Sonntag, 20. Dezember 2020

Werner Heisenberg als "Wanderer zwischen zwei Welten"

Eine philosophische Aufgabe, die die Physiker des 20. Jahrhunderts nicht geleistet haben

Von all den vielen Vorträgen und Interviews, die man sich inzwischen von Werner Heisenberg im Internet anhören kann, ist es vor allem eine Radiosendung aus dem Jahr 1969, in der uns die philosophischen und religiösen Probleme rund um die Atomphysik besonders deutlich hervorzutreten scheinen (1).


Und zwar insbesondere auch deshalb, weil in dieser Sendung nicht nur ein Physiker, sondern sehr viele verschiedene Physiker zu Wort kommen und dabei auch die unterschiedlichen Haltungen zu den philosophischen und religiösen Fragen, die sich aus der Quantenphysik ergeben können, deutlich werden.

Der Sprecher dieser Sendung, der in derselben auch die Interviews mit Werner Heisenberg und anderen Physikern führt, ist einstweilen nicht bekannt. Er läßt aber sowohl philosophische wie christlich-theologische Interessen erkennen. Einmal kommt er auch auf den Papst zu sprechen. Vielleicht ist er Katholik. Aber dieser Umstand drängt sich nicht in den Vordergrund. Vielmehr läßt er alle Stimmen zu Wort kommen, auch ernstzunehmende Gegenstimmen aus dem Bereich des Atheismus. Sie können ja auch geradezu als Stachel zur Erkenntnis genutzt werden.

In dieser Sendung wurde ein Interview geführt mit Werner Heisenberg, ebenso ein kurzes mit dem Hamburger Atomphysiker Pascal Jordan. Es werden beider Aussagen einander gegenüber gestellt (bis 27'12). Es werden dann interessanterweise auch junge Physiker an der Universität Heidelberg mit den Aussagen von Heisenberg konfrontiert (27'13-33'06).  Auch am Ende der Sendung kommen einige dieser jungen Physiker noch einmal zu Wort.

Insbesondere die Reaktionen der jungen Physiker im Jahr 1969 in Heidelberg machen deutlich, daß Physiker wie Werner Heisenberg damals immer noch - oder schon wieder - eine Ausnahmestellung innegehabt haben innerhalb der Physik und daß sie diese bezüglich der philosophischen Ausdeutung der Quantenphysik bis heute letztlich auch irgendwie immer noch innehaben.

Aber die Teile der Sendung nach diesem Abschnitt sind noch aufwühlender.

Der Autor dieser Zeilen ist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, zwischen 1985 und 1996 in immer wiederkehrender Konfrontation mit dem so selbstverständlichen Gottvertrauen eines deutschen Physikers, Biophysikers und Hochschullehrers aufgewachsen. Dieser wiederum war wissenschaftlich sozialisiert worden im Umfeld des Biophysikers Max Delbrück, einem Umfeld (in dem sich damals übrigens auch einer der Söhne von Werner Heisenberg bewegte). Dieser Biophysiker konnte dem Verfasser dieser Zeilen auch eine Fülle von naturwissenschaftlichen Sachbüchern der 1980er und 1990er Jahre empfehlen, aus denen dieses Gottvertrauen ganz ebenso herauszulesen war. So daß der Verfasser dieser Zeilen derzeit fast mit ein wenig Befremden auf die "Probleme" schaut, die in dieser Radiosendung und in Interviews mit führenden deutschen Physikern um 1969 herum behandelt worden sind (1).

Die Radiosendung scheint nicht zuletzt angestoßen worden zu sein durch das Erscheinen des Buches "Der Teil und das Ganze - Gespräche im Umkreis der Atomphysik" von Werner Heisenberg (2). 

Desinteresse einer neuen Physiker-Generation an philosophischen Fragen im Jahr 1969

Aber das ist - insbesondere im zweiten Teil der Radiosendung - ein Stottern, das ist ein "Raten", das ist ein "Meinen", das ist ein Herumtasten, daß es nur so eine Art hat. Und am Ende steht man - fast - mit leeren Händen dar. Ergebnis der Sendung ist: Eine Minderheit der Physiker aus der Gründergeneration der Quantentheorie und der Relativitätstheorie können "religiöse Physiker" genannt werden. Insbesondere fast alle der bedeutendsten und namhaftesten unter ihnen (Max Planck, Albert Einstein, Werner Heisenberg und andere). Alle anderen waren und sind - wenn es um die Physik und ihre philosophischen Schlußfolgerungen geht - sozusagen bloße "Techniker", die sich für religiöse und philosophische Fragen gar nicht interessieren. 

Die Bezeichnung "religiöse Physiker" scheint uns übrigens zu leicht zu Mißverständissen Anlaß zu geben. Passender scheint uns da eher der Titel einer jüngst erschienen Biographie, nämlich E.P. Fischers "Werner Heisenberg als "Wanderer zwischen zwei Welten". Aber das nur als Nebenbemerkung.

Jedenfalls sieht auch Carl Friedrich von Weizsäcker in dieser Sendung diesen Unterschied zwischen Physikern, die eigentlich bloß Techniker sind und solchen, denen sich auch die großen philosophischen Fragen stellen. Er war über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg der engste Mitarbeiter von Werner Heisenberg (1). von Weizsäcker wird von dem Interviewer nun interessanterweise konfrontiert mit der Aussage des damaligen atheistischen DDR-Philosophen Olof Klohr (1927-1994) (Wiki). Dieser war von 1963 bis 1969 Professor für "Religionssoziologie und wissenschaftlichen Atheismus" an der Universität Jena. Interessanterweise wurde Klohr nach 1969 sogar in der DDR aufgrund seiner Christentums-Feindlichkeit ins geistige Abseits geschoben. Ob nicht an diesem Umstand der Einfluß der monotheistischen Hintergrundmächte sogar in der DDR erkennbar wird? War die philosophische Auseinandersetzung, die Klohr führte, unerwünscht? Auch der Religionswissenschaftler Horst Junginger hat manche Fragen zur Biographie von Olof Klohr (7). Klohr hatte eine sehr interessante Beobachtung gemacht (1) (36'41):

Kirchliche Kreise berufen sich auf die Religiosität berühmter Naturwissenschaftler wie zum Beispiel Carl Friedrich von Weizsäcker, Werner Heisenberg, Pascual Jordan, Albert Einstein. Das häufig angeführte Standardbeispiel für den religiösen Naturwissenschaftler ist Max Planck. Bei näherer Überprüfung ergibt sich jedoch, daß bei keinem Naturwissenschaftler eine Einheit von Wissenschaft und Religion vorhanden ist. Denn bei keinem der angeführten Wissenschaftler ergeben sich aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen religiöse Schlußfolgerungen.

Das sind starke Worte. Ist man nicht unmittelbar veranlaßt zuzustimmen? Aber was für ein harter Satz. Mit einem Schlag klärt er sofort die Dinge. Der Verfasser dieser Zeilen muß ihn jedoch - mit dem oben genannten Hintergrund - auch fast mit einem Lächeln lesen. Zu ihm sagt nun Carl Friedrich von Weizsäcker etwas eigentlich sehr Wesentliches. Er sagt (38'10):

Ich finde, die Beschreibung des durchschnittlichen Zustands der Wissenschaft durch diesen Satz, den Sie hier zitieren, ist ziemlich richtig. Ich glaube allerdings, daß die Beziehung zwischen dem religiösen Empfinden und vielleicht auch Glauben der Leute, die Sie zitiert haben, und ihrer Wissenschaft, in Wirklichkeit besteht. Das klar zu machen, ist eine philosophische Aufgabe, die keiner der Wissenschaftler, die Sie genannt haben, geleistet hat.

Da wäre sofort die Frage zu stellen: Hat diese Aufgabe denn dann nun endlich der Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker geleistet? Das wird man vorderhand bezweifeln dürfen. Aber dieser Frage kann ja noch einmal nachgegangen werden. von Weizsäcker sagt etwas später über den Antrieb zum Philosophieren oder zur Auseinandersetzung mit religiösen Fragen (41:00):

Was ich jetzt meine, das ist, daß die - ich will es mal nennen: religiöse Wirklichkeit nur dort in den Blick kommt, wo der Schein einer Kohärenz, eines ungebrochenen Zusammenhangs der Wirklichkeit, der täglichen Welt zerreißt.

Dies kann bei völlig unterschiedlichen Anlässen geschehen, technische Anwendungen wie die Atombombe würden hier einen sehr konkreten Anlaß geben für ein solches Zerreißen. Aber bevor diese technische Anwendung wichtig wurde, waren es andere Anlässe, so von Weizsäcker (42:50):

Als ich anfing zu studieren, (...) standen die großen Grundsatzprobleme im Vordergrund. Und wenn jemand über die grundlegenden Fragen so nachdachte und darin so erschüttert wurde in seinen Selbstverständlichkeiten wie das in der Zeit der Entstehung der Relativitätstheorie und der Quantentheorie der Fall war, dann konnte ihm da eine religiöse Frage sehr wohl auftauchen. (...) Wenn man eine saubere Methodologie der Wissenschaft betreibt, wenn man das macht, was man heute etwa Wissenschaftstheorie nennt, dann würde ich bereit sein, die These durchzufechten - aber das geht nicht in wenig Worten - daß die Wissenschaftstheorie zu keinem anderen Resultat kommt und zu keinem anderen kommen kann, als daß schon die Möglichkeit von Erfahrung ein tiefes Rätsel ist.

An dieser Stelle würde natürlich die Evolutionäre Erkenntnistheorie einsetzen, auf die von Weizsäcker im nachfolgenden aber gar nicht rekurriert. 

Der Verfasser dieser Zeilen möchte sagen, daß er aufgewachsen ist in Konfrontation mit dem stetigen Bemühen, genau das klar zu machen und zu klären, was hier gefordert ist, nämlich der Beziehung nachzugehen zwischen dem religiösen Empfinden der Wissenschaftler und der Wissenschaft, die sie betreiben.

