gelegenheit sprachen? Bei 145 Soldaten sind das mindestens 100 Gelegenheiten gewesen, wo NS-Verbrechen erwähnt wurden. Man wünschte sich insgesamt eine mathematisch-statistisch genauere Auswertung als hier von Michaela Christ vorgelegt wird. Jedenfalls schreibt sie weiter: 
Wie paßt dies zusammen mit dem Befund, daß der Holocaust in der deutschen Bevölkerung ein offenes Geheimnis war und die Männer die Dimensionen der Verbrechen kannten?
Ein merkwürdiger Satz, eine komische Frage. Sie wertet eine unabhängige Quelle aus unter der Fragestellung, was die Wehrmachtsoldaten wußten. Und setzt in diesem Satz dann schlichtweg schon voraus, daß sie "die Dimensionen der Verbrechen kannten". Eben genau dieser Umstand geht ja doch offenbar aus den von ihr ausgewerteten Gesprächsprotokollen von 145 deutschen Soldaten nicht hervor. Darüber drückt sie doch ständig ihr Erstaunen aus.

Aber hier setzt sie plötzlich ein "Wissen" dieser Männer um "die Dimensionen der Verbrechen" voraus, für die sie in der "entspannten" Gesprächsatmosophäre von Fort Hunt überhaupt keinen Anhaltspunkt hat anführen können. Trotzdem setzt sie dieses Wissen voraus. Das ist - mit Verlaub! - nun, ein wenig sonderbar und in sich widersprüchlich. Sie schreibt weiter (1, S. 823):
Auch in Fort Hunt äußerte sich die Mehrheit der Sprecher kritisch zur Gewalt gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, gegen Juden oder gegen Kriegsgefangene. 

Auch dafür bringt sie verschiedene Beispiele und schätzt diese auch selbst zumeist als glaubhaft ein. (Auf die Frage, wie die Soldaten mit etwaigen eigenen Handlungsspielräumen gegenüber der von ihnen abgelehnten Gewalt umgingen, sei hier nicht eingangen. Sie wird aber von Michaela Christ auch ausführlicher behandelt. Es sei hier nur daran erinnert, daß wir heute in einer Demokratie leben und dennoch ganz offensichtlich unsere Handlungsspielräume nicht ausschöpfen, was den Völkermord an den Tschetschenen oder an anderen Völkern in der Welt betrifft, die zu unseren eigenen Lebzeiten geschehen.)

"Die Verteilung der Themenspektren zu NS-Verbrechen erstaunt."

Doch es sei noch einmal wörtlich festgehalten. Zur der Kernfrage ihres eigenen Beitrages schreibt Michaela Christ (1, S. 814):

Auf den ersten Blick mag die Verteilung der Themenspektren erstaunen. Vor allem, weil Verbrechen thematisiert werden, die im gegenwärtigen öffentlichen Gedächtnis wenig präsent sind. Heute stehen Konzentrations- und Vernichtungslager synonym für die Untaten des Nationalsozialismus. Die in den Gesprächen zwischen den Gefangenen thematisierten Morde - wie eben die Erschießungen in der Sowjetunion - treten dahinter zurück. 
Und an anderer Stelle (1, S. 822):
Aus heutiger Perspektive sind der Holocaust und die Vielzahl anderer Verbrechen die zentralen Merkmale des Nationalsozialismus. Für die Zeitgenossen damals hat dies nicht unbedingt gegolten.
An dieser Stelle ist einmal erneut die unpräzise Wortverwendung der Autorin zu kritisieren. Gehören denn die Massenerschießungen von Juden im Osten, die auffällig häufig thematisiert wurden von den Soldaten, wie sie schreibt, nicht zu - "dem Holocaust"? Ist für sie Holocaust gleichbedeutend mit "Massenvergasungen" und nur mit ihnen? - Und noch einmal auf den Punkt bringt sie es auf der letzten Seite (1, S. 830):
Die Untersuchung belegt, daß die Kriegsgefangenen in der Regel über ein beachtliches Wissen über die Verbrechen der Nazizeit verfügten, die Dimensionen für gewaltig hielten und daraus große Furcht vor Vergeltung ableiteten. Das konkrete Wissen der Soldaten bezog sich dabei vor allem auf die Massenerschießungen jüdischer Zivilisten während des deutsch-sowjetischen Krieges sowie auf die in diesem Kontext begangenen Untaten gegen sowjetische Kriegsgefangene und die jeweilige Bevölkerung in den besetzten Gebieten.

Da also auch gerade diese Furcht vor Vergeltung Anlaß zur Thematisierung dieser Verbrechen war, wie auch noch ausführlicher ausgeführt wird von Michaela Christ: Warum hätten die deutschen Soldaten, wenn sie in diesem Zusammenhang die Massenerschießungen erwähnen, nicht viel mehr auch die Massenvergasungen erwähnen sollen? Was wäre daran so schwierig gewesen? Wie sollte das psychologisch erklärt werden? Über Konzentrationslager hingegen sprachen sie insgesamt ja viel "unaufgeregter".

Eine widerspruchsfreie Erklärung ergibt sich doch nur dann, wenn man sagt: Sie wußten schlichtwegt nichts von Massenvergasungen in Konzentrationslagern. Punkt. Und damit wußte die deutsche Bevölkerung insgesamt schlichtweg davon nichts. Der ganze Aufsatz von Michaela Christ scheint sich um diese schlichte Feststellung herumzuwinden und sie nicht klar und deutlich aussprechen zu wollen.

