Dienstag, 26. Mai 2009

Robin Dunbar und "theory of mind"

Man kann den britischen Anthropologen und Soziobiologen Robin Dunbar sehr verehren (oder sagen wir: bewundern). Das wird ja auch deutlich aus so manchen bedeutungsvolleren Beiträgen hier auf dem Blog.

Hier das Video eines Vortrages von ihm - das erste, das offenbar im Netz von ihm zugänglich wird (--->siehe hier, bzw. hier). Thema: "Was macht uns Menschen zu Menschen?"



Grob kann man sagen, daß Dunbar hier die neuesten Forschungen zur "theory of mind" in Beziehung setzt zu seinen bisherigen Forschungen zur "social brain"-Hypothese, also der These, daß das menschliche Gehirn mit der Gruppengröße evoluiert ist und zur Lösung von Problemen im Zusammenleben von immer komplexeren Gruppen.

Insbesondere ab der 20. Minute des Vortrages werden lauter Dinge erörtert, die für den Autor dieser Zeilen noch weitgehend neu sind. An Literatur-Angaben kann man von den Folien aufschnappen und muß man noch weiterverfolgen: Stiller & Dunbar 2007; Dunbar & Shultz in press; Hill & Dunbar 2003; Birch 2007.

Hier ist man dicht an der vordersten Front der Forschung dran. Das Video muß man sich mehrmals ansehen, anhören, wenn man alles verstanden haben will. "Theory of mind" (ToM) heißt (siehe Wikipedia), daß man den psychischen Zustand eines anderen Menschen versteht oder mißversteht (also eine falsche "Theorie" darüber hat).

Kinder müssen es erst nach und nach lernen, die Möglichkeit in Rechnung zu stellen, daß man selbst oder andere falsche Theorien über den psychischen Zustand anderer Menschen oder über Sachverhalte in der Welt haben kann. Einerseits wäre das Leben sehr schön, andererseits aber vielleicht auch totlangweilig, wenn es diese Möglichkeit des Irrtums nicht gäbe.

Ein sehr spannendes Thema, nämlich daß menschliche Intelligenz mit menschlicher Gruppengröße und mit menschlicher Irrtumsfähigkeit zugleich evoluiert ist. Philosophisch, ja, politikwissenschaftlich voller Implikationen. Aber noch einmal so spannend, weil es Dunbar eben in Beziehung setzt zur Komplexität von menschlichen Sozialbeziehungen auf verschiedenen Ebenen und zum Schaffen menschlicher Kunstwerke (Dichtung, Theater, Religiosität, Wissenschaft), die zugleich als Werkzeuge dienen, gegenseitiges Vertrauen und Verständnis unter Menschen in Gruppen zu vergrößern oder zu verringern.

Wenn ich glaube, daß Peter Anna falsch versteht, wenn er denkt, Anna hätte was mit Luis, obwohl Luis gar keine Ahnung davon hat, daß Peter solche offenbar falschen Vermutungen hegt, dann glaubt Inge wieder etwas ganz anderes über Anna, Peter und Luis und wir bewegen uns im tief miteinander verflochten Bereich sowohl sozialer Beziehungen, von Gruppenleben und Vertrauensbildung innerhalb der Gruppe, als auch im Bereich von Theorien "of mind", nämlich der dritten und vierten Ordnung. - Und weder Peter, noch Anna, noch Luis, noch Inge müssen recht haben mit dem, was sie über andere - und über sich selbst - denken.

Und da sind dann dem Menschen auch psychische Grenzen gesetzt, wie Dunbar erläutert. Und diese Grenzen strukturieren dann auch die Fähigkeiten des Menschen zum Zusammenleben in Gruppen wie Dunbar zu vermuten scheint. Wissenschaft selbst ist: "theory of mind". Und deshalb - oft - so schwer. Und anspruchsvoll. Und herausfordernd.