Bei der Klärung dieser Beziehung hat geholfen Hoimar von Ditfurth, hierbei hat geholfen die Evolutionäre Erkenntnistheorie von Konrad Lorenz, hierbei haben geholfen die Bücher von Paul Davies (z.B. "Die Urkraft"), hierbei hat geholfen Manfred Eigen ("Das Spiel"), hierbei hat geholfen Stephen Hawkings ("Eine kurze Geschichte der Zeit"). Und hierbei haben so viele andere Sachbücher, die damals gelesen wurden und zu lesen waren, geholfen. Es haben dabei vor allem auch geholfen wissenschaftlich-philosophische Aufsätze, die erschienen sind in der Zeitschrift "Die Deutsche Volkshochschule", die von dem Hintergrund dieser genannten breiten Literatur ausgehend verfaßt worden waren und die zu dieser genannten Literatur auch wieder zurück geführt haben.

Eingreifen Gottes durch die Quantenphysik?

Im vorderen Teil der Sendung waren vielleicht noch ein wenig "banalere" Dinge besprochen worden. Aber gerade auch bezüglich dieser Dinge ist es doch einmal gut, klare Worte von Werner Heisenberg zu hören. Die Quantentheorie zu benutzen, um ein "Eingreifen Gottes" in diese Welt als möglich zu erklären oder auch die Willensfreiheit des Menschen als möglich zu erklären, weist Werner Heisenberg hier entschieden und klar zurück. 

________

  1. "Wir reden auch nur in Gleichnissen" (Werner Heisenberg). Gespräche mit Werner Heisenberg, Pascual Jordan, Carl Friedrich von Weizsäcker und jungen Atomphysikern. Etwa 1969, https://youtu.be/nfFnbBUkxes.
  2. Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. Piper-Verlag, München 1969.
  3. Heisenberg, Werner: Atomphysik und Philosophie. Vortrag 1967, https://youtu.be/mvLDNHQLFcg, https://youtu.be/xhNS3cJX5EU.
  4. Troschke, Harald von: Interview Werner Heisenberg. Etwa 1967, https://troschke-archiv.de/interviews/werner-heisenberg; 30.3.1968, https://youtu.be/SJSmdErgcHs, https://youtu.be/b57qe1esX4o.
  5. Egloff Schwaiger, Martin Posselt: Porträt Werner Heisenberg. Deutschland, 1968 (30 Minuten). Neu gesendet vom Bayerischen Rundfunk im Januar 2019 in der Reihe "alpha-retro" bei ARD-alpha. (Veröffentlicht auf dem Videokanal  "dete38".) 1. Teil: https://youtu.be/zio9r1lXL9Q, 2. Teil: https://youtu.be/kov2890PEHM.
  6. Bading, Ingo: Werner Heisenberg privat. Ein wertvolles Filmdokument aus dem Jahr 1968, 28. November 2020, https://studgenpol.blogspot.com/2020/11/werner-heisenberg-privat.html.
  7. Junginger, Horst: Von der Delegitimierung zum Dialog Konjunkturen und Erbe des "Wissenschaftlichen Atheismus" in der DDR. In: Neues Deutschland, 04.09.2020, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1141365.atheismus-in-der-ddr-von-der-delegitimierung-zum-dialog.html

Sonntag, 6. Dezember 2020

Gute Filme

Ein Film-Tagebuch

In diesem Beitrag sind Bemerkungen und Gedanken gesammelt über wertvollere Filme, die man als empfehlenswert erachten möchte, ein Filmtagebuch (gegenchronologisch angeordnet)*). Leider sind die meisten der hier erwähnten Filme dort, wo sie erstmals frei zugänglich auf Youtube zu sehen waren, inzwischen schon wieder nicht mehr zugänglich. Frei zugänglich ist dafür - haufenweise - "Schrott". Wer das "Zufall" nennen möchte - - - bitteschön.


Abb. 1: Symbolbild - Kino in Florenz (Fotograf: sailko)

Freuen wir uns deshalb lieber über die wenigen Perlen in diesem riesigen Haufen Schrott, die man als eine Art Trüffelschwein sich so "erriechen" muß .... Ergänzung: Vielleicht sollte man immer auch einmal auf Archive.org oder OK schauen, wozu man durch einen neuen Beitrag von Thomas Wangenheim angeregt wird, der ergänzend zu diesem Blogbeitrag gelesen werden kann (1) (Wangh). Unsere eigene Filmliste auf Youtube "Gute Filme" ist noch sehr unvollständig (Yt).

"Das alte Lied" (1944/45)

[6.12.2020] Dies ist ein Film (Wiki, Yt), der einem - insgesamt - nicht gefallen muß. Denn was für alte, versumpfte Verhältnisse werden über den größten Teil des Handlungsverlaufes des Filmes hindurch zur Darstellung gebracht. Und wie wird sogar noch neben abstoßenden Gefühlen gegenüber diesen Verhältnissen zugleich "Verständnis" für diese versumpften Verhältnisse geweckt. Das muß einem wirklich nicht gefallen. Und dennoch ergreift der Film. Was ergreift, ist aber, daß man - wie nicht selten in Spielfilmen dieser Zeit - echtes, tiefes Mitleid mit den Frauen hat, mit der sonderbaren Art, in der man es den Frauen zumutete, mit dem Egoismus der Männer zurecht kommen zu sollen. Das ist es, was auch an diesem Film ergreift. Ansonsten wünscht man sich diesen Film und die versumpften Verhältnisse, die er darstellt, zum Mond.

- - - Bis man sich plötzlich bewußt wird, daß ja zumindest der letzte deutsche Kaiser und sein Sohn so ziemlich genauso gelebt haben, sprich, mit "Liebschaften" neben der Ehe, wie auch in diesem Film der männliche Hochadel Preußens dargestellt wird. Auch vom britischen Thronfolger Prinz Charles ist ja genau dieses Verhalten - und seine Folgen - allzu bestens bekannt. Und man versteht nun von einem solchen Spielfilm aus eher die Lebensentscheidung des ältesten Sohnes des deutschen Kronprinzen, des Prinzen Wilhelm, im Jahr 1934, lieber eine Liebesheirat einzugehen und auf den Anspruch auf die Thronfolge zu verzichten als sich in diesem moralischen Sumpf und Moder von Generation zu Generation weiter zu bewegen. Über den Spielfilm ist noch zu erfahren (Wiki):

Das Drehbuch entstand frei nach den Novellen "Stine" (1890) und "Irrungen, Wirrungen" (1888) von Theodor Fontane.

"Ein hoffnungsloser Fall" (1939)

[Nov. 2020] Ein deutscher Arzt-Film aus dem Jahr 1939 (Wiki). Sehr schön werden die Verhältnisse und Anschauungen unter den Studenten an der Charite in Berlin in dieser Zeit dargestellt. Heiter - aber nicht ohne Tiefe. 

Jenny und der Herr im Frack (1941)

[2020] Unterhaltsam, mehr nicht. Aber eben auf einem Niveau wie es 1941 noch üblich war, also auch nicht herunter ziehend (Yt).

Katharina die Letzte (1936)

[2019] Ganz richtig steht in der Videobeschreibung (Yt): "Nachdem ich den Film das erste mal gesehen hatte, war ich etwas verwirrt: Wie kann etwas lustig daherkommen, gar ein Happy End bieten und mich zugleich so erschüttert, ja traurig aus dem Kinosaal treten lassen?" Das ist genau auch meine Erfahrung.

"Liebe muß verstanden sein" (1933)

[24.11.2017] Das ist ein so harmloser und fröhlicher Film (Wiki), den man sich sogar mit achtjährigen Mädchen ansehen kann und sie haben einen riesengroßen Spaß daran. Verwechslungskomödie. Ein toller Spaß. Hauptdarstellerin ist die jüdisch-ungarische Schauspielerin Rózsi Bársony-Sonnenschein, die ab 1935 Aufführungsverbot in Deutschland hatte, aber die Kriegszeit in Budapest überstand. Sie starb 1977 und ist in Wien begraben.

  1. https://youtu.be/ZG_D2hap2BM

"Der Gasmann" (1941)

Alltag im Dritten Reich - eingestreut in einen Spielfilm. Hitlergruß und Ariernachweis, hier einfach wie selbstverständlich zwischen die sonstige Handlung hinein gestreut. Zum Verständnis der Normalität des - für uns - Ungewöhnlichen ist ein solcher Spielfilm sicher ganz nützlich. Aber auch sonst hat der Film "Der Gasmann" aus dem Jahr 1941 mit Heinz Rühmann seinen Wert. Es handelt sich um die Verfilmung eines Romans von Heinrich Spoerl.

Google+, 6.6.2017

"Ein Mann mit Grundsätzen" (1943)

Über weite Strecken ein oberflächlicher, seichter Unterhaltungsfilm. Durch die Auflösung am Ende ist er jedoch ergreifend. - Dem Zweiten Weltkrieg parallel ging - so wird einem hier bewußt - eine gesellschaftliche Debatte darüber, ob eine beruflich erfolgreiche Frau auch eine gute Ehefrau sein könne. Allerhand Filme jener Jahre sind mit dieser Frage beschäftigt,  bzw. suchen das Publikum zu überzeugen: ja, sie kann es sein. Immerhin interessant, denn: beruflich erfolgreiche, gute Ehefrauen hatte es auch schon eine Generation zuvor gegeben. Die Debatte darüber war also nicht zu Ende.

Google+, 20.5.2017

"Die 4 Gesellen" (1938)

Einer der ersten Filme mit Ingrid Bergmann.

Was soll man sagen, außer das Wort: Wertvoll. 


"Fahrt ins Abenteuer" (Spielfilm, 1943)

Erstaunlich, was für eine Fülle von "harmlosen" - aber doch keineswegs völlig wertlosen - Unterhaltungsfilmen bis 1945 produziert worden ist. Das wird einem erst bewußt, wenn man sich gegenwärtig diesbezüglich unter den auf Youtube hoch geladenen Spielfilmen aus dieser Zeit umtut. - Oft ist erkennbar, daß diese im DDR-Fernsehen ausgestrahlt worden waren (wobei dann nämlich oft die jetzt hoch geladenen Aufnahmen entstanden sind).