Aber in der Tat hat der Autor dieser Zeilen die Massenerschießungen in der Sowjetunion immer schon für historisch vergleichsweise gut dokumentiert gehalten. - Um so mehr, um so mehr er sich mit Werner Best und seinen zahlreichen Kollegen beschäftigte, die die dafür verantwortlichen Mörderbanden (genannt "Einsatzkommandos") organisiert hatten, die sie koordinierten und anführten. Und die dafür allzu oft nicht verurteilt worden sind bis an ihr Lebensende in der Bundesrepublik Deutschland. Die bewußt "durchgemogelt" wurden im Windschatten von solchen Prozessen wie denen gegen Adolf Eichmann in Jerusalem oder in dem gegen die Wachmannschaften des Konzentrationslagers Ausschwitz in Frankfurt am Main (7, 8). - Und in dieser Einschätzung fühlt er sich nun durch diese neu erschlossene breite Quellenbasis unverdächtiger Zeitzeugen-Aussagen einmal erneut bestätigt und bekräftigt.

Was so viele Menschen mitbekommen haben, und ganz ohne konkretere Absichten, ohne konkretere Nebengedanken, ohne jede unmittelbare Hoffnung auf Belohnung oder unmittelbare persönliche Sorge vor Bestrafung zumeist geradezu wie nebenbei als Tatsache wie selbstverständlich unterstellten und erörterten, und was sie zugleich auch schlimm fanden und ablehnten schon zu den Zeiten selbst, als es geschah, dessen Leugnung wird sicherlich nicht siebzig Jahre später unter Strafe gestellt werden müssen (4-6).

Ergänzung (12.1.2022): Schon 2003 ist eine umfangreiche Studie über die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion erschienen. In einer Rezension über diese hieß es 2004 (12):

Die Tätigkeit der Einsatzgruppen entsprach offensichtlich nicht dem, was sich die meist ungedienten Polizeireservisten unter „Krieg“ vorgestellt hatten. Viele wollten deshalb möglichst schnell wieder weg. Wer nicht frühzeitig die eigene Versetzung anstrebte, der bestand zumindest auf seinen turnusmäßigen Austausch nach drei Monaten Dienst. Keine blutrünstige Horde tritt uns hier entgegen, und auch nicht jene kühle und unerbittliche Mordelite, zu der sie Himmler stilisiert hatte, sondern „ganz normale Männer“, die sich nur wenige Monate zuvor nicht im Traum hätten vorstellen können, was sie nun taten. „Ihre Alltagsarbeit wurde, ebenso wie der Massenmord, weder von einer gefühlsarmen Maschinerie, in der das einzelne Individuum verschwand und seiner persönlichen Charaktermerkmale beraubt worden war, ausgeführt noch von einem Haufen fanatisierter, speziell fürs Töten geschulter und abgestellter Nationalsozialisten.“ (S. 387) (....)
Die untere Führungsebene setzte sich vorwiegend aus Männern zusammen, die „aus der Praxis“ kamen und vor dem Krieg bei der Kriminalpolizei, der Gestapo oder der Grenzpolizei tätig waren. Häufig entstammten sie einem kleinbürgerlichen Milieu und stießen erst relativ spät zur Polizei, meist nach dem Scheitern des ursprünglich eingeschlagenen Lebensweges und einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit. Die Anstellung bei der Polizei bedeutete also das Ende der bisherigen beruflichen „Verlegenheitslösungen“, die in der Regel drei bis vier verschiedene, ausbildungsfremde Tätigkeiten umfaßt hatten. Die Mannschaften wiederum bestanden aus ungedienten Polizeireservisten, die lediglich eine militärische Schnellausbildung vor dem Krieg erhalten hatten.

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  1. Christ, Michaela: Was wußten Wehrmachtsoldaten über Konzentrationslager und Kriegsverbrechen? Die geheimen Abhörprotokolle aus Fort Hunt (1942 - 1946). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 10/2013, S. 813 - 830
  2. Neitzel, Sönke: Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945. List Taschenbuch, 2007 (Ersterscheinen 2005)
  3. Bading, Ingo: Spannende neue Quellen zum Zweiten Weltkrieg. Auf: Studium generale, 4.11.2007
  4. Dahl, Edgar: Die Auschwitzlüge. Auf: Libertarian, 27. Januar 2009 
  5. Bading, Ingo: Holocaust-Leugnung und der "Appell von Blois" - "Protest und noch einmal Protest". Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 11. Februar 2009 
  6. Bading, Ingo: "In Auschwitz starben 300.000 Menschen" - Stand: 1948. Adolf Eichmann und Auschwitz - 1948, 1961 und 1963. Auf: GA-j!, 25. Juli 2010  
  7. Bading, Ingo: Warum hat es nie einen großen Gestapo-Prozeß gegeben? Regie bei der Vergangsheitsbewältigung nach 1945. GA-j!, 14. Januar 2011
  8. Bading, Ingo: "Der Bruderschaftsgedanke wurde dem Individualismus entgegengestellt." Gestapo-General Werner Best - die bislang "gelungenste" Personifzierung der Okkultgeschichte Deutschlands während des 20. Jahrhunderts? Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt? 21. Mai 2011   
  9. Krausnick, Helmut; Wilhelm, Hans-Heinrich: Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942. DVA, Stuttgart 1981; durchgesehene Ausgabe, Fischer Taschenbuch 1985, 1989 
  10. Friedrich, Jörg: Die kalte Amnestie. NS-Täter in der Bundesrepublik. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1984)
  11. Weinbrecht, Dorothee: Der Exekutionsauftrag der Einsatzgruppen in Polen. Markstein Verlag für Kultur und Wirtschaftsgeschichte, Filderstadt 2001 (80 S.)
  12. Jörg Ganzenmüller: Rezension zu: Angrick, Andrej: Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943. Hamburg  2003. ISBN 3-930908-91-3, In: H-Soz-Kult, 25.05.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-5066>.