Montag, 29. September 2008

"Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen"

Das wäre eine Geschichte für Peter Rosegger. Eine 35-jährige, heilkundige Frau, verscharrt mitten im Wald in der Nähe von Innsbruck, in der Zeit nach 1600, achtlos und verdreht in die Grube geworfen, dazu unzählige Utensilien, Kleinkram aus ihrem Leben. Gewalteinwirkungen konnten an ihrem Körper nicht festgestellt werden:

Die "Heilerin vom Strader Wald", bzw. die Heilerin aus der Ortschaft Tarrenz.

Aber wer so lieblos begraben wird, dem hat man kein "christliches Begräbnis" zugedacht, über dessen Tod war man froh. Oder man hatte ein schlechtes Gewissen, die Dienste dieser Person zu ihren Lebzeiten in Anspruch genommen zu haben. Der Pfarrer rief zornig und zischend von der Kanzel: Wehe, wehe, wehe, wer mit solchen Frauen umgeht. Und die Leute duckten die Köpfe. Denn damals war man sehr bibelgläubig. Und in der Bibel stand: "Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen." (3 Mose 20,6)

Quellen: Epoc.de, ORF, Urfrüh Innsbruck 1, 2

Sonntag, 28. September 2008

Leiden und Tod im öffentlichen Bewußtsein

Die Public Relations-Industrie neigt dazu, den Eindruck zu erwecken, daß Leiden und Tod immer nur andere Menschen betrifft. Demjenigen, der von ihr angesprochen wird, soll vermittelt werden, daß das Leben für ihn ein Traum ist, und zwar ein unendlicher, nie endender, wenn er: kauft, kauft, kauft.

Die Public Relations-Industrie hat weitgehend das Leiden und den Tod aus dem Alltags-Bewußtsein der Menschen verdrängt. Dabei sind Leiden und Tod ein Teil des Lebens.

Nun scheinen das Bewusstsein von den steigenden, immer schwerer finanzierbaren Gesundheitskosten - also wiederum rein finanzielle Erwägungen - zusammen mit dem Erkennen des  massiven Egoismus, den Raucher heute immer noch an den Tag zu legen fähig sind (gegenüber sich selbst und der Gesellschaft) - den Ausschlag zu geben dafür, daß man merkt, daß man doch nicht immer nur "wohlige", hedonistische Gefühle bedienen darf, wenn es um das öffentliche Bewusstsein geht: "Schockfotos sollen britische Raucher warnen". (Web.de)

Ja, tatsächlich, diese Schockfoto-Serie kann Ehrfurcht erwecken vor diesem fragilen Gebilde Körper, das unser Leben trägt. Und zwar besser als bloße Worte.

Donnerstag, 25. September 2008

Denker und Autoren, die unser Weltbild verändern

Das Internet ist voller Schrott. Deshalb kann es durchaus auch einmal sinnvoll sein zusammenzustellen, was man ab und an - bspw. - an guten Video's findet.

Hier zunächst ein langes, ausführliches Interview mit einem der wichtigsten Gründerväter der Soziobiologie, mit Edward O. Wilson, aus dem Jahr 2006.

Sodann hier ein Interview mit dem bedeutenden britischen Theoretischen Biologen John Maynard-Smith, Gründervater der Soziobiologie, gutem Freund von William D. Hamilton und Richard Dawkins, aus dem Jahr 2001.

In beiden Interview's ist auch von religiösen Grundfragen die Rede und von Motivationen, die in der wissenschaftlichen Arbeit leitend waren oder sind.

In den beiden folgenden Video's kann man sich einen persönlichen Eindruck von dem britischen Buchautor Marek Kohn verschaffen, der sich in dem geistigen Umfeld der beiden vorigen Denker bewegt hat und bewegt. Sein Buch "A Reason for Everything" (2004) über die Geschichte des britischen, biologischen Denkens im 20. Jahrhundert, insbesondere des soziobiologischen Denkens, ist sehr lesenswert. Kohn stand in persönlichem Austausch mit John Maynard-Smith, was sich in diesem Buch widerspiegelt.

Blinkx Video: Marek Kohn | A Reason For Everything

Und dementsprechend wird auch in seinem neuen Buch "
Trust - Self-Interest and the Common Good" (2008) ("Vertrauen - Eigeninteresse und das Gemeinwohl"), über das er in dem nächsten Video leider nur sehr oberflächlich spricht, manches Lehrreiche enthalten sein, vielleicht auch zu Themen wie Gruppenselektion und ähnliches. Manche Übereinstimmungen mit Überlegungen auf "Studium generale" werden ja schon im Buchtitel selbst greifbar.

Ein weiteres Video macht bekannt mit dem Physiker Alan Sokal, dem Autor von "Eleganter Unsinn" und dem subversiven Inszenierer der berühmten "Sokal-Affäre".

Und ein weiteres mit dem britischen Physikochemiker Peter Atkins, von dem das lesenswerte, kleine, auch ins Deutsche übersetzte Buch "Schöpfung ohne Schöpfer" stammt, der aber besonders bedeutend ist durch seine voluminösen Lehrbücher.

Blinkx Video: Peter Atkins | Atkins' Physical Chemistry

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Montag, 22. September 2008

Das Römerlager bei Hedemünden an der Werra (9 v. - 9 n. Ztr.) - Fortsetzung

Römische Eisenfessel aus Hedemünden/Werra

Vor wenigen Wochen berichteten wir über die Entdeckung des Sommerlagers des römischen Feldherren Varus an der Weser. (Stud. gen.) Und schon vor einem Jahr haben wir über das Römerlager von Hedemünden weiter flußaufwärts an der Werra berichtet, das vor zehn Jahren durch Raubgräber entdeckt worden war. (Wikipedia, Stud. gen.) Die Erforschung dieses letzteren Römerlagers hat inzwischen deutliche Fortschritte gemacht. (Epoc) Die Archäologen haben dort inzwischen über 1.700 Waffen, Werkzeuge und Alltagsgegenstände gefunden, darunter eine Eisenfessel wie oben abgebildet. Auch zahlreiche Gebäudefundamente.

Und offenbar besteht die Vermutung, daß dieses Römerlager an der Werra nicht nur über den Landweg, sondern auch von der Nordsee über die Weser per Schiff von den Römern erreicht und versorgt wurde. Die gefundene Eisenfessel ist in ihrer Art bislang einmalig für die römische Zeit und erinnert an ähnliche Geräte aus dem Mittelalter ("Halsgeige"). Entweder diente sie für Strafen an den Soldaten selbst oder für den Sklavenhandel mit den einheimischen germanischen Stämmen.

Rekonstruktion - Blick von Osten (von der Ortschaft Hedemünden)
auf das imposante Lager über einer Werrafurt

Bei Wikipedia heißt es über das Lager zusammenfassend zur zeitlichen und räumlichen Einordnung:
Nach den archäologischen Befunden wurde das Lager Hedemünden um etwa 11 bis 9 v. Chr. gegründet. Es bestand mindestens bis 8 oder 7 v. Chr., eventuell auch noch bis in die Jahre nach Chr. und bis zur Varusschlacht. Letztlich kann es noch einmal in den Jahren 15 und 16 n. Chr. während der römischen Revanchefeldzüge unter Germanicus eine Rolle gespielt haben. Mit Hedemünden wurde ein wichtiger strategischer und logistischer Lagerkomplex der römischen Vorstöße entdeckt. Er orientierte sich an der Überquerung einer alten Fernstraße, die von Nordhessen nach Südniedersachsen führte, über die Werra, die als Oberlauf der Weser noch rund 150 Kilometer weiter flussaufwärts schiffbar war und gleichermaßen eine wichtige überregionale Verkehrs- und Handelslinie darstellte. Hedemünden (...) ist bislang das am weitesten nach Osten vorgeschobene bekannte Lager in Germanien.
Auch die römische Militärstraße nach Hedemünden und über das dortige Kastell hinaus wird inzwischen archäologisch erfaßt. Damit wird immer deutlicher, wie umfassend die römischen Eroberungen des freien Germaniens ins Auge gefaßt und durchgeführt wurden. Die Zangenbewegung über die Landwege und über die Flußläufe von Weser und Werra (zum Teil auch über die Elbe) hätten sicherlich nur wenige Jahrzehnte später in der vollständigen Eingliederung der nordeutschen Tiefebene in das römische Weltreich geführt, wenn eben nicht dort sich der Widerstand gesammelt hätte, der sich in der Schlacht von Kalkriese im Jahr 9 n. Ztr. manifestierte. (Stud. gen. 1, 2, 3)

Samstag, 20. September 2008

"Mensch Benedikt"

Ein evangelischer Liedermacher und Pfarrer, Clemens Bittlinger, hat ein kritisches Lied über den Papst gemacht, "Mensch Benedikt" (Youtube) und am 22. Mai 2008 unter Begeisterung der Zuhörer auf dem deutschen Katholikentag vorgesungen.