Sonntag, 24. Mai 2009

Berggorillas - bedroht von Krieg, Armut, Chaos, Gesetzlosigkeit

Zweiter Beitrag zum Jahr des Gorillas 2009

Über das Leben und Wirken der Gorilla-Forscherin Dian Fossey gibt es inzwischen eine ganze Anzahl von wertvollen Büchern. Zunächst das bekannte von Dian Fossey selbst (1983), dann die ruhige und sachliche, unwahrscheinlich spannende Biographie von Farley Mowat (1987), dann die ebenfalls informationsreiche aber z.T. sehr schief beleuchtende Biographie von Harold Hayes (1989) oder auch der besonders schön bebilderte Band von Camilla de la Bédoyère (2005). Dies sind nur einige der wichtigsten. Außerdem gibt es Dokumentar-Filme (etwa Stud. gen.).

Wenn man sich nun mit diesen ein wenig beschäftigt hat, ist man dringend daran interessiert, wie es eigentlich um die heutige Situation der Berggorillas in den Virunga-Vulkan-Bergen bestellt ist. Selten genug wird in den Medien darüber berichtet. Oder man hat bislang nicht ausreichend auf die Berichterstattung geachtet.

Auf der Seite von "National Geographic" findet sich ein kleiner Film, der einem eine Fülle von Eindrücken und Anhaltspunkten dazu gibt, wie kompliziert und verschachtelt und wie bedroht überhaupt die Erhaltung der Berggorillas derzeit - und schon seit vielen Jahren - in den zentralafrikanischen Staaten ist. (National Geographic) Es ist unter anderem ein verrückter, wahnsinniger Holzkohle-Handel, der derzeit eine große Rolle spielt.

Aus den die Vulkanberge umlagernden Flüchtlingslagern strömen die Menschen
zu Massen in das Naturschutzreservat und fällen dort illegal Bäume, um sie zu Holzkohle zu verarbeiten (siehe Säcke auf dem Foto).


Auch geben Forscher derzeit offenbar Dian Fossey immer mehr recht, die ahnte, daß auch der "Gorilla-Tourismus", der von vielen Menschen, die die Berggorillas erhalten möchten, als Lösung angesehen wurde oder wird, nicht wirklich eine Lösung ist, da - u.a. - durch den häufigen Kontakt mit fremden Menschen die Gorillas mit tödlichen Krankheiten angesteckt werden. (bdw)

Man kann einen Newsletter zur jeweils aktuellen Situation der Berggorillas abonnieren (Gorillafund.org). Und es gibt auch ein deutschsprachiges "Gorilla-Journal". (Berggorilla.org) Und es gibt einen Blog ("Gorillas in Peril").

Freitag, 15. Mai 2009

Max Planck spricht über sein Leben (1942)

Da muß gleich darauf hingewiesen werden (von Scienceblogs.de) (siehe auch frühere Beiträge über Max Planck auf St. gen.):


In der 8. Minute wird das berühmte Gespräch erzählt, das auch neulich in Diskussionen mit Emmanuel eine Rolle spielte, weil man eine ähnliche wissenschaftsgeschichtliche Situation gegenwärtig in der Biologie vermuten könnte wie jene, von der Max Planck erzählt. (Übrigens ist das Video noch viel eindrucksvoller, als nur die CD dieser Aufnahme, die schon einmal hier auf St. gen. vorgestellt worden war.)

Donnerstag, 14. Mai 2009

Von der Geschlechtlichkeit des Menschen überwältigt

Natürlich ist der Fund heute überall in der Presse: die neue Mammutzahn-Figurine aus der Höhle am Hohen Fels in der Schwäbischen Alp. (BdW, Spektrum, Google News) Aber dennoch sei er auch auch hier noch einmal dokumentiert. (Nature Video, Nature 1, 2)

Unsere Vorfahren. An Fleisch und Beute waren sie interessiert - auch in ihrer Kunst. Siehe die Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien. Und bei Menschen waren sie auch - oder sogar vor allem - an den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen interessiert, also offenbar von der Geschlechtlichkeit des Menschen "überwältigt". Das ist auch noch in den ersten Ackerbauern-Gesellschaften im Vorderen Orient und in Europa und in deren Kunst sichtbar.

