Montag, 2. April 2018

Um der Kunst willen - Leidenswilligkeit und Leidensfähigkeit

Die weltberühmte koreanische Sopranistin Sumi Jo
- Ihre Kindheit und Jugend in Korea

In Abwendung von so viel Nichtigem, Scheußlichen und Banalen, das uns politisch, menschlich und kulturell umgibt kann es so wertvoll sein, diese oder jene Dokumentation, dieses oder jenes Interview, manches Konzert anzusehen und anzuhören, die es derzeit auf Youtube zu finden gibt über den deutschen Dirigenten Herbert von Karajan (1908-1989) (Wiki) und über seine Schülerin, die deutsche Violinistin Anne Sophie Mutter (s.a. GooglePlus). Man darf diese Video's alle für sehens- und hörenswert erachten. Man erfährt hier, daß sogar der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sich in einem Interview sehr positiv über Herbert von Karajan ausgesprochen hat. Unmittelbar nach dem Tod Wilhelm Furtwänglers Ende 1954 begann die "Ära Karajan" im deutschsprachigen, europäischen und weltweiten Musikleben. Und sie endete erst mit seinem Tod im Jahr 1989. Es waren gute Jahre und es kann wertvoll sein, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Abb. 1: Herbert von Karajan, 1987
Wenn man etwa eine Karajan-Biographie liest (etwa die von Franz Endler), in der all das diplomatische "Ränkespiel" auf nationaler und internationaler Ebene rund um den "Tyrannen", den "Despoten", den "Herrscher", den sich seiner Macht bewußten "Renaissance-Menschen" Herbert von Karajan zu Darstellung kommt, kommt einem zugleich der Gedanke, daß künftig die Zeit zwischen 1955 und 1989 nicht mehr benannt werden wird nach den ekelhaftesten Aspekten dieser Jahre, also nicht mit Begriffen wie "Adenauer-Ära", Zeit des "Kalten Krieges", Zeit des weltweiten Regierungs- und False Flag-Terrorismus, "Terrorjahre" oder welchen verbrecherischen, ekelhaften Aspekt man sonst für diese Zeit herausgreifen will. Nein, man wird mit den benutzten Benennungen dann nicht mehr in erster Linie die Aufmerksamkeit auf die ekelhaften, verbrecherischen, banalen, schändlichen, schamvollen Dinge richten. So wie wir die Bismarck-Zeit nach dem hervorragendsten Menschen benennen, der damals in Deutschland, in Europa und der Welt Friedenspolitik betrieben hat, von allen Seiten anerkannt und geschätzt, so wird künftig die Zeit zwischen 1955 und 1989 die "Ära Karajan" heißen. Und genug.

Und damit wäre dann auch jener Bereich benannt, in dem Deutschland seine Weltgeltung behielt, auch noch in einer Zeit, in der es ansonsten politisch und kulturell ein Bild beispielloser Schande abgegeben hat und abgibt.





Schon im Jahr 2007 war auf unserem Blog die Aufmerksamkeit gerichtet worden auch auf jene Filmsequenz, in der man unmittelbar daneben steht, als Herbert von Karajan 1988 die bedeutende Sopranistin unserer Zeit entdeckte, die Koreanerin Sumi Jo (geb. 1962) (Wiki) (s. St.gen.2007).  Das wurde letztes Jahr noch einmal in überarbeiteter Form veröffentlicht (s. Für Kultur2017). Schon bei der Zurkenntnisnahme dieser Filmsequenzen und der Weltkarriere von Sumi Jo konnte bei manchem Zuschauer die Frage entstehen, wie diese Frau eigentlich in Südkorea aufgewachsen ist, was sie erlebt hat, wie sie zu jenem Menschen wurde, der da 1988 bei Herbert von Karajan vorsang. Und endlich - seit knapp einem Jahr - kann man auf Youtube darauf eine Antwort finden (Yt)!! Dieser Umstand ist der eigentliche Anlaß für den vorliegenden Blogartikel.

In der Dokumentation werden viele Stationen der Lebensgeschichte von Sumi Jo von Schauspielern nachgespielt. So entsteht eine sehr "rührende" Geschichte. Dadurch daß Sumi Jo aber zwischendurch immer wieder selbst zu Wort kommt im Interview über ihre Lebensgeschichte, erhält die Dokumentation eine sehr große Authentizität. Diese Form der Dokumentation einer Lebensgeschichte ist im Westen wohl nicht so gebräuchlich, aber eigentlich gar nicht schlecht.