Da wird "Rom" nicht sehr zufrieden sein mit den deutschen Katholiken. Aber wann war es das jemals? Anderen deutschen Katholiken, wie es heißt "konservativen", scheint nun wegen dieses Liedes die Zornader zu schwellen.

Man könnte meinen, Bittlinger hätte noch ein bisschen mehr über die Indianer singen können, die über viele zehntausende von Jahren hinweg ganz ohne Jesus Christus auskamen, oftmals auch wesentlich glücklicher und zufrieden waren, als seit der Zeit, seit der sie - und gewiß nicht in jedem Fall aus eigenem Antrieb - mit Jesus Christus "bekannt gemacht" wurden.

Man sollte das Lied kennen.

Es weckt viele Emotionen. Und das ist gut so.

Donnerstag, 18. September 2008

"Exzellenz": Muttersprache und emotionale Reaktionen

An der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte, dem neu anvisierten "Harvard" oder "Oxford" der deutschen Wissenschaftsnation, gibt es ein neues "Exzellenz-Cluster", das ganz interessant klingt: "Languages of Emotion" (Hervorhebungen nicht im Original):
Gegenstand des Clusters sind die vielfältigen inneren Zusammenhänge von Sprache und Emotion. Die meistdiskutierten Emotionsmodelle der neueren Psychologie und Neurowissenschaft räumen der Sprache und anderen kulturellen Zeichensystemen keine theoretisch relevante Rolle ein. Umgekehrt sagen die Sprachmodelle der modernen Linguistik wenig oder gar nichts über emotionale Prozesse. Die Theoriebildung in der Folge von Chomskys „Generativer Grammatik“ ist eines von vielen Beispielen für den dominanten Trend, Sprach- und Affekttheorien zu entkoppeln. Ziel des Clusters ist es eben dies zu verändern. (...)
In diesem Cluster gibt es beispielsweise auch die Forschungsgruppe "Mehrsprachigkeit und emotionale Effekte beim Lesen in unterschiedlichen Sprachen". - Da sich menschliche Gruppen vor allem durch unterschiedliche Muttersprachen voneinander unterscheiden, haben wir dieses Thema auf "Studium generale" schon vielfältig angerissen und behandelt. Muttersprache prägt Wahrnehmung und emotionale Reaktionen vielfältig. (Stud. gen. 1, 2, 3, 4, 5) Man darf gespannt sein, was dieses Exzellenz-Cluster nun weiteres Neues darüber herausbringt.

Die "Vereinheitlichung" der emotionalen Reaktionen einer Menschengruppe durch eine gemeinsam gesprochene Sprache, noch dazu eine, auf die man in einer sensiblen Phase irreversibel schon im ersten Lebensjahr ("emotional") geprägt wurde, sollte die Kooperation zwischen den Angehörigen dieser Menschengruppe erleichtern, wodurch sicherlich auch die genetische Einheitlichkeit in der Gruppe herabgesetzt werden kann, ohne daß Altruismus-Potentiale gefährdet wären. Ob dieses Herabsetzen jedoch unbegrenzt möglich ist, darüber weiß man in der Wissenschaft wohl noch recht wenig.

Dienstag, 16. September 2008

Handels- und Diplomaten-Schiff, 1330 v. Ztr.

Auf einer Rundreise im östlichen Mittelmeer - mit Hausmaus an Bord

Im Mai war "Studium generale" kurzzeitig mit der Chronologie der Ausbreitung der Hausmaus von Süd- nach Nordeuropa befaßt. (Stud. gen. 1, 2) Diesbezüglich gibt es noch keine letztendlich sicheren Erkenntnisse. Es konnte also noch keine endgültige Klärung der Frage erreicht werden, ob schon die Trichterbecherkultur an der Ostsee (3.000 v. Ztr.) die Hausmaus kannte oder ob sich die Hausmaus erst in der Eisenzeit mit den Kelten und Römern nach Mittel- und Nordeuropa ausbreitete. In einem spätbronzezeitlichen Schiffswrack (um 1330 v. Ztr.), gefunden 1982 an der heutigen südtürkischen Küste, fanden sich, wie jüngst veröffentlicht wurde (Tagesanzeiger.ch, Originalartikel), auch Knochen der syrischen Hausmaus. Da aus diesem Zeitraum wenige sichere Hausmausfunde bekannt sind, könnten aus dieser Tatsache vielleicht noch mancherlei Implikationen abgeleitet werden. (Dazu vielleicht später noch einmal.)

Aber dieses "Schiff von Uluburun" (Wikipedia), von dem noch nicht jeder Leser schon einmal etwas gehört haben wird (so auch nicht der Verfasser dieser Zeilen), ist offenbar auch sonst ein unglaublich spannendes Thema. Es ist reich beladen gewesen und gewährt einen vielfältigen, lebendigen Eindruck von dem Wohlstand und den dichten Handelsverbindungen der spätbronzeitlichen Stadt- und Adels-Gesellschaften im Mittelmeerraum.

Diese Gesellschaften waren das hethitische Reich mit seinen ahlreichen Stadtstaaten, besonders an der (heutigen türkischen) Küste (- etwa Troja). Dazu gehörte natürlich das ägyptische Reich, dessen politischer Einfluß sich bis zu den zahlreichen Stadtstaaten an der levantinischen Küste erstreckte ("Phönizien"). Dazu gehörte das assyrische Reich, die mykenischen Stadtstaaten in Griechenland, die minoischen Stadtstaaten auf Kulturen auf Zypern und Kreta. - Man mache sich auch bewußt, daß dies eine Zeit ist, lange bevor in Jerusalem etwa im 5. Jhdt. v. Ztr. - vielleicht während einer Belagerung durch die Assyrer - die heutige jüdische, biblische Religion entstanden ist.

Spätbronzezeitliche Kultur im Mittelmeerraum

Dieses Schiff ist aber nur wenige Jahrhunderte vor jenen Ereignissen gesunken, die dazu führten, daß die Mykener (Griechen) Troja am Rande des hethitischen Reiches belagerten. Raub der Helena - man erinnert sich vielleicht. Sie könnte auch mit eben einem solchen Schiff geraubt worden sein. - Neben Waffen aus dem gesamten genannten östlichen Mittelmeerraum fanden sich in diesem Schiffswrack auch bisher archäologisch nicht belegte, in der "Ilias" aber erwähnte, aufklappbare Holztafeln ("Bücher"). Auf Wikipedia heißt es allgemein zu diesem Schiffswrack:
Das Schiff von Uluburun war offenbar ein Handelsschiff auf einer Rundroute im östlichen Mittelmeer und gilt somit als Nachweis einer regen Handelstätigkeit im Gebiet. Die Route selbst ist nicht restlos geklärt, da das Schiff Waren aus allen bekannten Gegenden der Zeit beherbergte. Es wird allerdings vermutet, dass es aus dem östlichen Mittelmeerbereich Levante, via Zypern unterwegs in die Ägäis war. Die Öllampen des Schiffes waren eindeutig levantinisch und deuten somit auf die phönikischen Städte hin. Die Waffenfunde auf dem Schiff deuten auf die Mitreise zweier mykenischer Personen höheren Ranges, möglicherweise Abgesandte oder Diplomaten eines mykenischen Palastes zur Begleitung und Bewachung der Ladung.
Zur Bedeutung des Schiffsfundes allgemein heißt es:
Die gefundene Vielfalt an Objekten der unterschiedlichsten Herkunft ist für diese Zeit einmalig. Bisher war die Wissenschaft auf schriftliche und bildliche Überlieferungen angewiesen, um das damalige Wirtschaftssystem und den Handel der späten Bronzezeit zu rekonstruieren. Nun ist bewiesen, dass alle damaligen Staatsgebilde des östlichen Mittelmeerraums (und auch einige darüber hinaus) an diesem Handel teilnahmen. Es existierte ein weit gespanntes Handelsnetz, das sogar so entfernte Regionen wie die Ostsee mit einbezog. Funde aus dem östlichen Mittelmeerraum, wie z. B. die Ochsenhautbarren, fanden sich andererseits auch in Süddeutschland und Südfrankreich.
(Hervorhebungen nicht im Original.) Falls die Atlantikroute schon damals befahren worden sein sollte, wäre es merkwürdig, wenn auf dieser nicht spätestens damals schon die Hausmaus nach Nordeuropa gelangt wäre. Aber vielleicht konnte sie damals in Nordeuropa sich infolge zu weniger großer, zusammenhängender, städtischer Siedlungen noch nicht dauerhaft halten und ausbreiten.