Aber Körperschmuck ist nach allem, was wir bisher wissen, noch älter. Schon vor einigen Wochen wurde der Fund dieser neu entdeckten Teile einer Kette veröffentlicht, die jüngst in Nordafrika gefunden worden sind und 110.000 Jahre alt sein sollen.

Auch dieser Fund ist der Forschung schon länger bekannt und stammt aus Frankreich.

Hier nun die neue "Venus" vom Hohen Fels in der Schwäbischen Alp.

Samstag, 9. Mai 2009

Manfred Spitzer ...

Manfred Spitzer "Vorsicht Bildschirm" sollte man sich ruhig einmal anschauen (Yt.) (gefunden in den Kommentaren bei Geograffitico). Unter dem gleichen Titel ist von ihm ja auch ein Buch erschienen. Aber man kann dieses Video zunächst als eindrucksvoller erachten. Spitzer sagt hier viel, was man sicher noch nicht weiß.

Er sagt auch etwas über Synapsen und Lernen im Gehirn, was - zufälligerweise - gut paßt zu dem jüngsten Beitrag auf "St. gen. - Research Blogging": Synapsen werden stärker (dicker), wenn man etwas lernt. Weil sie dann mehr benutzt werden. ...

Eineinhalb Stunden ist das Video, bzw. der Vortrag lang - und man kann es gar nicht abstellen. Es bleibt dauernd spannend. Jetzt (14. Minute) erzählt Spitzer, wie kleine Kinder laufen lernen: "von Fall zu Fall". - Jetzt redet er über das Erlernen der Sprache durch Kinder.

In der 22. Minute redet er über Pisa-Ergebnisse in Japan und USA. - Nicht ganz richtig interpretiert. Man könnte vermuten, daß japanische Kinder biologisch viel schneller reifen und deshalb Schulkinder gleichen Alters zwischen so verschiedenen Kulturen, Ethnien nicht vergleichbar sind. Außerdem sind dabei die angeborenen IQ-Unterschiede noch nicht berücksichtigt. - Sonst aber ebenso spannend wie das übrige.

29. Minute: Gehirnwachstum bei Säuglingen und Kindern. Das Wesentliche ist: Die Nervenzellen werden mit Fett ummantelt. 47. Minute: "Für Babies produzierte Fernsehprogramme, die gehören sofort wieder verboten." Und später sagt er das gleiche zu Gewalt auf dem Bildschirm.

Teilzeit-Waisenhäuser - Erzieherinnen fehlen

Niemals sieht man in Berlin so häufig Eltern mit ihren Kindern unterwegs, als morgens auf dem Weg zur Arbeit. (Siehe Bild.) Allerwege Eltern mit ihren oft recht kleinen Kindern. Wohin wollen sie denn mit ihnen? Sie wollen sie abgeben. Sieht man sich die Parterre-Wohnungen in den Straßen an: allerorten Kinderhorte.

Auf dem Weg in den Kinderhort ...

Von "Studium generale" werden Kinderhorte und Kindergärten seit Jahren als Teilzeit-Waisenhäuser betrachtet. (Dieser Begriff fiel dem Schreiber vor einigen Tagen auf dem Weg zur Arbeit ein.) - Und das mit allem Recht. In Waisenhäusern geschieht nichts anderes als in Kinderhorten und Kindergärten - nur eben in Vollzeit (für die Kinder). Und deshalb wird die derzeitige Politik der Bundesfamilienministerin von der Leyen mit großer Skepsis betrachtet. Diese Politik legt den Schwerpunkt nicht auf die Betreuungs- und Erziehungsarbeit durch die eigenen Eltern der Kinder und deren angemessene Bezahlung wie sie schon aus Anlaß der großen Rentenreform unter Adenauer von führenden Sozialreformern und Rentenpolitikern in einem "Familienlastenausgleich" vorgeschlagen worden war (von Gerhard Mackenroth und anderen) (da hat man ja Sorge, die Eltern würden sich davon Zigaretten und sonstiges kaufen - was die Waisenhaus-Erzieherinnen natürlich nicht machen *)) - nein, ganz anders: Wer die Kinder anderer Eltern betreut, wird - einigermaßen - leistungsgerecht bezahlt für seine Arbeit (... einigermaßen!). - Aber gewiß nicht der, der "nur" seine eigenen Kinder betreut.