Der Film wendet sich ins Heroische


Alles fühlt sich in dieser Dokumentation - natürlicherweise - sehr "koreanisch" an. Sumi Jo ist in Korea selbst schon sehr früh als Wunderkind entdeckt worden. An einer Stelle drohte ihr Vater mit dem gemeinsamen familiären Selbstmord, als sie begann, ihr Musikstudium schleifen zu lassen, da sie innerhalb von Korea keine Herausforderungen mehr fand, zugleich in einen jungen Mann verliebt war und nur noch in Disco's ging. Und dann die abrupte Wendung: Ihre Lehrerin schlägt ihr vor, ins Ausland zu gehen, ins Land des Gesanges, nach Italien. Sumi Jo verläßt Lehrerin, Eltern und ihre große Liebe: Um der Kunst willen verzichtet sie auf alles. Der Film wendet sich ins Heroische.

Aber man darf das eindrucksvoll finden. Noch heute spricht die ebenfalls von Karajan entdeckte Geigerin Anne-Sophie Mutter davon, daß es in den ostasiatischen Ländern deshalb so viele musikalische Spitzentalente gibt, weil der Ehrgeiz, die Leidensfähigkeit und Leidenswilligkeit um der Kunst willen dort noch viel größer sind. Dieser Umstand ist auch an dem Lebensweg von Sumi Jo aufzeigbar. Es werden schließlich ihre Leidensjahre in Italien dargestellt, in denen sie täglich Italienisch lernte, Gesang studierte und nur vier Stunden in der Nacht schlief, in denen es ihr schwer fiel, all die vielen unterschiedlichen Ratschläge der Gesanglehrer auf sich anzuwenden und unter den verwirrenden Eindrücken ihren eigenen Stil zu finden.

Mit Leidenschaft bringen die koreanischen Regisseure das "Hecheln" vor die Kamera, das zu den Übungen des Gesangsunterrichts in Italien gehörte, und dessen sehr komische Wirkung auf das koreanische Publikum man auch als Regisseur offenbar empfand. An solchen Szenen ist deutlich spürbar, daß diese Dokumentation nicht auf europäisches Publikum berechnet sein kann. Und genau dieser Umstand macht sie zugleich auch so authentisch. - Leider gibt es für den zweiten Teil der Dokumentation (Yt) noch keine englischen Untertitel. Und so auch leider nicht von so vielen anderen verfügbaren Dokumentationen in koranischer Sprache über das Leben dieser Sumi Jo, das von so viel Leidenschaft erfüllt ist und in der Lage ist, jeden Zuschauer so durch und durch lebendig zu machen, selbst wenn er längst zu Wachs geworden sein sollte. Aber in einem anderen Video (Yt) erzählt Sumi Jo immerhin, wie sie in den drei Jahren, bevor sie 1988 bei Herbert von Karajan vorsang, sich oft verloren gefühlt hätte auf den internationalen Bühnen:
"I often felt lost on the international stage."
Es wird auch in der ersten Dokumentation nachgespielt wie ihre Manager ihr vorschlagen, um der internationalen Karriere willen einen europäischen Namen anzunehmen. Sie spricht schließlich davon, daß das Zusammentreffen mit Karajan so gewesen wäre als ob sie einen Lehrer getroffen hätte:
"Meeting Karajan was like meeting a mentor."
Er gab ihr den gebührenden Platz im weltweiten Musikleben. Und natürlich war das möglich, ohne den Namen zu ändern. Womöglich wäre aber Sumi Jo ohne Karajan nie so berühmt geworden wie sie es heute ist. Diese Frage darf man wohl stellen. Deshalb sei in diesem Beitrag auch noch einmal das Video eingestellt von den acht Minuten im Leben von Sumi Jo, die dieses Leben die Wendung hin zur Weltkarriere machen ließ (s. Yt, es liegt auch vor: hier und hier mit englischen Untertiteln). Das Besondere und die Seltenheit dieser Filmaufnahme besteht ja eben darin, daß hier der Zuschauer unmittelbar daneben sitzen darf, wie eine außergewöhnliche musikalische Begabung - quasi mitten aus der künstlerischen Alltagsarbeit heraus - von einem so schöpferischen, kongenialen Menschen wie Karajan entdeckt wird.