Auf die spätbronzezeitlichen Handels- und Kulturkontakte zwischen dem Mittelmeer, sowie dem mittel- und nordeuropäischen Raum wurde auf "Studium generale" schon an früherer Stelle verwiesen. (Stud. gen.) Dieses Schiffswrack ist offenbar ein neuerlicher, recht guter Beleg dafür.

In Bochum gab es übrigens 2006 zu diesem Schiffsfund eine Ausstellung, siehe Uluburun.de - mit vielen Bildern.

Die "Schmutzimpfung" für unsere Kinder

Schwangere Mütter: Raus aus dem Büro, rein in den Kuhstall!

Wohl fast der ultimative Beweis: Wir heutigen Menschen - zumindest in Mitteleuropa - sind biologisch an die Lebensweise auf dem Bauernhof angepaßt (1): Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft in einem Kuhstall gearbeitet haben, haben die wenigsten Allergien. Und um so weniger, um so vielfältiger die Artenvielfalt der Tiere im Stall war. Also auch Schweinestall, Kaninchenstall, Hühnerstall, Gänsestall, Taubenstall. Schwalben fliegen ja oft rein und raus, Hunde, Katzen, Schafe, Pferde ...

Bei der Beschäftigung mit der anthroposophischen Medizin waren wir schon darauf gestoßen, daß Bauernkinder und Kinder aus Familien mit einem anthroposophischen Lebensstil (die vielleicht mehr Tiere im Haushalt haben als die anderen Familien) weniger Allergien haben, als andere Kinder. (Stud. gen. 1, 2 und andere) (Das liegt - siehe gleich - also offenbar nicht daran, daß Familien mit einem anthroposphischen Lebenstil weniger impfen, sondern daß sie mehr impfen - aber mit dem richtigen Mittel: Schmutz!!!) Diese neuen Forschungen scheinen diese Dinge außerordentlich präzisiert und wasserdicht gemacht zu haben (1):
„Für die Kinder war entscheidend, ob die Mütter während der Schwangerschaft im Stall arbeiteten oder nicht“, sagt von Mutius. „Dieser Faktor war eindeutig wichtiger als etwa die Frage, ob die Kinder selbst in den ersten Lebensjahren im Stall spielten oder häufig mit Tieren in Kontakt kamen.“ Die Wahrscheinlichkeit etwa für Asthma und Heuschnupfen sank erheblich. Und das bis etwa zum fünften Lebensjahr. Je mehr Tierarten im Stall gestanden hatten, desto eindeutiger der Effekt.
Egal übrigens, in welcher Phase der Schwangerschaft.
„Schon wenn ein Misthaufen in der Nähe war, konnten wir einen Unterschied festmachen“, sagt Ege. „Die Allergieneigung war halbiert.“

Die beste Impfung ist also - - - die "Schmutzimpfung"


Als die Mutter des Verfassers dieser Zeilen mit ihrem Nachwuchs schwanger war, saß sie stattdessen in einem verrauchten Büro. Und der Nachwuchs hat noch heute Asthma.

Also bitte, Ihr werdenden Mütter, schaut Euch die Dinge nicht nur im Fernsehen an: : Man muß sie riechen können, die frische Landluft!

Bauernhof 

Ergänzung: Bevor man auf die hier referierten Erkenntnisse kam, hatte man übrigens die nicht-pasteurisierte Milch für die geringe Häufigkeit von Allergien verantwortlich gemacht. (siehe: St. gen.).

[13.4.2020] Über diese Schmutzinfektion schwangerer Mütter auf dem Bauernhof informiert die Forscherin und Kinderärztin Prof. Dr. Erika von Mutius auch in recht aktuellen Kurzvorträgen auf Youtube (s.a.: 2).
____________
  1. Magnus Heier: Lebensweise der Mutter entscheidet über Allergien, 15.09.2008, https://www.welt.de/gesundheit/article2446645/Lebensweise-der-Mutter-entscheidet-ueber-Allergien.html (erschienen auch in der "Morgenpost")
  2. Bading, Ingo: Unser Immunsystem und die Tiere. 13.4.2020, https://youtu.be/cLjeSeI3z2shttps://youtu.be/cLjeSeI3z2.

Samstag, 13. September 2008

Ulrich Kutschera im Video

Hier ein Interview auf Youtube (von Dezember 2007).

"Die höhere Ideologieanfälligkeit der Verbalwissenschaftler"

Studium generale berichtete am 9. Juli über Ulrich Kutschera (siehe Bild) und seine Auseinandersetzung mit Kreationisten und "Naturalismus-Kritikern". Lars Fischer fragte daraufhin am 16. Juli: "Was ist eigentlich euer Problem?" - Nun hat es im Laborjournal eine Weiterführung in diesen Auseinandersetzungen gegeben (über hpd). Der Neuphilologe und Mathematiker Remigius Bunia aus Friedrichshafen schreibt da als Leserbrief zu dem Kutschera-Artikel:
Zunächst erscheint der Ausdruck ,Verbalwissenschaftler' so passend, dass gegen ihn nichts einzuwenden ist. Er ist, vergleicht man ihn mit ,Geisteswissenschaften' oder den englischen ,Humanities', so treffend, dass ich beschlossen habe, ihn für meinen Sprachgebrauch zu übernehmen. Denn es ist richtig: Verbalwissenschaftler befassen sich mit dem gesamten Wortbestand dieser Welt. Dabei ist es in der Regel die Sekundärverwertung, um die es ihnen geht: Historiker zweitbenutzen Quellen, Juristen zweitbenutzen Gerichtsurteile, Literaturwissenschaftler zweitbenutzen Dichtung. Natürlich gibt es die Tertiärverwertung, von der Kutschera spricht, und an ihr ist grundsätzlich nichts auszusetzen: Historiker schreiben über Texte anderer Historiker, Juristen schreiben über Texte anderer Juristen, Literaturwissenschaftler schreiben über Texte anderer Literaturwissenschaftler, und so weiter. Bisweilen gibt es primäres Textschaffen: Auch Verbalwissenschaftler können Ideen in die Welt setzen, die diese verändern; zum Beispiel ist die Gewaltenteilung im Staat zunächst auf dem Papier entstanden.

Kein Mensch mit gesundem Menschenverstand zweifelt an dem Nutzen der Erforschung verbaler Phänomene. Auch Kutschera legt viel Wert darauf, die Verbalwissenschaftler nicht in einem Rutsch zu diskreditieren. Denn jeder Biologe, der sich mit einem DFG-Antrag schon einmal gequält hat, wird kaum leugnen wollen, dass die Kraft des Verbalen eine immense Gewalt auf sein Forscherdasein ausübt; er kennt Arbeits- und Dienstverträge und kennt ihre Wirkung; ja: dass gesprochene Sprache im Alltag von eminenter Bedeutung für alle sozialen Prozesse ist, kann kaum in Abrede gestellt werden.

Aber genau deshalb wirkt der meist umsichtige Text in seinem teils auch herablassenden Tonfall ärgerlich. Denn wie kann man behaupten, dass den Verbalwissenschaften die "Realwissenschaften" gegenüberstehen? Dieser Ausdruck ist ein grober Fehlgriff, nicht weil die Naturwissenschaften keine Realwissenschaften wären, sondern weil sich gerade Verbalwissenschaftler mit der harten Realität des gesprochenen Wortes beschäftigen.
Dem muß durchaus zugestimmt werden. Was Bunia dann schreibt, ist aber nicht mehr so klar und schlüssig. Und dann ist auch die Frage zu stellen, ob die "harte Realität des gesprochenen Wortes" wirklich so hart und real ist wie das, was Naturwissenschaftler erforschen. Und das wird auch das Gegenargument von Kutschera sein (siehe unten).

Strittig sind ja hier offenbar vor allem menschliche, soziale Phänomene, denen man sich "verbal" annähern kann oder indem man beispielsweise ihre biologische Herkunft erforscht oder indem man das erforscht, was der Mensch in der Welt heute zu erkennen fähig ist aufgrund von gesellschaftlichen Entwicklungen, die ebenfalls verbaler Art waren - aber eben nicht nur, sondern zu entscheidenden Anteilen technischer Art und so weiter.

Zum Schluß gibt Bunia in Abwandlung eines Wittgenstein-Zitates eine Ergänzung zu Kutschera's "Nichts in den Geisteswissenschaften macht Sinn außer im Lichte der Biologie". Sie lautet: "Die Naturwissenschaft ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Allpräsenz der Sprache." Auch dem wird man sicherlich zustimmen können.