Eine hedonistische, falsch ideologisierte Gesellschaft

Die Folgen dieser neuen Schwerpunkt-Legung in unserer hedonistischen, falsch ideologisierten Gesellschaft sind so lächerlich, daß es kaum noch zu glauben ist. Während überall die Arbeitslosenzahlen steigen, fehlen die Erzieherinnen für Kinderhorte in den Innenbezirken von Berlin schon jetzt. (Welt) Offenbar. (Man ist sich noch nicht ganz einig ...) Es sind jene Bezirke, in denen auch die Polizei so ihre Hauptschwierigkeiten hat - nicht nur am 1. Mai. Und auch die Lehrer ("Studium generale" berichtete vor einigen Monaten über den Brandbrief Berliner Schulleiter ...).
... Der Bezirk (- hier Friedrichshain -) hatte massiv um Tagesmütter geworben, 30 Plätze konnten dadurch im letzten halben Jahr gewonnen werden. Doch nun gebe es kaum noch Frauen, die Kinder aufnehmen wollen, heißt es in dem Brief. In vielen Erdgeschosswohnungen haben sich Elterninitiativkitas gegründet, doch jetzt würden die Initiativen an fehlenden Räumen scheitern.
Ja, in den Häusern - auch in dem des Schreibers dieser Zeilen - sind Kitas nicht sehr beliebt. Der tägliche Essensgeruch, die Unruhe. Deshalb neue Schwerpunktlegung: eigene Häuser ... Groteske Texte entstehen beim derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Klima Kindern und der Erziehungsarbeit eigener Eltern gegenüber, zu dem die Kerner-Show und der Eva Herman-Rausschmiß nicht zu geringsten Anteilen mit beigetragen haben (denn seither wird das Thema kaum noch auf der Ebene und in der sachlichen Breite gesellschaftlich diskutiert, in denen es zuvor diskutiert worden war):
Karin Prida, Leiterin der Kita Spatzenhausen vom Träger Boot gGmbH, spürt die dramatische Situation fast täglich. „Immer wieder kommen junge Mütter vorbei, die verzweifelt nach einem Platz suchen“, sagt sie. Vor allem diejenigen, die erst jetzt zuziehen, hätten so gut wie keine Chance. „Es tut mir selbst weh, die berufstätigen Eltern wegschicken zu müssen, vor allem weil ich weiß, dass es in den anderen Einrichtungen kaum besser aussieht“, sagt die Kita-Leiterin.
Oh, dem Schreiber dieser Zeilen tun ganz andere Dinge weh, wenn er morgens zur Arbeit fährt. Und er weiß auch von Kita-Mitarbeiterinnen selbst, daß diese oft noch froher sind, wenn sie von Eltern erfahren, die für ihre Kinder nicht nach einem Kitaplatz suchen. (Und zwar um der Kinder selbst willen.) - ... Nein, wir brauchen eine "Gewerkschaft der Kinderlosen und Eltern", die das sozial gerechte Erziehungsgehalt einfordert und damit das zeitgemäß richtige Signal für eine neue Schwerpunktlegung in der gesellschaftlichen Entwicklung und in der Familienpolitik setzt.

