Donnerstag, 3. März 2011

"Ein wahrer Teufelsspuk", ein "unheimlicher Treppenwitz der Weltgeschichte" - dieser ... Fritz Tobias

Ein Verfassungsschutzmann und Reichstagsbrand-Historiker und seine "Freunde" in der Gestapo und in der heutigen rechten Szene

Der Historiker und Verfassungsschutzmann Fritz Tobias (1912 - 2011) und seine Veröffentlichungen waren der Ausgangspunkt für unsere Beitragsreihe "" (1. Teil hier). Fritz Tobias ist im Januar mit 98 Jahren gestorben. Und zu ihm ist nicht nur im "Spiegel" sondern auch in der Zeitschrift "Deutschland in Geschichte und Gegenwart" des rechten Grabert-Verlages ein ehrender Nachruf erschienen.

Wie Kenner der Szene wissen, gilt der Grabert-Verlag seit Jahrzehnten als einer der bedeutendsten deutschen Verlage im rechtspolitischen Spektrum. Er vertritt ein betont neuheidnisches, nichtchristliches, wenn nicht eigentlich sogar antichristliches Gedankengut. Um so überraschter war man schon vor einiger Zeit, als man in der Verlagszeitschrift "Deutschland in Geschichte und Gegenwart" durchaus sehr kenntnisreiche Artikel lesen konnte, die unter anderem die Politik des Papstes Pius XII. gegenüber dem Nationalsozialismus verteidigten und rechtfertigten. Hätten in dieser Zeitschrift solche Artikel erscheinen können, so fragte man sich, zu Lebzeiten des Vaters des jetzigen Verlagsinhabers, also zu Lebzeiten von Herbert Grabert? Autor war ein Fred Duswald, den man deshalb im Hinterkopf behielt.

Um so überraschter ist man jetzt, wenn man im aktuellen Heft dieser Zeitschrift einen Nachruf von Fred Duswald auf den Reichstagsbrandforscher und Verfassungsschutzmann Fritz Tobias liest (1), der für seine guten Beziehungen zum Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" schon seit vielen Jahrzehnten  bekannt ist.

Menschen, deren Angehörigkeit zum bundesdeutschen Verfassungsschutz bekannt ist, sind in politisch rechtsstehenden Kreisen normalerweise nicht gerade besonders angesehen (ok, ... zumindest, sagen wir, außerhalb der Führungsetagen der NPD). Um so verwunderlicher, hier also sogar einen außerordentlich wohlwollenden Nachruf in diesen Kreisen auf einen solchen zu lesen. Zudem ein Nachruf auf jemanden, der sich einen überzeugten Sozialdemokraten nennt. (Aber so nennen sich viele ... Der Freimaurer Dietrich Bronder, Vorsitzender des Bundes freireligiöser Gemeinden in Deutschland, wie Tobias in Hannover ansässig, zählte sich auch zur Sozialdemokratie.)

Wer hätte auch je behauptet, politisch "Rechte" wären per se dogmatisch, engstirnig und verbiestert  und könnten den historischen Ansichten von Sozialdemokraten nichts abgewinnen ... Und seit führende SPD-Leute befreundet sind mit "lupenreinen" Geheimdienstmitarbeitern in Rußland sowieso ...

Die Freunde des Fritz Tobias

Aha, und während man zu diesem Beitrag im Netz recherchiert, stößt man noch auf weitere hochinteressante Hinweise, nämlich auf einem Anti-NPD-Blog (2). Dort ist man zunächst genauso verwundert darüber, daß der Grabert-Verlag einen Verfassungsschutzmann würdigt, der ihm möglicherweise während seiner dienstlichen Tätigkeit manchen schweren Schaden zugefügt haben könnte. (... Vielleicht auch nicht ...) Doch was liest man da jetzt weiter:
Zudem stattete der international bekannte Holocaust-Leugner David Irving Tobias in dessen Privatwohnung in Hannover im Juni 2010 einen Besuch ab. Der im November 1993 von der Ausländerbehörde München mit einem Einreiseverbot in die Bundesrepublik belegte Irving berichtete auf seiner Homepage über den Besuch bei „my old friend the historian ministerialdirektor a.D. Fritz Tobias“. „His memory for names and dates half a century or more is extraordinary“, wußte Irving zu berichten. Beiläufig erwähnte Irving auch die Freundschaft von Tobias mit dem 1994 verstorbenen einstigen SS-Standartenführer Hans-Hendrik Neumann. Neumann, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP, war von 1935 bis 1939 Adjutant von Reinhard Heydrich,  Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes.
Fritz Tobias, "Der Sturz der Generäle" von 1938 und die Gestapo-Führung

Da paßt natürlich alles zusammen. Ein aktueller Verfassungsschutzmann befreundet mit einem, nun, etwas weniger aktuell gewordenen "Verfassungsschutz"-Mann. Das ist ja unsere These: So wie "Das Amt", das Auswärtige, nach 1945 weitergearbeitet hat, so wie die Wehrmacht-Abwehr nach 1945 weitergearbeitet hat, so wie einflußreiche Presseleute im Dritten Reich nach 1945 an einflußreichen Positionen weitergearbeitet haben, so wie die Wehrmachtsgeneral Speidel in der Bundeswehr weiterarbeitete, so hat auch ein anderes Amt weitergearbeitet. Nämlich das Reichssicherheitshauptamt - mit den neu benannten Unterabteilungen BKA, BND und Bundesamt für Verfassungsschutz, bzw. mit den jeweiligen entsprechenden Landesämtern.