Kutschera antwortet

In seiner Antwort fährt Kutschera nun aber eine neuerliche "Verbal"-Attacke gegen die "Verbalwissenschaften", die Spaß macht und die sich gewaschen hat. Er beginnt mit "verhaltensbiologischen" Beobachtungen an "Verbalwissenschaftlern" in den "Semesterferien":
Zur Zeit sind wieder "Semesterferien"; da haben die faulen Studenten und deren nicht minder arbeitsscheue Chef-Ausbilder, sprich Universitätsprofessoren beziehungsweise "Hochschullehrer", über Monate hinweg frei. So ein lustiges Leben wünsche ich mir auch, lautet das Urteil vieler Steuerzahler.

Besuchen wir die Seminar-Räume und Bibliotheken der geisteswissenschaftlichen Fakultäten, so ist dort in der Tat außerhalb der Vorlesungs- und Schulferienzeit kaum jemand anzutreffen. Die fest angestellten Sekretärinnen trinken Kaffee und erzählen sich Geschichten über den dauerabwesenden Chef, die Assistenten weilen im Mutter- beziehungsweise Vaterschafts-Urlaub oder auf Tagungen, und die Studenten der Soziologie, Politologie, Germanistik, Anglistik, Geschichte, Philosophie, Theologie und so weiter sind, bis auf wenige Ausnahmen, verschollen: Wahrhafte "Geister"-Studenten. Nur einige Fleißige schreiben Hausarbeiten oder korrigieren solche.

Ein anderes Bild zeigt sich bei einer kleinen, bescheiden lebenden Studenten-Minderheit, den angehenden Biologen, Chemikern, Physikern und Ingenieuren. Sie haben kein "lustiges Studentenleben": Während der vorlesungsfreien Zeit (das Un-Wort "Semesterferien" gibt es in den Naturwissenschaften nicht) finden Labor-Praktika, Exkursionen und Prüfungen statt, und das in einem Ausmaß, dass ich mich als Biologie-Chemie-Student an der Uni Freiburg meistens auf das beginnende Semester gefreut habe. Zumindest jene Professoren naturwissenschaftlicher Fachgebiete, die man als Autoren von Fachbüchern und Web of Science-Publikationen im Internet findet, forschen in der vorlesungsfreien Zeit und schreiben an Manuskripten und Forschungsanträgen.

Wie ist diese unterschiedliche Nutzung der "Semesterferien", die eine statistisch belegte Tatsache ist, zu bewerten?

Es gibt dazu zwei Theorien:

1. Angehende Geisteswissenschaftler sind im Durchschnitt intelligenter als ihre Kommilitonen aus den Naturwissenschaften. Daher können sie die "Semesterferien" zum Erholen und Geld verdienen nutzen.

2. Die Naturwissenschaften fordern mehr Arbeitsaufwand und persönlichen Einsatz. Der Grund: hier wird Erkenntnis im wesentlichen über experimentelle Methoden gewonnen. Die Studenten unterwerfen sich strengeren Anforderungen, weil sie etwas Handfestes, Solides, Verwertbares lernen und sich die logisch-rationale Denkweise aneignen wollen.

Für Theorie 1 (höherer IQ bei angehenden Verbalwissenschaftlern) sprechen keine mir bekannten Fakten. Niemand scheint sich die Mühe gemacht zu haben, die Durchschnitts-IQ-Werte der Studenten verschiedener Fachbereiche zu messen (wobei noch zu klären wäre, was der IQ eigentlich misst). Es ist aber bezeichnend, dass (nicht nur) in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wesentlich mehr Studenten der Geisteswissenschaften ideologische Scheuklappen trugen als solche der Naturwissenschaften. Die Demonstrationszüge, in denen Massenmörder wie Stalin und Mao verherrlicht wurden, bestanden hauptsächlich aus Soziologen, Politologen, Pädagogen, Theologen – also aus Studenten, deren Expertise darin bestanden haben sollte, es gerade hier besser zu wissen. Wozu ist Politologie gut, wenn sie einem nicht einmal in der Politik Durchblick verschafft? Doch die angehenden Verbalwissenschaftler wussten es nicht besser, sie priesen ein System, dass einige Jahre später ruhmlos zusammenbrach und nichts zurückließ als gebrochene Karrieren und miserable Straßen. Zugegeben, das lässt nicht nur auf geringere Intelligenz und mehr auf mangelnde Urteilskraft schließen, aber immerhin haben sie sich dümmer verhalten als jeder Fabrikarbeiter. Es scheint mir daher nicht berechtigt bei den Verbalwissenschaftlern, im Vergleich zu den Realwissenschaftlern, von einem höheren IQ auszugehen.

Also scheint die Theorie 2 zuzutreffen. Ich betone, dass es auch unter Studenten der Realwissenschaften "Traumtänzer" gibt und manche Verbal-Studenten über die strenge Arbeitsmoral der besten "Realos" verfügen. Wir diskutieren hier den Durchschnitts-Studenten.
"... In den Nebeln von Avalon, ohne je ein Ufer zu erreichen"

Und dann kommt Kutschera zur Sache selbst und hat auch hier wieder völlig recht:
In den Realwissenschaften gibt es richtige und falsche Fakten beziehungsweise Thesen, innerhalb der Ghost-Sciences werden Meinungen vergleichend bewertet. Es ist nicht möglich, wahr oder falsch zu unterscheiden: Zwei Analysen über Shakespeares "König Lear" oder das "Kapital" von Karl Marx können zu diametral entgegen gesetzten Aussagen kommen, ohne dass es je möglich sein wird, die eine mit dem Label falsch zu etikettieren – auch nach endlosen Diskussionen nicht. Es setzt sich vielmehr jene durch, die besser formuliert ist oder optimaler in einen politisch-ideologischen Zusammenhang passt. Daher auch die relativ höhere Ideologieanfälligkeit der Verbalwissenschaftler.
Das kann man für unglaublich wichtige Sätze halten. Oder an anderer Stelle:
Ein weiterer Punkt ist die fehlende Reproduzier- und Überprüfbarkeit der Literaturarbeit: man liest "Tacitus" heute so und morgen anders.
Erst eindeutige archäologische Belege entscheiden letztlich definitiv, ob Tacitus in starker oder geringer Weise ein verzerrtes Bild von den Tatsachen gibt. Oder an anderer Stelle:
Hätten sich die Biologen auf das Lesen der Fachliteratur beschränkt, nach Ansicht des oben zitierten Bücher-Gelehrten (Bunia) ein Analogon zum Experiment, wären wir immer noch auf dem Stand von 1928. (...) Wer nie seine Lieblingsthese an einem Experiment hat scheitern sehen, wird den Unterschied zwischen Real- und Verbalwissenschaften nicht verstehen. Das Experiment ist dem Realwissenschaftler der Halt im geistigen Chaos, der Verbalwissenschaftler dagegen rudert in den Nebeln von Avalon, ohne je ein Ufer zu erreichen.
Klasse, Klasse, Klasse! Auf dem Brightsblog bisher in 11 Kommentaren weitgehend Zustimmung. Wohl sehr mit recht.

Freitag, 12. September 2008

"FC Baumhopf o4"

"Fußball-Fan? - Was bist Du denn für ein schräger Vogel?"
oder: Gruppenauseinandersetzungen bei Vögeln


(Der Hauptartikel zu diesem Thema hier: Studium generale)

Ameisen und Bienen, Schimpansen, Bonobos, Paviane, Nacktmulle, die afrikanischen Zwergmungos und die israelischen Graudroßlinge - alles Tiere, die in zumeist größeren Gruppen leben, deshalb so mancherlei Ähnlichkeit mit menschlichem Sozialverhalten aufweisen und deren Erforschung deshalb auch schon so manche Neuerkenntnis bezüglich der evolutiven Wurzeln des menschlichen Sozialverhaltens erbracht haben, also das menschliche Selbstbild beeinflußt haben.

Zuletzt waren es die israelischen Graudroßlinge, eine Vogelart, erforscht durch das Ehepaar Amoz Zahavi und Frau, die Anlaß zu einer ganz neuen Theorie in der Verhaltensforschung gegeben haben, nämlich der sogenannten "Handicap-Theorie", auch Signal-Theorie genannt. (Siehe etwa Eckart Voland "Angeber haben mehr vom Leben".) Man kann diese Theorie auch die "Übermut-Theorie" oder die "Halbstarken-Theorie" nennen. Die Graudroßlinge, diese schrillen Vögel, konkurrieren nämlich innerhalb der Gruppe einmal anders herum nicht darum, anderen Gruppenmitgliedern die meiste Nahrung wegzunehmen, sondern darum, ihnen die meiste Nahrung geben zu dürfen. Womit deutlich wird: In der Natur läßt sich nicht leicht alles über einen Kamm scheren.