In der Masse stechen diese Filme durchaus ab von der Masse des nach 1945 Produzierten. Das läßt sich, so möchte man meinen, objektiv sagen. Es geht also auch anders - als heute. Und es geht besser  - als heute.

Erwähnt sei auch eine Kritik aus einer ganz anderen Richtung, die nämlich besagte, daß auch schon die Goebbel'sche Filmpolitik die Massen "abgelenkt" und "bloß unterhalten" habe. Eine solche zeitgenössische Kritik von Menschen, die dem Dritten Reich kritisch gegenüber standen, läßt sich von den Erfahrungen SEIT 1945 nur noch schwer nachvollziehen. Aber sie kann ein Umstand sein, den man in der Gesamteinordnung mit berücksichtigen könnte.

Festzustellen ist: Die ganzen Liebesschnulzen, Verfilmungen von "Arzt-Romanen" etc. pp., die HEUTE nach den 20-Uhr-Nachrichten (vor allem für Frauen) gesendet werden, sind tiefste Unkultur, weil Gehirn-erweichend bis zum Abwinken.

Und mit ziemlicher Sicherheit kann - dem gegenüber - gesagt werden: Solche Themen wurden vor 1945 oft viel wertvoller behandelt. Und zwar so, daß die Sphäre der Kultur (in Richtung von gar zu großer Seichtheit oder Kitsch oder bloßem Ansprechen der Sensationslust) eigentlich nur sehr selten verlassen wurde. Und man darf auch sagen - vor den Erfahrungen seither (also seit 1945): Dies kann man einen geradezu begeisternden Umstand nennen.


"Operettenklänge" (1945)


"Und wieder ein Glück erlebt," möchte man mit Hölderlin sagen. Der Film "Operettenklänge" (so der Titel in Österreich), bzw. "Glück muß man haben" (so Titel in Deutschland) war 1945 zwar fertig gestellt, Theo Lingen hatte die Regie geführt. Aber er erlebte 1950 in Österreich seine Uraufführung, 1954 in Deutschland. Im DDR-Fernsehen lief er erst 1987 das erste mal. Und jetzt ist er frei auf Youtube verfügbar. Eine außerordentlich anrührende Geschichte. Erst durch Recherche erfährt man:
"Der Film erzählt Skizzen aus dem Leben des Wiener Komponisten Carl Millöcker - bis zur Entstehung seiner Operette Der arme Jonathan (1890)."
Carl Millöcker (1842-1899) war ein berühmter Wiener Operetten-Komponist. Von ihm stammt die Operette "Der Bettelstudent", von ihm stammt das Lied "Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter geküßt".

"Nationalsozialistisches Filmpolitik"


[18.4.2017] Den Einschätzungen meines bisherigen Filmtagebuches wird auf dem Wikipedia-Artikel "Nationalsozialistische Filmpolitik" eigentlich nirgendwo widersprochen. Da sollten doch einmal längere Zitate gebracht werden. Es heißt da:
"In den Kurz- und Spielfilmen lassen sich politisch-propagandistische Inhalte grundsätzlich seltener nachweisen als in den nichtfiktionalen Genres. Der Filmhistoriker Gerd Albrecht, der in den späten 1960er Jahren die erste umfangreiche Datenerhebung zum NS-Spielfilm durchführte, bezifferte den Anteil der Propagandafilme an der gesamten Spielfilmproduktion auf 14,1 %. Wenn man ein vollständigeres Sample zugrunde legt, als Albrecht zur Verfügung stand – z. B. hat er keine internationalen Koproduktionen berücksichtigt –, beträgt der Anteil der Propagandafilme sogar nur 12,7 %."
Wenn das nicht eine Aussage ist. Im weiteren wird der Eindruck, den man heute auf Youtube sammeln kann, gut bestätigt:
"Die größte Gruppe innerhalb der Spielfilmproduktion der NS-Zeit bilden die heiteren Filme. 569 Filme – das sind 47,2 % der Gesamtproduktion – lassen sich als Komödie, Verwechslungslustspiel, Schwank, Groteske, Satire oder ähnliches einstufen. Daß die Zugehörigkeit zum heiteren Genre nicht immer ideologische Unbedenklichkeit garantiert, zeigen etwa die zeitgenössischen Militärkomödien (z. B. Soldaten – Kameraden, 1936), aber auch Lustspiele wie Robert und Bertram (1939) und Venus vor Gericht (1941), in denen starke antisemitische Momente vorhanden sind. In der Mehrzahl der heiteren Filme, für die Die Feuerzangenbowle das bekannteste und noch heute populärste Beispiel bildet, finden sich jedoch kaum Hinweise auf nationalsozialistische Propaganda."
Und was uns mindestens genauso wichtig ist: Es finden sich auch kaum Hinweise auf sonstige bodenlose Seichtheit und Unkultur. Und weiter:
"Die zweite große Gruppe bilden Filme, die vor allem an ein weibliches Publikum adressiert sind. 508 NS-Spielfilme (42,2 %) sind Liebes- oder Ehefilme bzw. lassen sich einem der verwandten Genres – wie Frauenfilm, psychologischer Film, Sittenfilm, Arztfilm, Schicksalsfilm, Jungmädchenfilm usw. – zuordnen. Auch in dieser Gruppe gibt es Filme, die eine hochbrisante Mischung aus Propaganda und Unterhaltung boten: z. B. Annemarie (1936), Wunschkonzert (1940), Auf Wiedersehen, Franziska! (1941) und Die große Liebe (1942). Wunschkonzert und Die große Liebe waren sogar die kommerziell erfolgreichsten Filme der gesamten NS-Zeit. Diesen offensichtlich mit NS-Ideologie angereicherten Filmen stand jedoch wiederum eine Vielzahl von weitgehend unauffälligen Filmen gegenüber, die – wie Der Schritt vom Wege (1939) oder Romanze in Moll (1943) – noch heute ihr Publikum finden."
Wir können ergänzen: "... die noch heute ihr Publikum finden dürfen". :) Aber das ja sogar schon, soweit man sieht, in der DDR! Und hier wird sogar noch deutlicher gesagt:
"Das Menschenbild der NS-Spielfilme stimmt mit den Vorgaben der nationalsozialistischen Ideologie nur selten eng überein. (...) Die Mehrzahl der weiblichen Hauptfiguren kinderlos und berufstätig."
An solchen Umständen wird wohl schon manche berechtigtere zeitgenössische Kritik angesetzt haben, über deren Existenz ich oben mutmaßte. Interessant übrigens, dass Goebbels irgendwann jede Filmkritik verbot. Auch DAS ist interessant! Und:
"Unter den männlichen Hauptfiguren bilden nicht Soldaten und Helden, sondern ganz alltägliche Zivilisten die wichtigste Gruppe, besonders solche Männer, die als Liebhaber zwar etwas ungeschickt und hölzern, dafür jedoch durch und durch nett und verläßlich sind."
Und eine vorwiegend männliche Zuschauergruppe wurde folgendermaßen angesprochen:
"Wenn Liebes- und Ehefilme auf der Skala der Filmgenres den weiblichen Pol markieren, so findet man am „männlichen“ Ende die aktionsbetonten Genres. 333 NS-Spielfilme (27,6 %) sind Abenteuer-, Kriminal-, Kriegs-, Spionage- oder Sensationsfilme. Der Anteil der Propagandafilme ist in dieser Gruppe auffällig hoch, es sind 75 Einzelfilme, also fast ein Viertel aller vornehmlich für ein männliches Publikum produzierten Spielfilme."
Und:
"179 NS-Spielfilme (14,8 %) sind im Hochgebirgs- oder Dorfmilieu angesiedelt, darunter klassische Heimatfilme wie Der Jäger von Fall (1936), Der Edelweißkönig (1938) und Die Geierwally (1940). Fast 90 % dieser Filme weisen keine offene Propaganda auf."
Und dann noch folgendes:
"Eine Sondergruppe stellen die Filmbiografien und Historienfilme dar, die an der Spielfilmproduktion der NS-Zeit einen Anteil von 5,9 % haben. Auffällig viele dieser Filme besitzen politisch-propagandistischen Charakter; fast alle der 19 Historienfilme, von denen viele den preußischen Königshof zum Schauplatz haben, nutzen die Gelegenheit zu einer Geschichtslektion im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. Von den 52 Filmbiografien enthält fast jede zweite propagandistische Elemente, bilden die Helden dieser Filme in ihrer Gesamtheit doch sozusagen eine „Hall of Fame“ von – in den Augen der nationalsozialistischen Machthaber – herausragenden Deutschen. Obwohl Filmbiografien und Historienfilme von den Nationalsozialisten besonders häufig als Propagandamedium genutzt worden sind, sind sie andererseits keine Erfindung des NS-Kinos, sondern Teil einer langen Tradition des Genres, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg einsetzt, weit in die Geschichte des Nachkriegsfilms hinein reicht und keineswegs auf Deutschland beschränkt war."
Ich glaube also, man darf sich von der Spielfilm-Produktion in der Zeit des Dritten Reiches durchaus - was die Masse betrifft - begeistert zeigen. Eben immer, wie gesagt, vor dem Hintergrund dessen, was nach 1945 geschah.

Ich möchte sogar noch weiter gehen. Aus künstlerischer Sicht ist den Schauspielern nicht zum Vorwurf zu machen, dass sie vor 1945 beim deutschen Film mitgearbeitet haben --- sondern danach. 

Google+, 18.4.17

"Ein Mann wie Maximilian" (Spielfilm, 1944)

Selbst oberflächlichere Filme bereut man nicht, gesehen zu haben, wenn sie nicht gar zu tief unter Niveau - oder gar in Kitsch - absinken. Der Film "Ein Mann wie Maximilian" (1944) (Erstaufführung März 1945) tut genau das eben auch nicht.