[22.6.2009] Wir brauchen auch noch etwas anderes: Eltern, Menschen überhaupt mit - - - mehr Seele. Es laufen zu viele Menschen herum in der Welt, die überhaupt keine Seele mehr haben. Hat man das schon gemerkt? Man selbst ist immer wieder davon bedroht. Nämlich durch die Einflüsse der Umgebung, durch die Anpassung an die Umgebung seine eigene Seele zu verlieren. Aber: Was ist denn das eigentlich: Seele? Das fragte auch er "letzte Mensch". Und er "blinzelte" dabei. So empfand es zumindest Friedrich Nietzsche. - Vielleicht war er einer der letzten Menschen, die noch Seele hatten?

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*) Im Innenhof des Hauses des Schreibers dieser Zeilen rauchen sie wie die Schlote. Das nur auch dazu ...

Mittwoch, 6. Mai 2009

Vor 2.000 Jahren - Ein zäher Kampf zwischen zwei Kulturen

Neue Erkenntnisse zu den Ereignissen des Jahres 9 n. Ztr. östlich des Rheins


Offensichtlich haben die Römer nach der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Ztr. im Römerlager Haltern an der Lippe doch noch zäheren Widerstand geleistet gegen die Germanen (siehe Bild links), als das bislang bekannt gewesen ist.

Dies scheinen zumindest neue Ausgrabungen in diesem Römerlager Haltern und ihre Auswertung aufzuzeigen, wie heute berichtet wird. (Münstersche Ztg., Focus, Münsterländ. Volksztg., Halterner Ztg.)

Da dieses Militärlager auf der Nachschublinie der Römer entlang der Lippe vom Rhein zur Weser etwa im Jahre 9 n. Ztr. aufgegeben worden sein muß - abzulesen an der Datierung seiner reichhaltigen Kupfermünz-Funde, dem Handgeld der einfachen römischen Legionäre -, war die Forschung bislang davon ausgegangen, daß dieses Lager entweder im Kampf oder kampflos von den Römern nach der Niederlage von Kalkriese 9 n. Ztr. geräumt worden sein muß. - Aber nun widersprechen gefundene, achtlos in einem Römerofen bestattete Skelette von jungen germanischen Kriegern im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren dieser bisherigen Ansicht:
Eine sogenannte Sauerstoff-Strontium-Isotopenanalyse der Zähne ergab: Sechs der ehemaligen Männer zwischen 20 und 50 Jahren stammten aus der näheren Region, vier Personen hatten weite Reisen hinter sich. Sie kamen alle aus der gleichen Gegend, entweder aus dem Schwarzwald oder aus Böhmen, wie man an winzigen Getreidespuren feststellte, die sich in den Zähnen ablagerten.
Unter König Marbod aus Böhmen nach Kalkriese und nach Haltern an der Lippe gezogen

Diese Herkunft ist schon für sich bedeutsam, zeigt sie doch - und bestätigt zugleich die schriftlichen Berichte der römischen Historiker darüber -, daß es in der Tat in jener Zeit zu einer weitreichenden Zusammenarbeit zwischen den vielen germanischen Stämmen gekommen war, und daß die Krieger sogar aus Böhmen - unter ihrem König Marbod - (- und aus dem Schwarzwald?) gekommen waren, um den Römern östlich des Rheins diese vernichtende Niederlage beizubringen:
Alle Getöteten hatten ihre Kindheit und Jugend entweder im Umkreis von Haltern oder im Schwarzwald und Böhmen verbracht und gehörten so vermutlich zu örtlichen oder verbündeten Germanenstämmen.
Ein römisches Maultier, das in Kalkriese gefunden wurde, stammte übrigens auch aus Süddeutschland, womit die Angabe "Schwarzwald" manches Widersprüchliche aufwirft. Denn natürlich dienten auch in den römischen Legionen zahlreiche germanische Hilfsvölker. Hilfsvölker, die nach der Schlacht übrigens auch zu den Germanen übergelaufen sein könnten.
An winzigen Getreidespuren im Zahnschmelz konnte man ablesen, dass die meisten Personen aus der Umgebung von Haltern kamen, vier jedoch wohl aus Mittelgebirgen wie dem Schwarzwald oder aus dem Böhmerwald stammten.
Hastig und ohne Sorgfalt in einem Töpferofen verscharrt