Bekannterweise sind von Karajan viele der begabtesten Musiker unserer Zeit entdeckt worden. Aber natürlich war nicht in jedem Fall ein Filmteam - geradezu wie "nebenbei" - dabei und filmte mit (1). Man wird also selten so unmittelbar das Geschehen nacherleben können wie hier, würde es auch noch so anschaulich in Worten der Erinnerung wiedergegeben werden.

Zum Beispiel gibt es auch seit 2017 ein schönes Video, in dem die Sängerin Gundula Janowitz in eben jenem Jahr 2017 außerordentlich eindrucksvoll über ihre Zusammenarbeit mit Karajan - und auch das Ende dieser Zusammenarbeit berichtet (Yt, 2017). Das Ende der Zusammenarbeit ergab sich daraus, daß Karajan wünschte, daß Gundula Janowitz Beethovens "Fidelio" für ihn singen sollte. Gundula Janowitz fühlte sich aber noch nicht reif genug dazu und spielte ihm in der Gesangsprobe dazu eine gar zu naive Sängerin vor. Sie tat dies, weil sie sich nicht traute, ihm rundweg abzusagen. Karajan durchschaute sie aber sofort (!) und wünschte sich dann, daß sie später mit ihm den Fidelio machen würde. Und man darf es in der Tat bedauern, daß es dazu nicht mehr kam. Gundula Janowitz machte den Fidelio nämlich dann - entgegen der Absprache - mit Leonard Bernstein. Und sie erzählt, daß Bernstein sie von Anfang an ebenso wenig mochte wie sie ihn. Und sieht man Aufnahmen von der dabei entstandenen Inszenierung, wird einem klar, wie Gundula Janowitz tatsächlich - ohne Karajan - so ganz und gar "mißraten" konnte in einer Rolle wie dem Fidelio. Und man empfindet zugleich den riesen großen Verrat an der Kunst, den Karajan empfand als er hörte, die Janowitz singt den Fidelio für Bernstein. Danach jedenfalls wollte er nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten und verabschiedete sich, wie sie berichtet, sehr höflich von ihr. - Außerordentlich krass. Im Musikleben um Herbert von Karajan ist überall so viel "Leben" drin, so viel "Dramatik", so viel pure Kraft und Leidenschaft. - Aber nun abschließend nur noch einige weitere Videos mit Sumi Jo.





Hier singt sie die "Königin der Nacht" und es wird ein kleiner Überblick über die "Legende" dieser Sängerinnen-Karriere gegeben (Yt).




Hier singt sie den "Frühlingsstimmen" -Walzer von Johann Strauß,
Die Lerche in blaue Höh' entschwebt,
der Tauwind weht so lau;
sein wonniger milder Hauch belebt
und küsst das Feld, die Au.
Der Frühling in holder Pracht erwacht, – ah, ah, ah –
alle Pein zu End' mag sein,
alles Leid, entfloh'n ist es weit!

Schmerz wird milder, frohe Bilder,
Glaub' an Glück kehrt zurück;
Sonnenschein – ah – dringt nun ein, – ah –
alles lacht, ach, ach, erwacht!
Sonnenschein …

Die Lerche in blaue Höh' entschwebt, …



Hier singt sie "Wiener Blut" von demselben.
Ich spür' es,
das Wiener Blut.
Wiener Blut,
Wiener Blut!
Eig'ner Saft,
Voller Kraft,
Voller Glut,
Du erhebst,
Du belebst
Unser'n Mut!
Wiener Blut!
Wiener Blut!
Was die Stadt
Schönes hat,
In dir ruht!
Wiener Blut,
Heiße Flut!
Allerort
Gilt das Wort:
Wiener Blut!
Und hier erzählt sie ein bißchen, wie sie sich auf einen Auftritt vorbereitet. Und hier gibt es ein sehr interessantes 25-minütiges Interview aus dem Jahr 2005 mit Sumi Jo im "New York Public Radio", in der sie einiges über ihr Leben und ihren Beruf erzählt. Auch über die Oper des nächsten Abends "La Sonambula" ("Die Schlafwandlerin"), eine Oper des Italieners Vincenzo Bellini (1801-1835).
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  1. Froemke, Susan; Gelb, Peter; Dickson, Deborah: Karajan at the Salzburg Festival. Rehearsal (Probe) and backstage from the Salzburg Festival. Deutsch: Karajan in Salzburg, 1 h 22 min, Sony, 1988, http://www.medici.tv/en/documentaries/karajan-in-salzburg-deborah-dickson-susan-froemke/, auch https://www.youtube.com/user/cagin/videos