Vor allem die Schauspielerin Karin Hardt (1910-1992) (Wiki) hinterläßt Eindruck. Sie spielt die frisch verheiratete Ehefrau. Damals war Karin Hardt mit dem Schauspieler Rolf von Goth (1906-1981) (Wiki) verheiratet. 


Google+, 11.4.17

"Der schwarze Husar" (1932)

Ein deutscher Historienfilm. Auf Wikipedia heißt es (Wiki):

"Im Kinojahr 1931/32 wurden in der Weimarer Republik acht 'vaterländische Filme' uraufgeführt, die UFA produzierte dabei neben 'Der schwarze Husar' noch den Film Yorck und setzte damit zum einen das Genre der Filme mit 'nationalem Inhalt' fort, mit deren Produktion sie bereits in den 1920er Jahren begonnen hatte."

Google+, 7.4.17
  1. Der schwarze Husar, 1932, https://youtu.be/xjbFYhfhEBs 

"Engel mit dem Saitenspiel" (1944)


Ein sehr schöner Film von Heinz Rühmann aus dem Jahr 1944. (Von ihm, nicht mit ihm.)
30.3.17

Maischberger trifft Riefenstahl 2002

Ein Interview von Sandra Maischberger mit Leni Riefenstahl  im Jahr 2002, dem Jahr des 100. Geburtstages von Leni Riefenstahl und ein Jahr vor ihrem Tod.

Man sieht hier noch einmal jene Leni Riefenstahl, die man schon in der mehrstündigen Film-Dokumentation "Macht der Bilder" von 1993 als Mensch und Künstler so außerordentlich faszinierend, ja, begeisternd erfahren konnte. Was sie hier am Ende über die Penthesilea sagt ...

Wie so häufig empfindet man das Verhalten von Sandra Maischberger ein bisschen störend. Während man als Zuschauer schon verstanden hat, was Leni Riefenstahl sagen will, fragt die Maischberger noch einmal nach und noch einmal und noch einmal - und jedes mal weitgehend verständnislos. - Etwas unheimlich.

Leni Riefenstahl war ein sehr, sehr guter Mensch. Das Sensorium für eine solchen Menschen scheint bei der Frau Maischberger nicht wirklich vorhanden zu sein. ....

23.3.17 
  1. "Die Maßlosigkeit, die in mir ist - Sandra Maischberger trifft Leni Riefenstahl", 2002, https://youtu.be/xjgYS8uXwFk

Amateurfilme als historische Quelle zum Dritten Reich


Ein Vortrag über Amateurfilme als historische Quelle zum Dritten Reich. Er enthält eine schöne Sequenz über eine Kanufahrt auf der Oder von Ratibor in Oberschlesien abwärts im Jahr 1939. Er enthält auch Sequenzen von der Erschießung von Juden. Es wird auch erwähnt, daß sich bis heute nur wenige Filmaufnahmen von dem Geschehen in Konzentrationslagern erhalten haben.
22.9.16

"Geronimo - Eine Legende" (1993)

Dies ist ein sehr wertvoller Film (Wiki). Die Apachen unter Geronimo. Ein Volk, das um sein Überleben kämpft. Für jeden dieser Indianer war es normal, völlig normal, ERST an das eigene Volk zu denken. Und dann - - - lange, lange später an sich. Und sie zwangen Mit- und Nachlebenden bis heute Bewunderung dafür ab. Warum bewundern wir bei anderen - was wir bei uns selbst verteufeln? Ernste Männer sind es. Auch alle überlieferten historischen Fotos von Geronimo sagen nichts anderes als das: tiefer Ernst. Wir sollten uns wirklich auf etwas anderes besinnen und uns diese Indianer zum Vorbild nehmen.

10.7.16

"Wie sagen wir es unseren Kindern" (1949)

Ein sehenswerter Film. Aus dem Jahr 1949.
  1. https://www.murnau-stiftung.de/movie/1004
7.6.16

Alt-Berlin in den 1930er Jahren

Ein schöner Film!, https://youtu.be/sK6mxLL2M84
23.11.15

"Die Anstalt" vom 20.10.15

ALLES, was zur Flüchtlingskrise zu sagen ist, ALLES wird gesagt in "Die Anstalt" vom 20. Oktober ab 29. Sendeminute bis 39. Sendeminute im "Zweiten Deutschen Fernsehen". Eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen man sich freuen kann darüber, daß man GEZ zahlt.

- Ob das, was da gesagt wird, auch bei der Pegida in Dresden angekommen ist? Und ob jetzt endlich - ALLE gemeinsam: die Deutschen, die Syrer, ... - auf DIE hinweisen, die EIGENTLICH schuldig sind, anstatt sich in Talkshows gegenseitig metaphorisch und auf den Straßen tatsächlich die Schädel einzuschlagen?

Ob sich wenigstens - wie in der "Anstalt" gespielt - WENIGSTENS die CSU in Bayern um diese Dinge kümmert? Ob man merkt, daß die großen Medien AUSSERHALB "der Anstalt" bei diesem Spiel trotzdem immer weiter mitmachen?

  1. https://youtu.be/YLr65tP1W44
4.11.15

Hermann Hesse liest

Darüber ist nichts zu sagen. Es ist schön, Hermann Hesse zuzuhören.
  1. Hermann Hesse liest - Über das Glück, https://youtu.be/7rLsb3w8ZaM
29.10.15

"Ewiger Rembrandt" (1942)

11.3.2015

Der Massenselbstmord von Demmin, Mai 1945

11.3.2015

"Der gebieterische Ruf" (1944)  


Ein erstklassiger Film. Den kann man sich ansehen.
31.12.14

"Der Verräter" (1936)

Ein Geheimdienst-Film, vom Drehbuch her sehr schlicht.

Was hier schon im Jahr 1936 zur Darstellung kam, ist nichts anderes, als was in jener Zeit - und seither - in großem Stil betrieben wurde und wird: Landesverrat mit und ohne "Stil". Erstaunlich, für wie "normal" das schon damals im Film gehalten und dargestellt wurde.

Wilhelm Canaris und seine Leute von der Wehrmacht-Abwehr (die in diesem Film eine wichtige Rolle spielt) ebenso wie die damaligen Gestapo-Leute (die in diesem Film ebenfalls eine wichtige Rolle spielen) werden sich an vielen Stellen in diesem Film fast historisch genau wieder gesehen haben.

Sollte der Film womöglich "einstimmen" auf all die Dinge, die schon damals geschahen oder noch kommen würden im Umfeld von Geheimdiensten ... - ?

Die Verbindung zwischen deutschem Geheimdienst und Film ist schon spätestens seit 1924 enger gewesen als das der Öffentlichkeit bewußt ist, so etwa bezeugt durch die Aktivitäten des damaligen Geheimdienstchefs Walter Lohmann (1878-1930) (Wiki).

 
20.12.14

"Jugendliebe" (1944)


Das Drehbuch ist ziemlich holprig, fast unbeholfen, klischeehaft. Aber insgesamt dennoch ein liebenswerter, nicht oberflächlicher Film. Man bereut nicht, ihn gesehen zu haben.
20.12.14

"Dreimal Komödie" (1945)


Sehr schön, sehr sehenswert, dieser unterhaltsame Film.
20.12.14

"Das Mädchen vom Moorhof" (1935)


Eine sehr gelungene, "milieu-genaue" Verfilmung einer Novelle von Selma Lagerlöff. Schon in den ersten Minuten erschüttert die Filmhandlung. Sehr wertvoll, dieser Film.
20.12.14

"Franz Schubert - Ein unvollendetes Leben" (1954)


Dieser Film kann sehr stark bewegen. Selbst wenn man das letzte Drittel noch gar nicht gesehen hat. Schon mit 31 Jahren ist er gestorben, der Franz Schubert!  Musiker verändern die Welt. Musiker verändern die Welt vielleicht mehr als alle anderen Menschen zusammen.

Es entsteht deshalb auch die Frage danach, ob es nicht noch mehr solcher erschütternder Verfilmungen von Musiker-Biographien gibt. Karl Marx hat den bekannten Satz geprägt: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern." Für Musiker, so wird einem gerade bewußt, würde dieser bekannte Satz gar nicht gelten, denn für sie gilt: "Musiker haben die Welt nicht nur verschieden interpretiert, sondern sie DAMIT zugleich auch verändert." Und dieser Umstand gilt, so fällt einem in diesem Zusammenhang auf, eigentlich für alle großen kulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Leistungen. Denn jeder Wechsel im WIE der Art, wie wir die Welt wahrnehmen, ÄNDERT die Welt zugleich auch.

Der Satz von Karl Marx drückt also - genau besehen - nicht jenes Vertrauen gegenüber Philosophie, Wissenschaft und Kultur aus, wie es ihnen eigentlich zukommt.

Übrigens wird die genannte große Macht der Musik auch einer der Gründe dafür sein, daß sich elitäre Satanisten und Pädokriminelle gerade dem Musikschaffen immer wieder so sorgfältig scheinen "angenommen" zu haben ...
7.12.14
 
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*) Bis 2017 auf dem Social-Media-Dienst "Google+" veröffentlicht, den ich eigentlich sehr mochte, der aber 2017 eingestampft wurde. Dort hatte ich in den letzten Jahren allerhand Kurzbeiträge eingestellt, die zwischenzeitlich in verschiedenen Blogbeiträgen gesichert worden sind. In diesem Blogbeitrag wird - sozusagen - "Mein Film-Tagebuch 2014 bis 2017" eingestellt, ergänzt durch spätere "Eintragungen". 
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  1. Wangenheim, Thomas: Die schönsten Vorkriegsfilme, 7. Dez. 2020, https://thwangenheim.wordpress.com/2020/12/07/die-schonsten-vorkriegsfilme/

Mittwoch, 2. Dezember 2020

"911 aus der Sicht der Physik" und "Covid 19 aus der Sicht der Medizin"

Was haben beide miteinander zu tun?