Die Baumhopfe in den südafrikanischen Wäldern

Nun gerät durch eine neue Studie (Presseerklärung) eine in Gruppen lebende Vogelart ins Blickfeld der Forschung, genannt die Baumhopfe (Phoeniculus purpureus), englisch "Green Woodhoopoe". Sie werden von Andrew Radford von der Universtität Bristol erforscht (siehe Hauptblog und die Abbildungen dieses Beitrages). Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über ganz Afrika südlich der Sahara. Sie sind entfernter mit den europäischen Wiedehopfen verwandt. Auf seiner Seite schreibt Andrew Radford, daß er erforscht:
1. wie in Vogelgruppen Entscheidungen getroffen werden (demokratisch oder despotisch),
2. wie Alarmrufe evoluiert sind,
3. welche Funktion Lautäußerungen während der Nahrungssuche haben,
4. soziale Gefiederpflege bei Vögeln entsprechend dem sozialen Fellausen bei Schimpansen, englisch "Allopreening".
Verbreitungsgebiet der Baumhopfe

Diese soziale Gefiederpflege bei Vögeln nun ist im Gegensatz zum Fellausen bei Säugetieren noch kaum erforscht, schreibt Radford:
Allopreening is a widespread phenomenon among birds but, unlike allogrooming in mammals, virtually no detailed studies have investigated its functions. In green woodhoopoes, a group-living African bird species, allopreening appears to serve a dual purpose: allopreening of the head and neck region (inaccessible to the recipient itself) seems to be primarily for hygienic purposes; in contrast, allopreening of the rest of the body may serve a primarily social function. Allopreening of these accessible body parts peaks at certain times of year, is more apparent in larger groups and dominants are the recipients far more than subordinates, which themselves conduct more of the active preening. This suggests that the allopreening acts to enhance social cohesion within the group, rather than to maintain dominance relationships.
Daß die soziale Gefiederpflege häufiger ist, um so größer die Gruppen sind und eher soziale als hygienische Bedeutung hat, erinnert alles sehr deutlich an die "Social Brain"-Thesen von Robin Dunbar, nach der das Fellpflegen die evolutive Wurzel des menschlichen Sprechens, des menschlichen "Klatsches und Tratsches" ist. In welchem Verhältnis die Häufigkeit von sozialer Gefiederpflege zu der Häufigkeit von Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen steht, war bisher noch nicht erforscht worden:
I am currently examining how intragroup allopreening is influenced by intergroup conflict. Although numerous studies have investigated the increase in affiliative behaviour following conflict between group members, virtually none have looked at the importance of conflict between groups, even though these are common in many social species. It appears that intragroup allopreening increases following intergroup conflicts, particularly those that are long in duration or lost, and those involving strange groups as opposed to neighbours. Moreover, not all group members increase their allopreening to the same extent: the postconflict increases are the result of more allopreening of subordinate helpers by the dominant pair. This may be because the dominant pair are trying to encourage the helpers to participate in future intergroup conflicts; they may be trading stress-reducing allopreening for assistance in intergroup conflict.
Die Süddeutsche erläutert das in deutscher Sprache:
Jeweils zwölf Baumhopfe leben in Gruppen zusammen - ein dominantes Brutpaar und mehrere nicht brütende, untergeordnete Vögel, die bei der Aufzucht des Nachwuchses behilflich sind. Während der Kämpfe mit den Rivalen tragen die untergeordneten Baumhopfe mehr zum Erfolg bei als die dominanten.

Daher vermutet der Autor der Studie, Dr. Andy Radford von der University of Bristol, die dominanten Vögel würden ihre untergeordneten Freunde so häufig putzen, um sie für den bevorstehenden Kampf fit zu machen.

Der britische Wissenschaftler zeigt in seiner Studie ebenfalls, dass Baumhopf-Gemeinschaften, die sehr oft mit ihren Nachbarn in Konflikt gerieten, sich öfter gegenseitig putzen würden als friedlichere Gruppen. "Das Putzen vermindert vermutlich den Stress und fördert den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Das ist besonders wichtig nach verlorenen Schlachten", begründet Dr. Andy Radford.
Es wird also deutlich, daß die sich fortpflanzenden Elterntiere der Gruppe ihre "Helfer am Nest" durch Gefiederpflege "bei der Stange halten" und damit den Gruppenzusammenhalt aufrecht erhalten und die Gruppengröße ermöglichen.

Fußball-Fans: "Versuchen wir, es mit Fassung zu tragen!"

Da ihr Verhalten von Radford so deutlich mit dem von Fußballfans verglichen wurde (siehe Hauptblog) interessieren sich übrigens neuerdings auch diese für die Verhaltensforschung (11freunde.de, Bundesligablog.de). Und sie geben zugleich auch ein schönes Beispiel dafür, wie man mit Forschungsergebnissen umgehen kann, die man sich weder gewünscht hat, und auf die man zunächst auch nicht besonders erfreut reagieren kann:
Wissenschaftler der englischen Universität Bristol wollen herausgefunden haben, dass Baumhopfe einander nach Niederlagen trösten. »Genauso wie Fußballfans sich im Pub bemitleiden, wenn ihre Mannschaft verloren hat, unterstützen sich auch Vögel nach einem Wettkampf mit ihren Rivalen«, erklärte die Universität am Mittwoch. Sie liebkosten und putzten sich gegenseitig (...). Der Anteil der putzenden Baumhopfe sei in den Gruppen am größten, die das stürmischste und konfliktreichste Verhältnis zu ihren Nachbargruppen hätten.

(...) Viele Fans haben (...) nun also auch noch zu ertragen, dass sie sich nur aufgrund des fehlenden Gefieders und der Unfähigkeit zu fliegen von den bizarren Baumhopfen unterscheiden.

Wir wollten das nicht wissen. Beim besten Willen nicht. Aber Forschungsergebnisse flattern einem ja selten auf Bestellung ins Haus. Versuchen wir, es mit Fassung zu tragen. Denn immerhin: Das Schicksal, einem Vogel ähnlich zu sein, trifft uns alle gleichermaßen. Es macht uns zu Brüdern.

Steh auf, wenn du ein Baumhopf bist!
schreibt Dirk Gieselmann "gefaßt". ;-)

Die Gruppenselektion in der Diskussion

Hier für Interessierte noch die theoretische Einleitung der Studie, die manche weiterführenden Literaturhinweise bietet bezüglich der derzeitigen Debatte um die Gruppenselektion, insbesondere auch die Arbeit von Kern Reeve und Bert Hölldobler von 2007 (pdf. frei verfügbar) über "Superorganismen". Zu dem Thema soll ja bald ein viel erwartetes Buch erscheinen:
In many social species, including humans, conflict between groups (intergroup conflict) is commonplace (Radford 2003; Choi & Bowles 2007; Kitchen & Beehner 2007). For example, group members often produce a combined display (McComb et al. 1994; Radford 2003) or fight alongside one another (Watts & Mitani 2001; Wilson et al. 2001) when defending their territory against rival groups.
Und dann heißt es:
Theoreticians have long suggested that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation or affiliation displayed by its members (Hamilton 1975; Alexander & Borgia 1978). Selection for cooperation should be reduced when intergroup conflict occurs at a low rate relative to conflict between group members (intragroup conflict), and this is true whether groups are composed of relatives (West et al. 2002) or non-relatives (West et al. 2006). Increased intergroup conflict should favour higher levels of cooperation, especially if cohesion between group members is important for success (Reeve & Hölldobler 2007). Despite these clear predictions, empirical investigations of the relationship between intergroup conflict and intragroup affiliative behaviour are rare in non-human animals (for exceptions, see Cheney 1992; Radford 2008).
Die hier unterstellte allgemeine Gültigkeit der theoretischen Grundannahmen wird auf dem Hauptblog von Studium generale etwas in Zweifel gezogen. (Studium generale) Das stellt aber nicht die neue Erkenntnis infrage, daß nicht nur Fußball-Fans so die eine oder andere Eigenschaft eines "schrägen Vogels" haben. Das "Wundenlecken" nach starkem sozialen Engagement ist ein sehr weit und allgemein verbreitetes Phänomen beim Menschen, diesem so durch und durch "sozialen" - oder mitunter auch asozialen - "Wesen".

Donnerstag, 11. September 2008

Geschichtsfälschung in der Bibel?