Daß also Tobias für sein Buch "Der Sturz der Generäle" intensiven Kontakt mit vielen führenden ehemaligen Gestapo- und SS-Leuten hatte, (die er aber auffallend wenig heraussstellt in seinem Buch), das haben wir inzwischen in einem parallel erarbeiteten Blogbeitrag veröffentlicht (4). Ein Hans-Hendrik Neumann ist aber im Personenverzeichnis gar nicht erwähnt. Sondern nur ein "H.H.N., der ehemalige Adjutant Heydrichs", eine Angabe, die wir nur aufgrund des Eintrages auf dem Anti-NPD-Blog entschlüsseln können! Eine Danksagung gibt es auffälligerweise sowieso nicht. Und der umfangreiche Anmerkungsteil ist vom Personenverzeichnis ebenfalls - auffälligerweise - nicht erfaßt. Deshalb hatten wir ihn schon vor Wochen in mühevoller Kleinarbeit durchgesehen, um überhaupt eine Übersicht über die von Fritz Tobias befragten ehemaligen Gestapo-Leute zu bekommen und auch über die Intensität der Befragungen und Konsultationen (4). Mit Werner Best, dem in Deutschland nie verurteilten dritten Mann hinter Himmler und Heydrich, hat Tobias über Jahrzehnte hinweg in offenbar freundschaftlichstem Briefkontakt gestanden. Und er hat die Version von Werner Best zu den Ereignissen von 1938, soweit man sieht, zu 100 Prozent übernommen (4).

Die Gestapo war am Zweiten Weltkrieg nicht schuld ...

Und da paßt dann natürlich der Adjutant von Heydrich zur selben Zeit wunderbar hinein. Leider ist er aber, soweit wir das übersehen können, auch im Anmerkungsteil an keiner Stelle erwähnt. - Und der Adjutant von Reinhard Heydrich sollte zur Blomberg-Fritsch-Krise nichts, aber auch gar nichts Wesentliches zu sagen gehabt haben? So daß man ihn hätte erwähnen können? Mit wie vielen in seinem Buch unerwähnten Gestapo-Leuten hat denn Fritz Tobias noch "Freundschaft" gepflegt?

An solchen Einzelheiten merkt man immer mehr, wie dieser Fritz Tobias gearbeitet hat. Aber in dem eben gebrachten Zitat ist noch von mehr die Rede. Da ist von "Freundschaft" die Rede. Und genau eine solche "Freundschaft" hatten wir als Motivation für das Schreiben des ganzen Buches vermutet, das nämlich eine merkwürdige Rundumentlastung der Gestapo darstellt, am Sturz der kriegsunwilligen Generäle von Fritsch und Blomberg beteiligt gewesen zu sein. Also in entscheidender Weise am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beteiligt gewesen zu sein!

David Irving zu Besuch bei Fritz Tobias, Juni 2010

Und über Fred Duswald erfahren wir auf dem Anti-NPD-Blog:
der Österreicher Fred Duswald (Jg. 1934), seit 1962 Alter Herr der extrem rechten Münchner Burschenschaft Danubia.
Und was schreibt Duswald nun über Tobias:
... schützte im Staatsdienst die Verfassung und wahrte nebenamtlich die historische Wahrheit ...
Da lacht man sich wohl sowohl als Linker wie als Rechter kaputt, wenn man so etwas liest. Und als "Weder-Noch" sowieso. Und Fred Duswald zitiert Tobias, der über den Reichtstagsbrand behauptet, herausbekommen zu haben, es sei
ein unwahrscheinlich anmutender (...), unheimlicher Treppenwitz der Weltgeschichte, ein wahrer Teufelsspuk 
gewesen. Wahrhaftig! Mit "unheimlichen Treppenwitzen der Weltgeschichte", mit "wahrem Teufelsspuk" glauben wir es auch zu tun zu haben, wenn wir an die Person Fritz Tobias denken.
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  1. Duswald, Fred: Trauer um Fritz Tobias. In: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 1/2011, S. 31
  2. Maegerle, Anton: Zweifelhafter Reichstagsbrandforscher Tobias verstorben. NPD-Blog.info, 28.1.2011
  3. Tobias, Fritz; Janßen, Karl-Heinz: Der Sturz der Generäle. Hitler und die Blomberg-Fritsch-Krise 1938. C. H. Beck, München 1994
  4. Bading, Ingo: "Der Bruderschaftsgedanke wurde dem Individualismus entgegengestellt." Gestapo-General Werner Best - die bislang "gelungenste" Personifzierung der Okkultgeschichte Deutschlands während des 20. Jahrhunderts? Auf: GA-j!, 21. Mai 2011

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