- Überlegungen zur Glaubwürdigkeitskrise der modernen Wissernschaft

"Querschnitte", die berühmte Wissenschaftssendung von Hoimar von Ditfurth seit 1971, und der Vortrag "911 aus der Sicht der Physik" aus dem Jahr 2020, sie machen von zwei unterschiedlichen Seiten aus deutlich, wie die heutige Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft zu charakterisieren ist und wie sie überwunden werden kann.

Er redet nicht lange herum, er kommt sofort zur Sache (1). Er geht auch in der Sache stringent und zügig voran: Hoimar von Ditfurth (1921-1989) (Wiki). Er erklärt in dieser Sendung aus dem Jahr 1971 die Wissenschaft von der Zeitmessung von Ereignissen in der Vergangenheit, zunächst mittels der Jahresring-Chronologie, und zwar anhand von Holzproben aus der Vergangenheit (Dendrochronologie).

 

 

Er kommt dann zu Korallen und ihren Jahresringen, aufgrund deren geschlossen werden kann, daß sich zur Zeit der Dinosaurier die Erde schneller gedreht hat als heute, 20 Tage mehr pro Jahr.

Dann wird die C14-Datierungs-Methode erklärt. Mit einfachsten Mitteln, nämlich mit einem Staubsauger und Tischtennis-Bällen. Am Ende werden molekulare Methoden der Zeitbestimmung anhand der unterschiedlichen Aminosäure-Sequenzen des Cytochroms C in der Organismen-Welt erklärt und es wird dazu eine amerikanische Wissenschaftlerin in ihrem Labor besucht und befragt.

Wir haben es hier mit der ersten Sendung der berühmten Wissenschafts-Sendereihe "Querschnitte" (Wiki) zu tun, durch die Hoimar von Ditfurth in den 1970er Jahren einem breiten Fernsehpublikum bekannt geworden ist. Diese Sendung wurde erstmals am 18. Januar 1971 ausgestrahlt (Ditfurth).*) Beispiele weiterer früher solcher Sendungen sind zugänglich (2). Noch heute denken viele Menschen mit Wehmut an jene Zeiten zurück als es in der Öffentlichkeit noch das vollste Vertrauen in die Entwicklungen in der modernen Wissenschaft gegeben hat und als man sich mit Ehrfurcht solche Wissenschaftssendungen angesehen hat, gerne gemeinsam im Familienkreis.

Der wesentlichste Umstand, der bezüglich dieser Art von Wissenschaftsvermittlung zu benennen ist, ist wohl der, daß man als Zuschauer nicht herab gestimmt wird durch die Art wie Hoimar von Ditfurth redet. Daß bei ihm ein Wunder ein Wunder bleibt, auch wenn es eine naturwissenschaftliche Erklärung gefunden hat. Das ist - es ist wirklich sinnvoll, darauf zu achten - nicht in allen Fällen so, in denen Wissenschaft seither einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt worden ist oder wird.

Es geschieht das heute zum Beispiel oft, indem zugleich "Wohlgefühle" verbreitet werden. Es werden "Schönlinge" oder "Sympathieträger" vor die Kamera gestellt, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht das Gefühl hat, daß das rein wissenschaftliche, nüchterne Erkenntnisinteresse im Vordergrund steht oder stehen soll, sondern ganz andere Dinge: nämlich eher oberflächliche, "wohltuende" oder auch amüsante Unterhaltung. Beispiele wären Ranga Yogeshwar, Eckart von Hirschhausen oder auch - in einem entfernteren Zusammenhang: Norbert Bolz. Selbst wenn die von ihnen transportierten Botschaften und Inhalte korrekt sind oder wären, so kann sich schon allein aufgrund der Präsentation dieser Inhalte, aufgrund der Personen, die sie "verkörpern", der Eindruck aufdrängen, der Fernsehzuschauer solle hier "manipuliert" werden. Die Absicht der Manipulation ist ja in allen außerwissenschaftlichen Bereichen längst unübersehbar geworden. Aber mit einer solchen Art von Präsentation wird nun auch der Eindruck vermittelt, als könnte in und mit der Wissenschaft genauso leicht manipuliert werden wie mit allen anderen Bereichen.

Es geht also hier schon durch die Äußerlichkeit des Auftretens viel an jener wissenschaftlichen Nüchternheit und Authentizität verloren, die sonst innerhalb des wissenschaftlichen Alltags die vorherrschenden sind, und die auch bei der Vermittlung von Wissenschaft im Vordergrund stehen sollten, wenn der Geist der Wissenschaftlichkeit selbst nicht auf der Strecke bleiben soll dadurch daß gar zu viele andere Motive ihn verdrängen. 

Es können nämlich außerdem auch durchaus sehr kluge Menschen sehr klug über Wissenschaft reden - und dennoch kann es menschlich dabei allzu "seicht" zugehen. Das mag dann wissenschaftlich immer noch alles korrekt sein. Aber dahingehend wie sich der einzelne Mensch, der da spricht, als Mensch von seiner Auseinandersetzung mit der Wissenschaft her hat prägen lassen, das kann dann doch noch einmal sehr anders aussehen als das hier zum Beispiel durch Hoimar von Ditfurth repräsentiert wird.

"911 aus der Sicht der Physik"

Nicht zuletzt solche Umstände mögen mit dazu beitragen, daß heute so viele Menschen auf exzentrische Bahnen gebracht werden, die sie so unglaublich weit von moderner Wissenschaft entfernen lassen, wenn sie mit Fragen beschäftigt sind, die grundsätzlich durch die Wissenschaft zu klären wären, wozu ja nicht zuletzt auch allerhand - nicht selten schon banale - medizinische Fragen gehören. Daß viele Menschen, die ansonsten recht "wach" sein mögen, aber niemals in ihrem Leben diesen tiefen Trank aus der Nüchternheit der modernen Naturwissenschaft genommen haben, ihr Vertrauen und damit auch ihr Urteilsvermögen hinsichtlich der Gebiete moderner Naturwissenschaft in sehr weitgehendem Maße verlieren können.

Heute leben wir - gibt es noch Grund zur Überraschung über diesen Umstand? - in einer Welt ohne Vertrauen. Wenn es noch heute nur ganz vereinzelt Physiker sind, die über "911 aus der Sicht der Physik" das schlechthin Notwendige sagen (3, 4), wenn also auf einem Gebiet eine so umfangreiche Vertuschung - weiterhin - mit Hilfe der Wissenschaft möglich ist, wie kann man dann glauben, daß die Menschen weltweit zu anderen Bereichen der Wissenschaft noch Vertrauen fassen können oder wollen? 

Der Vertrauensverlust gegenüber der modernen Wissenschaft, der bei weiten Teilen der Bevölkerung festzustellen ist - gerade im Jahr 2020 - er kann als ein erschütterndes Geschehen wahrgenommen werden. Da es sich bei jenen Teilen der Bevölkerung, die dieses Vertrauen verloren haben, oft um sehr fortschrittlich denkende, junge Menschen handelt, ist dieser Vertrauensverlust um so erschütternder. Will man gleichgültig darüber hinweg gehen, daß die moderne Gesellschaft gerade weite Teile der Bevölkerung ohne alles Vertrauen "zurück läßt", "hinter sich läßt", ohne aufwendigeres Bemühen, dieses Vertrauen zurück zu gewinnen?

Abb. 1: Erschienen 2018
Wo könnte ein solches Bemühen ansetzen? Erst beim Ansehen eines Vortrages wie "911 aus der Sicht der Physik", der im Januar 2020 von Seiten eines jungen Mathematischen Physikers vom Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn (Uni Bonn) gehalten wurde (3), kann einem bewußt werden, mit wie viel innerer Berechtigung sich dieser Vertrauensverlust in den letzten zehn Jahren innerhalb von Teilen der Bevölkerung vollzogen hat.

Man erinnert sich: Als im Jahr 2011 klar wurde, daß der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (geb. 1971) (Wiki) seinen Doktortitel mit unwissenschaftlichen Mitteln erworben hatte, ist die Aufklärung über diesen Fall nicht im ersten Schritt durch die Wissenschaft selbst erfolgt, sondern durch die anonyme Recherche-Plattform "GuttenPlag Wiki". Dieser Umstand darf gerne sehr sorgsam Berücksichtigung finden, wenn es heute Vertrauensverluste gegenüber der Wissenschaft gibt. 

Die Politik glaubte damals locker über diesen Umstand hinweg gehen zu können - als handele es sich um ein "Kavaliersdelikt". Und sogar der akademische Bereich brauchte allerhand Schreckminuten, um zu verstehen, worum es eigentlich geht. Aber er war es dann vor allem, dessen Empörungssturm es diesem Minister unmöglich machte, im Amt zu bleiben. Alle anderen Faktoren hätten diesen Rücktritt nicht bewirkt. Die Empörung kam zudem vor allem aus dem akademischen Nachwuchs, weniger - oder mit viel größerer Verzögerung - aus der Professorenschaft. Wurde nicht schon hier spürbar, daß es in der Wissenschaft zutiefst korrupt hergehen kann? Wurden bezüglich dieses Umstandes ausreichend Konsequenzen gezogen?

Vor diesem Hintergrund darf man sich jedenfalls bis heute fragen, wo der Empörungssturm aus der Wissenschaft heraus bleibt über die bisherige "wissenschaftliche" Aufarbeitung aller Fragen rund um 11. September 2001. Hier wäre doch gewiß nicht weniger Empörung am Platze als bezüglich der lächerlichen, läppischen Vertuschungs- und Rechtfertigungsversuche eines deutschen Verteidigunsgministers und jener elitären kriminellen politischen "Clique", der er angehört, genannt "Christdemokratie", genannt "Christlich-Soziale Union". Man muß bei 911 kein Wissenschaftler sein, um zu sehen, daß hier eine "kontrollierte Sprengung" stattgefunden hat. Wenn aber bis heute die moderne Universitäts-Wissenschaft, nicht zuletzt auch die Naturwissenschaft, schlichtweg nicht helfen, dieses Verbrechen und seine Urheber aufzuklären, sondern viel eher helfen bei der Vertuschung (3, 4) - mit welchem Recht können sie dann eigentlich noch darauf insistieren, daß ihr die Menschen - "verdammt noch mal" - in medizinischen Fragen vertrauen sollen?