Die derzeitige Berliner Babylon-Ausstellung unterscheidet "Wahrheit und Mythos" in Bezug auf das Geschichtsbild über das babylonische Reich. Wer hätte gedacht, daß sich an einer solchen Unterscheidung noch heute aus monotheistisch-theologischer Sicht die Geister scheiden könnten? Aber offenbar empfinden es Theologen noch heute geradezu als "Verunglimpfung" der Bibel, wenn festgestellt wird, daß die Bibel über Jahrtausende hin ein außerordentlich tendenzielles, wenn nicht gar ganz und gar falsches und verzerrtes Bild von Babylon gegeben hatte. So jedenfalls im Vorabdruck aus dem Novemberheft des "Materialdienstes" der "Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen". (Materialdienst)

Wenn man dort liest, könnte einem erst bewußt werden, was für tatsächlich doch recht aufregende Fragestellungen mit dieser Ausstellung verbunden sind. Die Ausstellung stellt Geschichtsbild-Verzerrungen richtig, die durch die Bibel Jahrtausende lang propagiert worden waren. Sollte man vielleicht doch einmal hin gehen zu dieser Ausstellung? - Ist das jetzt ein neuer "Bibel-Babel"-Streit, der um ähnliche Themen kreist wie Anfang des 20. Jahrhunderts ein gleichnamiger sehr berühmter Streit (Wikipedia)?

Damals wurde erstmals einer breiteren Öffentlichkeit die geschichtliche Bedingtheit eines großen Teiles der Texte des Alten Testamentes bewußt. Es ging damals aber wohl noch nicht um die propagandistische Wirkung, die die Bibel hervorrief in Bezug auf das Bild von untergegangen Reichen. Bei der EZW jedenfalls heißt es jetzt (Hervorhebung nicht im Original):
Biblischen Geschichten begegnen Menschen nicht nur in Kirche und Schule, sondern z. B. auch im Museum. Mehrere hunderttausend Interessierte haben sich von der am 15. Juni im Pergamonmuseum in Berlin eröffneten Ausstellung über Babylon "Wahrheit und Mythos" faszinieren lassen. Was für Botschaften nehmen Berlintouristen, Schülerinnen und Schüler hinsichtlich der biblischen Geschichten aus dem Pergamonmuseum mit?

Die Ausstellung besteht aus zwei Teilen. Der erste zeigt unter dem Titel "Wahrheit", wie es wirklich war im antiken Zweistromland und was "hinter den Legenden von Babel steckt" (Ausstellungsflyer). Fundstücke aus drei Jahrtausenden vermitteln in thematischen Räumen über Götterwelt und Königsideologie Babyloniens. Sie zeigen eine staunenswerte Gesellschafts- und Rechtsordnung mit beachtlicher Wirtschafts- und Wissenschaftsleistung. Die Gegenstände aus Berliner Beständen, dem Louvre und dem Britischen Museum sind hervorragend didaktisch erschlossen. Die Audio-Führung ist im Eintrittspreis enthalten. Die Ausstellung will die Wurzeln unserer Kultur im Zweistromland zeigen: Kalender, Zahlen, Sternzeichen, Schrift - all dies stammt aus Babylon.

Der andere Teil verfolgt unter dem Begriff "Mythos" mit sieben thematischen Schwerpunkten die andere Wirkungsgeschichte Babylons bis in unsere Gegenwart, die Wirkungsgeschichte einer Legende. Babel wird, die historische Wahrheit verfälschend, in der Geschichte unserer Kultur aufgrund biblischer Texte immer wieder tendenziös erinnert und grell inszeniert - so zeigen es die Ausstellungsmacher: Es wird zur Hure, zum Unterdrückungssystem, der Turmbau wird zum Aufstand gegen Gott. Die Ausstellung suggeriert, wie "die Mythe log" (Gottfried Benn). Das historische Babylon war ganz anders als Babel. Nebukadnezar war kein Gewaltherrscher, sondern ein gerechter, weiser König. Die Ballade von Heine, die Bilder von Rembrandt - alles trügerischer Mythos? (...) Die Bibel hat also nicht Recht, sie ist der Ursprung einer die historische Wahrheit verfälschenden Mythisierung. Ausdrücklich wird darauf verwiesen, dass es den deportierten Juden in der babylonischen Gefangenschaft nicht schlecht ging. Der König Jojakin bekam genug zu essen. Niemand will das bestreiten.

Diese Hermeneutik wirft mindestens drei Fragen auf:

1. Darf man die andere Rezeption, die das babylonische Exil bei Zeitgenossen und bei den kommenden Generationen fand, so einfach als "Mythos" bezeichnen? Missbrauchen die Klagen des Propheten Jeremia, Erinnerungen an Tränen an den Strömen von Babylon und die Unterdrückung von Verschleppten das historische Babylon?

2. Der schlichte Gestus "Ich sag euch, wie es wirklich war" kann nerven. Zeigt die Ausstellung in schlichter Entdeckerfreude zu wenig hermeneutische Sensibilität dafür, dass es "die" eine historische Wahrheit nicht gibt? Das Bild Babylons im Wahrheitsteil ist doch auch ein Konstrukt, bei dem Gegenstände aus mehreren Jahrtausenden unter thematischen Gesichtspunkten ein bestimmtes Bild einer fortschrittlichen, effektiven, auf Nachhaltigkeit bedachten Kultur ergeben.

3. Die sieben Themen Nebukadnezar, Babylon-System, Semiramis, Turm, Apokalypse und Sprachverwirrung erzählen, so heißt es im Flyer, "nicht die historische Wahrheit über Babylon, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babel braucht, um sich selbst zu verstehen". In diesem Text wird zwischen Wahrheit und Mythos ein anderes Verhältnis aufgezeigt als in manchen Tafeln und in der schrillen Vermarktung der Ausstellung. Mythos und Wahrheit sind keine diametralen Gegensätze. Gälte es diese Botschaft nicht zu vertiefen? Die Berliner Ausstellung hat zu wenig Sensibilität für diese Lektion. Sie setzt zu sehr auf "simplify the history" und bietet deswegen schlechten Religionsunterricht.

Dr. Michael Nüchtern (Theologisches Mitglied im Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden)
Da stellt sich als erste Frage: Diese Ausstellung ist doch wohl nicht konzipiert worden, um den Menschen - - - "Religionsunterricht" zu erteilen?!!! Im übrigen aber: Wenn sich ein Bibelgläubiger um solcher Aussagen einer Ausstellung willen noch aufregen kann, dann, so will es scheinen, muß sie doch einen "Nerv" getroffen. - Das wird bisher nicht jeder mitbekommen haben.

Mittwoch, 10. September 2008

Zweisprachige Erziehung fördert Stottern

Von 317 stotternden Kindern, die in London in der Behandlung von Logopäden waren, sind ein Fünftel vor dem fünften Lebensjahr zweisprachig aufgewachsen. (Morgenpost) Schon im Oktober letzten Jahres war berichtet worden, daß zweisprachig erzogene Kinder etwas verzögert die Unterscheidung von bestimmten Lauten erlernen. (Stud. gen.) Aber dieser neue Befund spricht wohl noch eine weitaus deutlichere Sprache.

Sonntag, 7. September 2008

Paradigmenwechsel in der Anthropologie?

Der Anthropologe Brian Ferguson stellt sich den neuen Entwicklungen in der Humangenetik

Das folgende Interview von dem altbekannten und schätzenswerten Wissenschafts-Journalisten John Horgan und dem amerikanischen Anthropologen Brian Ferguson ist von nicht geringem Interesse.*)



Wie man von so vielem Spannenden oft zuerst auf dem Blog "Gene Expression" von Razib Khan erfährt, so ist es auch hier. (GNXP) Es geht darum, daß der Anthropologe Brian Ferguson sich mit der Forschungsarbeit der Humangenetiker Gregory Cochran und Herny Harpending zur "Naturgeschichte des aschkenasischen IQ's" auseinandergesetzt hat (siehe auch Wikipedia) und darüber einen 70-seitigen Artikel verfaßt hat, den aber keine Zeitschrift bisher angenommen hat.

Auf "Studium generale" ist das Thema schon oft behandelt worden, zuletzt wohl --> hier. Allgemein findet man vieles darüber unter der Kategorie "Intelligenz", besonders in den dortigen Einträgen des Jahres 2007.

Das Thema wird in den letzten sechs Minunten des 70-minütigen Interviews behandelt. Die Diskussion davor mag auch wichtig sein. Aber ob Ferguson da richtig liegt, soll hier nicht Thema sein (- man wird das wohl eher verneinen müssen). Besser man ruft die Seite des Video's selbst auf, weil dort das Interview - technisch wunderbar gelöst - in einzelne Abschnitte aufgeteilt ist. Der letzte Teil aber soll hier nun in den wichtigsten Passagen in Übersetzung aufgezeichnet werden (so gut das möglich ist - Verbesserungsvorschläge willkommen).