Mit welchem Recht? Wenn schon die Plagiatsaffäre "zum Himmel schrie", um wie viel mehr sollte dann erst die 9/11-Vertuschung zum Himmel schreien? Ist hier nicht dringendster Aufklärungsbedarf vonnöten, um verloren gegangenes Terrain, verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen? Darf die Wissenschaft über einen so wesentlichen zeitgeschichtlichen Vorgang wie 9/11, der so viele Menschen bewegt hat, so oberflächlich hinweg gehen wie sie das bislang getan hat (3, 4)?

Der Mathematische Physiker Ansgar Schneider macht nur allzu deutlich, daß heute der Begriff "Verschwörungstheorie" sowohl in den Medien wie in der Wissenschaft nicht zum Mittel der Aufklärung, sondern zum Mittel der Denunziation benutzt wird (3, 4)(insbesondere ab ab etwa 1:40:00). So läßt man unzählige Menschen, die fern aller Wissenschaft sozialisiert wurden, hinter sich, wenn man auf solchen zentralen Gebieten nicht versucht, Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen. 

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*) Es war dies übrigens bis 1918 in Deutschland der "Reichsgründungstag" [Wiki], der feierlich begangen wurde.

**) Gegen Ende spricht er auf der Folie von einer "pseudowissenschaftlichen Scheindebatte". Es wird verständlich, was er sagen will, aber er gerät hier in gefährliche Nähe zu einem weißen Schimmel. Mit Begriffen wie "pseudowissenschaftliche Debatte" oder "wissenschaftliche Scheindebatte" wäre dasselbe gesagt. Aber das nur eine kleine Mäkelei am Rande.

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  1. Hoimar von Ditfurth: Eine Reise in die Vergangenheit. 1. Folge der Sendereihe "Querschnitt durch die Wissenschaft", eine Produktion des ZDF, Erstausstrahlung 18.1.1971, https://youtu.be/j6EfZseJIfk, https://youtu.be/MY9KeM5B1MA, https://youtu.be/m9QgnbLZHpI, https://youtu.be/dbhwCTX0xz8.
  2. Hoimar von Ditfurth: Pflanzen - die heimlichen Herrscher, 11. Folge der Sendereihe "Querschnitt durch die Wissenschaft", ZDF, Erstausstrahlung 6.11.1972, https://youtu.be/Q2krQTBnCcg
  3. Schneider, Ansgar: 911 aus der Sicht der Physik, 08.01.2020, https://youtu.be/ICgr-Lg7Yvw.
  4. Schneider, Ansgar: Stigmatisierung statt Aufklärung. Das Unwesen des Wortes "Verschwörungstheorie" und die unerwähnte Wissenschaft des 11. Septembers als Beispiel einer kontrafaktischen Debatte. Peace Presse 2018 (Amazon)
  5. DWM Coachings (Dominik Memmel): Buchvorstellung: Hoymar v. Ditfurth "Der Geist fiel nicht vom Himmel", Februar 2020, https://youtu.be/Uv9LLzCKF1U?t=734 ("Aber es lohnt sich," sprich die Lektüre des Buches "Der Geist fiel nicht vom Himmel)

Samstag, 28. November 2020

Werner Heisenberg privat

 Ein kostbares Filmdokument aus dem Jahr 1968

Auf unserem Videokanal haben wir uns in der letzten Woche mit Ausschnitten aus dem Leben des Begründers der Quantentheorie, mit Werner Heisenberg (1900-1976), beschäftigt, sowie mit seinem Denken (1). Dadurch waren wir veranlaßt, einmal erneut danach zu fragen, ob es in Videoform weitere Beiträge gäbe, die man als besonders geeignet ansehen könnte, sich dem Leben und Denken von Werner Heisenberg anzunähern. Wir wurden fündig - überraschenderweise (2).

 


 
Für die Zugänglichmachung eines solchen 30-minütigen Filmdokumentes von und über Werner Heisenberg aus dem Jahr 1968 muß man sehr dankbar sein. Denn die grundlegende Wende im menschlichen Denken, die mit der Quantenphysik in die Welt getreten ist - sie mag doch für Nichtphysiker schwer nachvollziehbar sein, insbesondere in ihrer Bedeutung für unser heutiges Weltverständnis.
 
 Der tiefere Grund dafür mag sein, daß hier die strengste Rationalität - wie sie in der modernen Wissenschaft üblich ist - auf eine nicht mehr hintergehbare nichtrationale Seite der Wirklichkeit stößt. Während über die rationale Seite der Wissenschaft jeder Wissenschaftler ganz "nüchtern", ja, geradezu "plappernd" sprechen kann, kommt eine menschliche Seite viel deutlicher ins Spiel, wenn an die nichtrationale Seite der Wirklichkeit gerührt wird. Wenn man - zum Beispiel - im Bereich der Quantentheorie wieder und wieder auf diese stößt und sich dann - vielleicht ein wenig hohl oder gar zu "wortreich" - bemüht, den sonderbaren Phänomenen, die dann zu benennen sind, ein Verständnis abzuringen.
 
So bescheiden nun Werner Heisenberg im persönlichen Leben auftreten mag - wie man es hier in diesem Filmdokument (2) erleben kann - oder vielleicht gerade deshalb?: Er ist eben als Person und als der eigentliche Begründer der Quantenphysik dann doch nicht jemand, der "nur" rational über das spricht, was ihm das wesentlichste Anliegen seiner Wissenschaft ist. Fast meint man sagen zu wollen, Heisenberg wirke "schamhaft", wenn er über die tieferen Gehalte seiner Wissenschaft spricht. Seine Annäherung an das Nichtrationale ist jedenfalls immer wieder so behutsam, daß viele Menschen diese Annäherung gar nicht richtig wahrnehmen mögen.

Er spricht zum Beispiel einleitend - wie hier in diesem Filmdokument (2) - über die Musik. Wer nicht genau hinhört, bekommt gar nicht mit, daß diese Musik für ihn Ausdruck dessen ist, auf was er an Nichtrationalem in seiner Wissenschaft von der Quantenphysik ebenfalls gestoßen ist. Das ist doch eine philosophisch sehr grundlegende Aussage. Über so etwas dürfte doch nicht gar zu oberflächlich und schnell hinweg gegangen werden, wenn man es in der Auseinandersetzung mit der Quantentheorie wirklich ernst meinen sollte.

Da von Werner Heisenberg derzeit nur ganz wenige Filmdokumente im Internet zugänglich sind, mag man ein solches Filmdokument für um so kostbarer erachten. Es ist erst seit einem Jahr im Internet zugänglich (2).

Von den zahlreichen Schülern und "Erklärern" von Werner Heisenbergs grundlegender Wende im menschlichen Denken - es seien etwa Namen genannt wie: Hans-Peter Dürr, Carl-Friedrich von Weizsäcker, Ernst Peter Fischer - gibt es viel zahlreichere Filmdokumente. Es mag jeder für sich entscheiden, ob all diese - als Menschen - jenen nichtrationalen Gehalt der Wissenschaft wirklich verkörpern, über den sie sprechen. Sie wie man das bei Werner Heisenberg - aufgrund eines solchen Filmdokumentes (2) - wenigstens ansatzweise erahnen mag.
 
Besonders schön ist vielleicht auch, daß an einer Stelle in dieser Filmdokumentation die Ehefrau von Werner Heisenberg zu Wort kommt. Durch sie wird vielleicht gleich viel deutlicher, von wie viel Innenleben das Leben von Werner Heisenberg getragen gewesen sein muß. Mehr ist dazu schon in zwei anderen Beiträgen gesagt worden (3 ,4).
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  1. Bading, Ingo: Ausschnitte aus dem Leben und Denken von Werner Heisenberg - Nach seinem Buch "Der Teil und das Ganze", November 2020, https://youtu.be/J7qrbgVen8I, https://youtu.be/mhQSbOW1-RM, https://youtu.be/VUgV2VjQPDc, https://youtu.be/JSYKOsGmSZI.
  2. Egloff Schwaiger, Martin Posselt: Porträt Werner Heisenberg. Deutschland, 1968 (30 Minuten). Neu gesendet vom Bayerischen Rundfunk im Januar 2019 in der Reihe "alpha-retro" bei ARD-alpha. (Veröffentlicht auf dem Videokanal  "dete38".) 1. Teil: https://youtu.be/zio9r1lXL9Q, 2. Teil: https://youtu.be/kov2890PEHM.
  3. Bading, Ingo: Die Liebe, die Wissenschaft und Max Delbrück - Wie fühlt es sich an, wenn man einen genialen Wissenschaftler als Freund hat?,  3. Januar 2019, https://fuerkultur.blogspot.com/2019/01/max-delbruck-und-sein-sex-life.html.
  4. Bading, Ingo: Werner Heisenberg - Seine erste große unerfüllte Liebe - "Ich muß viel Glück haben, wenn aus meinem Leben noch etwas werden soll" (Februar 1936) ,10. Januar 2019, https://fuerkultur.blogspot.com/2019/01/werner-heisenberg-und-seine-liebe-zu.html.

Samstag, 21. November 2020

Philosophie

Die Frage eines Zuhörers
- Achtung, es wird philosophisch

In einem Video des Bloginhabers von Anfang Oktober (1) war angefangen worden, die wichtigste philosophische Schrift von Friedrich Schiller zu behandeln, nämlich "Über die ästhetische Erziehung es Menschen". (Wann ich wohl eine Fortsetzung hinkriege?) Es war ausgeführt worden, daß Friedrich Schiller - wie alle seine Zeitgenossen und wie dann auch Fichte, Schelling, Hegel und Hölderlin - von dem Philosophen Immanuel Kant ausgeht. Die damaligen Philosophen arbeiteten sehr selbstverständlich mit dem Begriff "Sittlichkeit" (Wiki). Bis 2020 war auf dem Wikipedia-Artikel zu diesem Begriff auf die grundlegende Bedeutung dieses Begriffes in der klassischen Philosophie, bzw. damit in der Philosophie gar nicht Bezug genommen worden. (Das hat sich inzwischen - bis November 2023 - aber geändert.)

Nicht zuletzt deshalb war schon vor mehreren Jahren in Diskussionen mit dem Medienwissenschaftler Daniel Hermsdorf die Verwendung des Begriffes "Sittlichkeit" meinerseits bei ihm auf so viel Stirnrunzeln und Unverständnis gestoßen. Wer hat denn auch heute noch den Anspruch, "sittlich" sein zu wollen? Das klingt nach "sittsam", nach "wohl erzogen", nach "Korsett" und engen Schnürschuhen. Insgesamt gesehen, ist dieser Begriff aber so nicht zu verstehen. Zumal wenn man Kant im Zusammenhang mit seinen Zeitgenossen sieht.

"Sitte" ist zu verstehen als die Grundlage aller Moral, als die Grundlage allen menschlichen Zusammenlebens und damit aller menschlichen Freiheit. Soeben erhalten wir von einem jüngeren Zuhörer die Frage zugesandt, die von diesen Vorerfahrungen her ihre volle Berechtigung hat:

Was verstand Schiller denn unter Sittlichkeit bzw. den sittlichen Menschen (ästhetische Erziehung)? "Hebt also die Vernunft den Naturstaat auf, wie sie nothwendig muß, wenn sie den ihrigen an die Stelle setzen will, so wagt sie den physischen und wirklichen Menschen an den problematischen sittlichen, so wagt sie die Existenz der Gesellschaft an ein bloß mögliches (wenn gleich moralisch nothwendiges) Ideal von Gesellschaft."

Wir dürfen uns nicht wundern, daß wir solche - - - "schwierigen" Fragen gestellt bekommen. Damit müssen wir ja rechnen, wenn wir uns in Videos auf solche Themen einlassen! Gut also, machen wir den Versuch einer Antwort, nachdem man von Wikipedia zunächst einmal so schmählich im Stich gelassen wird. Immanuel Kant hat als die vier Grundfragen der Philosophie die Fragen genannt:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?
  4. Was ist der Mensch?

Die Frage nach der Sittlichkeit fällt in den Bereich von "Was soll ich tun?", also in den Bereich der Moral (Wiki). Zu jedem dieser vier Fragen hat Kant Bücher geschrieben, die noch 90 % aller heute an Universitäten lehrenden Philosophen als die bedeutendsten Werke ihres Faches zu den jeweiligen Fragekreisen ansehen. Also zu den Fragekreisen 1. Erkenntnisphilosophie, 2. Ethik, 3. Metaphysik, 4. Philosophische Anthropologie. Zu Frage zwei hat Kant das Buch "Kritik der praktischen Vernunft" (Wiki) geschrieben. Zuvor schon hatte er - als Einführung - seine "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (Wiki) geschrieben. Ausgangspunkt ist das Ergebnis seines Buches "Kritik der reinen Vernunft", daß die Vernunft die grundlegenststen Fragen, die sie klären will, nicht klären kann. Dies ist also die Antwort auf die erste Frage: "Was kann ich wissen?" Und Kant sagt dann: Diese Fragen sind nur auf dem Gebiet der Moral, durch das Handeln selbst befriedigend zu beantworten. Deshalb die hohe Bedeutung der Moral, der Sittlichkeit im Rahmen des Kant'schen Philosophieren und des Philosophierens seiner Zeitgenossen: Die Vernunft kann die wesentlichsten Fragen nicht wirklich klären - handeln wir stattdessen wenigstens so, als wären sie geklärt.

In diesem Falle stellt sich als Ergebnis heraus, was viel zu wenig beachtet wird: In der Entscheidung darüber, daß ich etwas "nicht wissen kann" (und zwar prinzipiell nicht), liegt eine immense Kraft. Es ist das jene immense Kraft, die der gesamten Naturwissenschaft innewohnt, die von sich glaubt, so immens viel zu wissen. Sie tut das zwar auch. Aber die Bereiche des Nichtwissens, an die sie, die Naturwissenschaft, ständig und prinzipiell stößt (so prinzipiell wie das Kant in seiner "Kritik der reinen Vernunft" erstmals aufzeigte), diese Bereiche des Nichtwissens also im Angesicht des unermeßlich großen Bestandes des über Jahrhunderte erworbenen Wissens, in ihnen liegt eben jene immense Kraft. Es ist dieselbe Kraft, die Kant entbunden hat als er das Buch "Kritik der reinen Vernunft" veröffentlichte. Sich dieser Kraft auszuliefern, darauf verzichten dann aber alle, die sich nicht tief, tief, tief mit dem auseinander setzen, was wir nun eigentlich schon wissen. Denn erst von daher erhalten wir ja ein Gespür, ein Gefühl für all das, was wir nicht wissen. Genau das ist der Ansatz des Kant'schen Philosophierens.

Der kategorische Imperativ

Aber nun weiter. Auf dem Gebiet der Moral ist das zu klären (nach Kant), was auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie nicht wirklich befriedigend geklärt werden kann. Das ist zunächst einfach nur eine "Intuition" von Kant. Welche Lösungen findet Kant nun auf dem Gebiet der Moral, der Ethik? Nun, Kant ist ein Kind seiner Zeit. Kant ist ein Preuße. Pünktlichkeit, Redlichkeit, Genauigkeit, Selbstentäußerung über alles. Nach Kant ist das grundlegende Prinzip aller menschlichen Moral - und damit aller menschlichen Sittlichkeit und Gesittung - der "Kategorische Imperativ" (Wiki). Diesen formuliert er wie folgt:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Ein konkretes Beispiel: Als dem Atomphysiker Werner Heisenberg 1933 - und später noch einmal 1938/39 die Frage vorgelegt war, ob er - wie so viele seiner Kollegen - in die USA emigrieren sollte, wo er attraktive Lehrstuhl-Angebote an Universitäten erhalten hatte, und zwar mit dem Wissen, daß er in Deutschland als einer der Begründer der modernen Physik als "weißer Jude" angesehen wurde und dort über Jahre hinweg viele Schwierigkeiten haben würde und hatte, hat er das Gespräch mit dem von ihm hoch geschätzten Max Planck gesucht. Und er hat diese Frage - unter Berücksichtigung des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant - für sich dann schließlich verneint. Er ist nicht emigriert (2). Eine Entscheidung, die damals viele kritisiert haben, und die sogar noch heute mitunter kritisch gesehen wird. Dies nur als ein Beispiel, daß der kategorische Imperativ durchaus als Maßstab für grundlegende und achtenswerte Lebensentscheidungen dienen kann.

Eine Philosophin wie Mathilde Ludendorff unterscheidet in ihrer Philosophie - vielleicht klarer als alle anderen Philosophen, auch als Kant - das "Sittengesetz" (im Kant'schen Sinne) von dem Bereich der Moral. Sie sagt zu diesem Kategorischen Imperativ, daß er in den Bereich des Sittengesetzes fallen würde, in dem dem Menschen Pflichten auferlegt werden, deren Erfüllung gerne auch über Gesetzgebung eingefordert werden könne (nicht zwangsläufig müsse). Dieser Bereich des Sittengesetzes fällt für sie aber nur in den Bereich der Selbsterhaltung des Einzelmenschen, von Familien und Gesellschaft. In ihm ist nur das gefordert, was jede Ameise, jedes Tier qua Instinkt sowieso schon macht, was den Menschen also nicht über das Tier erhebt. Der Mensch bedarf aber des Sittengesetzes, da er - aus seiner Unvollkommenheit heraus - sich auch gegen seine eigene Selbsterhaltung und die seiner Gesellschaft entscheiden kann. Erst im Bereich der Moral, im Bereich der Gotterhaltung (wie sie das nennt) wird der Mensch aber wirklich zum Menschen und erhebt sich dadurch - und nur dort - zur eigentlichen, menschlichen Freiheit. Im Bereich des Sittengesetzes dagegen erhebt sich der Mensch nur auf die Stufe des (nach M. Ludendorff) im Sinne seiner Selbsterhaltung vollkommen Tieres. Und zu diesem letzteren Bereich der Moral, so kritisiert Mathilde Ludendorff dann an Kant, habe Kant nur wenig bis gar nichts gesagt (3).

In ähnliche Richtung fiel schon die Kritik der Zeitgenossen an Kant aus. Schiller zum Beispiel formulierte als Kritik an der Alleinherrschaft des kategorischen Imperativs:

"Gewissensskrupel

Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung,
Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.

Decisum (Entscheidung)

Da ist kein anderer Rat; du mußt suchen, sie zu verachten,
Und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut."

Also ein Handeln "aus Neigung" ist in der Sittlichkeit und Moral (in der "praktischen Vernunft") von Immanuel Kant gar nicht vorgesehen, bzw. in dieser vielmehr "verdächtig", "anrüchtig", da ihm ja - womöglich - "egoistische" Motive zugrunde liegen, die vor der Vernunft nicht zu rechtfertigen wären (nach Kant). Diese Dinge hat Immanuel Kant für sich zu seinen Lebzeiten nicht mehr befriedigend auseinander gebröselt gekriegt und geklärt bekommen. Das haben fast alle seine wacheren Zeitgenossen so gesehen. Und das war der große Antrieb, der sie beflügelte, das waren die philosophischen Aufgaben, die sie für sich zu klären sahen.