"Ein schönes, leichtes, unumstrittenes Thema"

"A nice, easy, uncontroversial topic" - so leitet Horgan diesen letzten Abschnitt des Interviews ein und das ist natürlich hochgradig ironisch gemeint. Horgan fragt, ob Ferguson vor allem deshalb die Arbeit zur "Naturgeschichte des aschkenasischen IQ's" so ernst nehmen würde, weil er die "Bell Curve"-Debatte der 1990er Jahre wieder aufnehmen will, in der es um den sogenannten "genetischen Determinismus" gegangen sei. (1) In dieser "Bell Curve"-Debatte war es um angeborene Intelligenz-Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien, Rassen und Sozialschichten gegangen. Ferguson antwortet (am Ende der 68. Minute):
"Ja, das" (die Bell Curve-Problematik) "ist ein Teil" (dessen, worum es hier geht bei der 'Naturgeschichte der aschkenasischen Intelligenz'). "Aber ich glaube, das, was gegenwärtig passiert, besonders in der Behandlung durch die Presse, nachdem der Aschkenasi-Artikel erschienen war, das ist, daß sich dies alles auf eine ganz neue Ebene hinbewegt, viel bedeutungsvoller noch, als bloß das Thema 'Rasse und IQ'.

Der Punkt der gemacht worden ist von einem der Autoren dieser Arbeit" (2), "ist, daß kulturelle Unterschiede ganz allgemein, nicht nur im IQ, sondern auch in Dispositionen dahingehend, in der einen oder anderen Weise zu handeln, gar nicht das sind, was wir über so viele Jahre hinweg in der Anthropologie gedacht haben, nämlich Ausdruck erlernter Kulturen. Vielmehr drücken sie genetische Unterschiede aus. Unterschiede zwischen unterschiedlichen kulturellen Gruppen sind in ihre Gene eingeschrieben. Und das ist ein Gedanke des 19. Jahrhunderts, der jetzt zurückkehrt."
"Wohin das führt, ist um vieles, vieles bedeutungsvoller"

Horgan: "Right." Und Ferguson weiter:
"Und die 'Naturgeschichte der aschkenasischen Intelligenz' ist ein Fallbeispiel gewesen, um dieses Argument vorzubringen. Also ja, wir können zurückblicken auf die 'Bell Curve'. Aber wir können ebenso vorwärts schauen dahin, wohin das führt. Und das, wohin das führt, ist um vieles, vieles 'bigger' (größer, bedeutungsvoller) als das. Und die Leute müssen sich damit auseinandersetzen, daß genau das passiert. Anthropologen wollen über diese Dinge nicht sprechen. Populationsgenetiker, mit denen ich gesprochen habe, während ich den Artikel geschrieben habe, die sagten mir: Dieser Artikel ist so 'bad' (schlecht), daß er keine öffentliche Antwort verdient. Und ich sagte, man kann darüber jetzt nicht nicht schreiben.

Niemand nimmt es ernst. Das ist es, was sie tun. Aber die Leute müssen anfangen, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Nicht politisch. Nicht mit politischen Gegenargumenten. Sondern wissenschaftlich. Sich das anschauen. Sorgfältig die Theorie beurteilen, sich die Beweise anschauen, sehen, ob es wasserdicht ist oder nicht. Das ist es, was ich mache in meinem Artikel 'How Jews became smart', der in einer Woche auf meiner Internet-Seite erscheinen wird."
Und Horgan sagt abschließend: Schön, die Zuhörerschaft kann es dann dort selbst studieren und diskutieren. Voraussichtlich --> hier. - Ferguson hat recht: Das Thema ist so "breit", so bedeutend, daß es auf ein so kleines Forum gar nicht beschränkt bleiben kann. "Studium generale" versucht ja, von der ganzen Breite des Themas immer wieder in Kenntnis zu setzen. Das Thema kommt in vielen, ganz unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder "hoch", wird immer wieder deutlich.
___________

*) Es wird dennoch nicht auf den "Hauptblog" von "Studium generale" gestellt, denn dieser soll sich ab jetzt mehr auf "Research Blogging" fokussieren. Viele bisherige Schwerpunkt-Themen werden deshalb jetzt mehr und mehr auf diesen neuen "Ergänzungsblog" von "Studium generale" "ausgelagert". Die allgemeine "Rundumbeobachtung" findet also künftig auf diesem Ergänzungsblog statt. Und dieses Interview gehört zu einer Berichterstattung im Sinne der bisherigen "Rundumbeobachtung".

(1) "Genetischer Determinismus" ist kein guter Ausdruck. Er impliziert, daß der Wert des einzelnen Menschen "als Mensch" - also nicht nur seine einzelnen Fähigkeiten - durch Gene, durch angeborenen IQ usw. "determiniert" sein könnte. Das aber wäre Ideologie - sogar sehr schlechte. Und hat mit Wissenschaft nichts zu tun.
(2) Gemeint ist sicherlich Gregory Cochran's Äußerung auf "The Edge", bzw. in Interviews Äußerungen mit NYT-Journalist Nicholas Wade.

Samstag, 6. September 2008

Wie die Menschen seßhaft wurden - ein neues Buch von Professor Reichholf

"Seßhafte Gesellschaften sind genetisch homogener" (!!! - ???)

Von Professor Josef H. Reichholf, München, kommt gerade ein neues Buch auf den Markt unter dem Titel "Warum die Menschen seßhaft wurden - Das größte Rätsel unserer Geschichte". (Amazon) Im Interview sagt Reichholf zu der Hauptthese seines Buches (Morgenpost):

Die traditionelle Meinung ist, dass die Menschen zu Bauern
wurden, weil sie Hunger litten und mit der Stärke und dem
Protein der Pflanzen überleben konnten.

Und dann die schrille These:
Ich behaupte ganz im Gegenteil, dass der Ackerbau aus einer Situation des Überflusses heraus entstanden ist. Die Menschen haben mit Getreideanbau experimentiert und nutzten die Körner allenfalls als Zukost. Die anfängliche und entscheidende Absicht war nicht, aus Korn Brot zu backen, sondern durch Gärung Bier zu erzeugen.
Das stimmt nicht. - So ist die unmittelbare Reaktion des Verfassers dieser Zeilen, der sich mit dieser Thematik schon vor langen Jahren einmal sehr, sehr intensiv und gründlich auseinander gesetzt hat.

Die Völker des "Natufiums" im Vorderen Orient (vor 11.000 v. Ztr.) haben viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende lang als sogenannte halbseßhafte "Erntevölker" gelebt, so wie auch verschiedene nordamerikanische Indianervölker gelebt haben, das heißt, sie haben das Wildgetreide zwar gesammelt - aber nicht angebaut. Ich kann mir kaum vorstellen, daß das Buch von Reichholf an diesem schon sehr sicheren und festen Wissensstand etwas ändern kann. Bei den Tuareg ist Wildgetreide eine Hungerpflanze, das sie nur in aller höchster Not "ernten".

Die Verarbeitung von Getreide ist - im Gegensatz zur Nahrung der museintensiven nomadischen Sammler-Gesellschaften - hochgradig arbeitsintensiv. So etwas machen Völker nur in größten Notzeiten. Diese können ja auch durch Bevölkerungswachstum zustande kommen, wie dies die Halbseßhaftigkeit mit sich bringt - und durch das bekannte Überjagen der Wildtierarten. Die Gazellen waren lange Jahrtausende das Hauptnahrungsmittel auf fleischlichem Gebiet auch noch der Getreide anbauenden seßhaften Gesellschaften. Sie wurden gejagt auf ihren jährlichen Wanderungen in großen "Kralen" und massenhaft abgeschlachtet. Als die Gazellen weitgehend ausgestorben waren, ging der Mensch dazu über Schafe und Ziegen zu halten (um 6.500 v. Ztr.), bzw. Rinder.

Aber das Buch wird dennoch hochgradig lesenswert sein, weil es - offenbar - die These ausgehend vom derzeitigen Wissensstand sehr konturenreich und differenziert vertritt und außerdem offensichtlich auch noch viele andere Aspekte mitberücksichtigt. Und dabei können ja dann auch - wie das so oft ist - noch ganz andere Erkenntnisse gewonnen werden. als für die Hauptthese selbst notwendig ist. Hierfür einige Beispiele, die schon dem Interview entnommen werden können:
Morgenpost Online: Hatte die Sesshaftigkeit Einfluss auf die genetische Durchmischung?