1795 formulierte dementsprechend Friedrich Hölderlin in sehr dichten Worten in einem nur sehr kurzen Text den Grundentwurf für eine ganz neue, umfassende Philosophie, die aber für ihn ganz klar an dem anknüpfen sollte, was Immanuel Kant bis dahin an philosophischen Grundlagen gelegt hatte. Dieser berühmte Text ist als das "Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus" (Wiki) in die Geschichte eingegangen. Und er setzt sofort ein mit jenen Fragen, die Kant offen gelassen hatte, ein, mit der Kernproblematik der damaligen Philosophie. Er beginnt mit den Worten (Wiki):

"- eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt - wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat -, so wird diese Ethik nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein."

Hier wird also erkennbar: Philosophie - im Anschluß an Kant - ist für Hölderlin vor allem Moral, bzw. Ethik. Im weiteren Verlauf dieses Textes wird aber klar, daß für Hölderlin die Ästhetik, die Kunst dann noch wichtiger ist als die Ethik. Und so auch für Schiller in der fast zeitgleich entstandenen Schrift "Die ästhetische Erziehung des Menschen". 

Die erkenntnisphilosophischen Grundfragen halten beide - im Vergleich zu den offen gebliebenen Fragen auf dem Gebiet von Ethik und Ästhetik - für viel weitergehender geklärt durch Immanuel Kant als für die beiden anderen Bereiche. Und das ist dann der große Anspruch der Philosophen des deutschen Idealismus, für diesen großen Bereich menschlicher Moral und Ästhetik ebenfalls Antworten zu geben, die über den Kategorischen Imperativ von Kant weit hinausreichen, den sie eben nur als ein "Beispiel" ansehen dessen, was in diese Bereiche fällt, der aber diese Bereiche auch nicht ansatzweise auszuschöpfen in der Lage wäre. Das ungefähr ist der Ansatzpunkt auch der Schrift "Die ästhetische Erziehung des Menschen". Auch wenn Schiller es noch nicht so klar wie sein jugendlicher Freund Hölderlin formulierte.

Der Mensch "im Naturzustand" und der "sittliche Mensch"

Wenn ich also - kürzer gefaßt und konkreter - auf die Ausgangsfrage antworten soll: Schiller unterscheidet den Menschen "im Naturzustand" von dem "sittlichen Menschen". Mit dem "sittlichen Menschen" meint er aber eigentlich - im Sinne Mathilde Ludendorffs: den "moralischen Menschen", also den Menschen, der sich aus eigener, freier Entscheidung für das Gute entscheidet, für moralisches Handeln entscheidet. Da man zu Schillers Zeiten diese genaue Unterscheidung zwischen Sittengesetz und Moral, die Mathilde Ludendorff dann vorgenommen hatte, noch nicht zu machen fähig war, muß man immer genau hinschauen, wovon eigentlich gerade die Rede ist. Und das kann man nur verstehen, wenn man berücksichtigt, wie Menschen wie Schiller ihre eigene Zeit und ihre eigenen Zeitumstände wahrgenommen haben (4).

Im Naturzustand folgt der Mensch - nach Schiller - ohne alle Überlegung seinen Trieben, seiner Sinnlichkeit, seinen Instinkten, ähnlich wie das Tier. Er ist triebhaft, dumpf, unfrei, grausam, gewaltsam, jähzornig, eogistisch. Man könnte vermutlich auch konkreter sagen, daß dieser Mensch "im Naturzustand" für ihn der moralisch verkommene Mensch ist, also der, der rein egoistisch seinen Trieben folgt, der sich nur äußerlich "sittlich" verhält, weil er sich an "Konventionen" hält, der innerlich aber dennoch morsch und verkommen ist, der im Inneren eigentlich die platte Moral des willkürlichen Gewaltherrschers und Familientyrannen lebt.

Zu seiner Zeit hat man wohl noch geglaubt, ursprünglicher lebende "Naturvölker" (Jäger-Sammler-Völker) könne man prinzipiell so einordnen als wären sie moralisch verkommen. Man hat die christliche Unmoral, die man in seiner eigenen Gesellschaft als "barbarisch" empfand, als den "Naturzustand" angesehen. Heute sind wir ja diesbezüglich längst weiter. Auch diese Völker haben ihre eigene Sittlichkeit und Moral - so wie alle Völker weltweit. Und die Sittlichkeit und Moral dieser Völker steht in der Regel sogar viel höher als die Moral verkommener christlicher Völker. (Und zwar auch dann schon, wenn sie dazu keine philosophischen Schriften verfaßt haben.)

Der moderne Mensch (des 18. und 19. Jahrhunderts) erhebt sich aber über die moralische Verkommenheit, Heuchelei und Bigotterie christlicher "Moral" und "Sittlichkeit" erst durch die Vernunft, durch das Nachdenken, durch die Aufklärung. Aufklärung in diesem Sinne war also nie nur "Verstandesanliegen", es war im tieferen Sinne das Streben nach sittlicher, moralischer Vollkommenheit.

Deshalb ist aus heutiger Sicht eher zu sagen: Unter Menschen "im Naturzustand" hat Schiller letztlich die bornierten Christen seiner eigenen Zeit vor Augen, die sich nicht zu wahrer, moralischer Freiheit erhoben haben, sondern in einer sehr grobschlächtigen Sinnlichkeit und in einem sehr grobschlächtigen moralischen Feilschen mit ihrem Gott befangen sind - nach der Art: "Lieber Gott, laß mich in den Himmel kommen, dafür ringe ich mir mühsam einige, kleine Quäntchen von Moral in meinem Leben, als Familien- und Landesvater ab."

Aus solchem Christentum folgt dann brutales und gewaltätiges Vorgehen in der Erziehung und im zwischenstaatlichen Zusammenleben. Beispiele, die zu Zeiten von Schiller den größten Anstoß erregten, wären der Herzog von Württemberg mit seiner "Karlsschule", mit dem Einsperren von Freiheitsdichtern auf dem Hohenasperg und mit dem Verkaufen von Landeskindern nach Amerika (4). Beispiel wäre auch der Vater Friedrichs des Großen, der Soldatenkönig, der eine Generation zuvor gelebt hatte. Das wären also alles Menschen, die gar nicht fähig sind, sich zu wahrer menschlicher Moral, zu innerer Freiheit und Würde zu erheben. Ob es Menschen "im Naturzustand" im Schillerschen Sinne noch heute gibt - und wenn ja wo - diese Überlegung darf füglich dem Leser selbst überlassen bleiben. Dazu muß wohl nichts weiter gesagt werden.

Der "Naturstaat" im obigen Sinne ist also der "Gewaltstaat", die "Tyrannei", das blindwütige Herrschen der Willkür und der Borniertheit - oder gar (aus heutiger Sicht:) der bewußten Bosheit. Und Schiller meint nun: Insgesamt gesehen, "funktioniert" ja der Naturstaat "irgendwie". Ist es von diesem Standpunkt aus nicht gefährlich, diesen "Naturstaat" "verbessern" zu wollen, in dem man die in ihm lebenden mehr schlecht als recht lebenden Menschen mit einem aus der Vernunft geborenen "moralisch notwendigen Ideal von Gesellschaft" konfrontiert? Wäre das nicht zu abgehoben und zu weit von den sinnlichen Erfahrungen und sinnlichen Bedürfnissen der Menschen entfernt?

Der sittliche, der moralische Mensch im Sinne von Schiller lebt demgegenüber eine sehr prekäre Existenz, zumal in einer Gesellschaft, die ansonsten im "Naturzustand" begriffen ist (im Zustand christlicher oder atheistischer Verkommenheit). Und Schiller fragt, wie können Vernunftforderungen und Sinnlichkeit so miteinander in Einklang gebracht werden, daß die ("notwendige") Erfüllung der Forderung des Prekären, des Göttlichen nicht den Bestand der Gesellschaft an sich gefährdet. Also etwa in dem Sinne: "Sie gewannen sich den Himmel menschlicher Moral und Vollkommenheit, waren aber unfähig, auf der Erde zu überleben (als Gesellschaft)."

Es ist das übrigens dieselbe tiefere Fragestellung, die auch den Romanen von Schillers Zeitgenossin Jane Austen zugrunde liegt. Wie kann ich als edler Mensch leben, einen Heiratspartner finden, wenn ich umgeben bin von bornierten, verkommenen Menschen, von bornierten, verkommenen Gesellschaftsverhältnissen? Oder Mathilde Ludendorff formulierte diese Frage in dem Satz: "Wie bleib ich im Dasein der Gott?" (im Alltag, in der grauen, unbeseelten Alltäglichkeit)

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  1. Bading, Ingo: Der Weg zu wahrer politischer Freiheit - wo?, 03.10.2020, https://youtu.be/lVVebq_Ak6E.
  2. Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze.
  3. Ludendorff, Mathilde: Ein Wort der Kritik an Kant und Schopenhauer.
  4. Friedrich Schiller - Der Triumph eines Genies 1940, https://youtu.be/3ZCVIpT_A_E.

Mittwoch, 18. November 2020

Ein wenig Kunst - Teil 2

Der britische Bildhauer Carl Payne (geb. 1969) (CarlPayne) - er überrascht mit Kunstwerken, so sagten wir im ersten Teil, denen genug Ernst und inneres Erfüllt-Sein zugesprochen werden kann, um auf diesem Blog einmal vorgestellt zu werden. 


Abb. 1: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

Wir fanden so viele begeisternde Kunstwerke von ihm, daß ein Blogbeitrag gar nicht ausreicht, um ihnen allen gerecht zu werden und gebührend Raum zu geben.

 

Abb. 2: Die drei Grazien (Ausschnitt) - Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

 

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Abb. 3: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

 

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Abb. 4: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

 

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Abb. 5: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

 

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Abb. 6: Die drei Grazien - Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

 

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Abb. 7: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

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Abb. 8: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)
 

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Abb. 9: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

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Abb. 10: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

 

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Abb. 11: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

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Abb.: Eine Skulptur des englischen Bildhauers Carl Payne (geb. 1969)

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