Reichholf: Sicher, je sesshafter eine örtliche Bevölkerung ist, desto weniger wird sie durchmischt. Ein Beispiel für Abschottung sind bis heute bäuerlich-religiöse Gemeinschaften wie die Mormonen, Amish und Mennoniten in Amerika, die sich besondere Eigenheiten bewahrt haben, wie etwa die Mennoniten des Gran Chaco, die ein altes Plattdeutsch aus dem 18. und 19. Jahrhundert sprechen. Unterschiede in den Stämmen tendieren dazu, sich zu verfestigen. Es gibt den Fachbegriff des „assortative mating“. Er bedeutet, dass Angehörige derselben Sprache, Kultur und Physiognomie als Partner bevorzugt werden. Fremdvölker vermischten sich oft kaum mit der ansässigen Bevölkerung.

Morgenpost Online: Nomaden sind homogener?

Reichholf: Ja, die australischen Aborigines lassen sich auf dem ganzen Kontinent genetisch nicht in „Völker“ unterteilen. Die einzige Ausnahme sind die Tasmanier, die auf ihrer Insel geografisch von den Aborigines Australiens getrennt waren. Ihre nächsten Verwandten, die Papua von Neuguinea, betreiben dagegen Gartenbaukulturen in voneinander isolierten Tälern. Da fehlte die Migration so sehr, dass extrem viele Sprachen, über 700, und sehr unterschiedliche Kulturen entstanden.
Hochinteressante Ausführungen! Darf das wirklich so verallgemeinert werden? Das würde ja auch heißen, daß die Mechanismen der Gruppenselektion mit der Seßhaftigkeit sich eher verstärkten als abschwächten. Außerdem sinkt der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad um so stärker, um so größer die Gruppen werden. Das heißt, es gibt auch eine Tendenz zu größerer genetischer Inhomogenität. Das muß nicht für isolierte Gebiete wie Papua-Neuguinea gelten - aber für die seßhaften Völker des Fruchtbaren Halbmonds, die von allen Seiten von nomadisch lebenden Völkern umgeben waren, durchaus.

Den Herrn Reichholf muß man also sehr, sehr kritisch lesen. Hier auch, was auch schon Thema hier auf dem Blog war (bzw. in den Kommentaren) bezüglich der seßhaft werdenden Tuareg (falls Basty hier noch mitliest - damals war mir das Erläutern zu viel geworden):
Morgenpost Online: Hat die Sesshaftigkeit die Geschlechterrollen verändert?

Reichholf: Wo der Feldbau überwiegt, sind die Strukturen patriarchalisch. Da gibt es den Hofbesitzer und seine Frau, und es gibt das Gesinde. Diese Struktur wirkt wie ein Ministaat. In Gesellschaften, in denen die Viehhaltung dominiert, geht es weniger patriarchalisch zu. Die Frauen kümmern sich um die Herden und haben viel Einfluss. Ganz anders bei reinen Nomaden. In Wüstenvölkern mit Kamelen, die über den Handel existieren, dominieren die Männer. Sie haben mehr oder weniger in jeder Oase eine Frau mit geringem Status: Ihr Preis wird nach der Zahl von Ziegen oder Kamelen taxiert. Durch den Übergang zur Sesshaftigkeit sind Frauen in bestimmten Funktionen einflussreicher geworden. Es waren nach den Schamanen der Nomaden die „Weisen Frauen“, die das Wissen um die Mittel hatten, die bei den Festen eingesetzt wurden. Sie waren Priesterinnen und galten als Zauberinnen.
Auch hier ist mir in vielem zu viel "über einen Kamm geschert". Auch was er über die Rolle der Religion in seßhaften Völkern sagt. Das ist dann in den Einzelheiten doch wieder noch genauer zu differenzieren. Aber das sind alles hoch interessante Themen, so daß einen das Buch wieder über vieles neu und intensiv wird nachdenken lassen.

(Erhältlich natürlich auch in unserem Buchladen - für nur schlappe 20 Peseten.)

Freitag, 5. September 2008

Durch Gesang sein Revier verteidigen (II)

(Aktualisierter Artikel, ursprünglich 13. 2. 2007, hier.)

Was für ein schöner Gedanke, daß Vögel durch Gesang ihr Revier verteidigen. Man stelle sich einmal vor, (menschliche) Staaten, Völker und Volksgruppen würden durch Gesang ihr "Revier", ihr Territorium verteidigen (können). Dann wäre - wahrscheinlich - eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen. Warum also immer und ausschließlich zu den (gewalttätigen) Schimpansen schauen, wenn es um die evolutionären Wurzeln des Territorialverhaltens des Menschen und seiner Gruppen geht? So schreibt heute (13.2.07) Kerstin Viering in der "Berliner Zeitung":

So richtig nach Winter klingt das nicht mehr. Amseln und Meisen scheinen sich in diesen Tagen schon auf Partnersuche und Fortpflanzung eingestellt zu haben und zwitschern in den höchsten Tönen. Sogar eine Feldlerche hat Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland schon gehört.

Dabei kehren diese Vögel normalerweise erst Ende Februar oder Anfang März aus ihren Winterquartieren am Mittelmeer zurück. Haben die milden Temperaturen die Vogelwelt aus dem Konzept gebracht? "Nicht jeder Gesang im Winter ist ungewöhnlich", sagt Nipkow. Bei Rotkehlchen etwa ist es üblich, auch in der kalten Jahreszeit ein Revier zu verteidigen. Da brauchen sie ihr Gezwitscher, um möglichen Rivalen Respekt einzuflößen. ...

- Oder sollte das etwa auch in Beziehung gesetzt werden können zu der These, daß Sprachevolution Humanevolution gewesen ist und ist (siehe zum Beispiel der britische Anthropologe Robin Dunbar in seinem Buch "Klatsch und Tratsch")? Vielleicht stellt ja menschlicher Gesang, menschliche Tratscherei, menschliches Kulturleben und seine Äußerungen, seine Reichhaltigkeit und Buntheit tatsächlich einen Faktor dar, der andere menschliche Gruppen davon abhält, das Kulturleben dieser Gruppe zu beeinträchtigen? Man denke etwa an die "singende Revolution" des lettischen Volkes vor einigen Jahren (1987 - 1992). Vielleicht flößt die Kultur eines Volkes, eines Volksstammes ja bei einem anderen Volk oder Volksstamm (und seinen regierenden Kreisen) tatsächlich ab und an auch einmal Respekt ein gegenüber dem Leben und der kulturellen Entfaltung derselben?

Es ist wahrscheinlich sowieso gefährlich, von den deprimierendsten menschlichen politischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts GAR zu allgemeingültig auf andere Epochen der Humanevolution der Vergangenheit und Zukunft zu schließen und ganz andere Formen, Möglichkeiten und Wege von Humanevolution dabei ganz unberücksichtigt zu lassen.

Auch an die alten "männlichen-festen, trotzigen" Kirchenlieder könnte man sich erinnert fühlen, beispielsweise an Luthers "Eine feste Burg ist unser Gott". Oder auch Protestlieder gesellschaftlicher Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lieder also, die zum trotzigen Ausharren auffordern, zum Festhalten an für wertvoll erkannten kulturellen Gütern oder Standpunkten, wie "ernst er's jetzt (auch) meint", der "altböse Feind". Man singt sich dadurch ja auch Mut zu - so wie das kleine Rotkehlchen im tiefsten Winter.

Auf dem Wikipedia-Eintrag zu Luthers Lied heißt es, daß Heinrich Heine Luthers Protestlied als die "Marseillaise der Reformation" bezeichnet hat. Es hat auch wirklich mitreißenden Klang:
... Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.


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Aktualisierung - 5.9.2008:

Neues zur Thematik:

"... Als die beiden Ornithologen ein besetztes Revier mit den Klängen eines fremden Pärchens beschallten, reagierten die eigentlichen Inhaber sehr heftig. Auf jeden Gesang der Konkurrenten folgten aufgeregte eigene Lieder: "Ihre Sangesrate schoss durch die Decke. Jede Einspielung wurde zornig beantwortet." Während die Zaunkönige in den 20 Minuten vor den Auftritten der vermeintlichen Invasoren nur durchschnittlich ein Duett anstimmten, schnellte deren Zahl in der gleichen Zeitspanne danach auf knapp sieben in die Höhe. ..."

So reagieren Menschen heute auf Zuwanderer in ihr eigenes Territorium (zumindest in Mitteleuropa) nicht mehr. Sie legen ihnen stattdessen - ganz prosaisch - - - Einbürgerungstests vor.

Nach:
[1] Mennill, D., Vehrencamp, S.: Context-Dependent Functions of Avian Duets Revealed by Microphone-Array Recordings and Multispeaker Playback. In: Current Biology 18, S. 1–6, 2008.
[2] Radford, A.: Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2008.0787, 2008.