Aber vielleicht gibt das auch schon so ungefähr herkunftsmäßig die proportionale Zusammensetzung jener germanischen Krieger wieder, die da im Jahre 9 n. Ztr. die römische Herrschaft östlich des Rheins aus dem Lande, also aus dem "freien Germanien", fegten. - Vielleicht kamen auch Germanen, die unter der Herrschaft der Römer im Schwarzwald lebten, dazu. - Aber was noch weitreichendere Implikationen in sich bergen könnte, sind bei genauerer Betrachtung die weiteren Tatbestände:
„Die Leichen wurden nach dem misslungenen Überfall auf das Halterner Römerlager im Winter 9/10 nach Christus ohne erkennbare Sorgfalt hastig in einen der zehn Töpferöfen geworfen und verscharrt“, erklärte Dr. Rudolf Aßkamp.
Und die Schlußfolgerungen daraus:
... Viele Experten seien jedoch bislang davon ausgegangen seien, dass das Lager in Haltern unmittelbar nach der niederschmetternden Niederlage der Römer im Kampf gegen die Germanen aufgegeben worden sei, sagte Aßkamp. Falls nun Haltern bis zum endgültigen Rückzug der Römer aus Germanien im Jahr 16 nach Christus weiter genutzt worden sei, komme die römische Niederlassung nun auch als Standort für die bei Tacitus beschriebene römische Rückzugsfestung Aliso in Betracht. Über den Standort von Aliso kursierten bereits viele Theorien. Aliso würde demnach irgendwo weiter entfernt liegen. «Die Indizien deuten nun auf Haltern hin», sagte Aßkamp.
Ein kritisches Überdenken der neu erforschten Tatsachen muß tatsächlich zu dem Ergebnis kommen, daß dieses Lager zumindest für einige Wochen nach Kämpfen mit Germanen noch in Besitz der Römer war oder wieder gekommen ist. Denn wenn die Germanen das Römerlager Haltern im ersten Ansturm - oder auch in einer späteren Phase - siegreich eingenommen hätten, hätten sie, so kann man vermuten, ihre eigenen Gefallenen doch ordentlich bestattet, bevor sie abgezogen oder weitergezogen wären.

Tor eines Römerlagers

Daß dies hier ganz offensichtlich nicht geschehen ist, sondern daß die Gefallenen achtlos - also sicherlich von den Römern - "beiseite" geschafft wurden, deutet viel eher darauf hin, daß zumindest jene Germanen, die hier bestattet worden sind, eine örtliche Niederlage im Kampf um das Lager erlitten haben müssen, und daß die römische Besatzung zeitlich zumindest noch so viel Gelegenheit gehabt haben muß, umgekommene feindliche germanische Krieger achtlos zu bestatten. Man könnte auch ein Szenario entwerfen, in dem diese Germanen Opfer eines siegreichen Gegenangriffes der Römer gewesen sind.

Die Römer hielten Haltern wohl mindestens für so manche Woche gegen die Germanen

Andererseits: Warum "entsorgte" man sie in sicherlich zuvor benutzten Öfen? Dann war man sich doch einigermaßen sicher, daß man diese künftig nicht mehr benutzen würde, also daß man das Lager selbst langfristig nicht würde halten können oder wollen?

Ob nicht auch die Münzfunde schon seit langem gegen ein längeres Verweilen der Römer in Haltern nach dem Jahr 9 n. Ztr. sprechen? Da müßte man sich noch einmal die Einzelheiten in den Datierungen ansehen. - Bei dieser Bestattung handelt es sich wohl sozusagen nur um eine kurzfristige Zwischenphase der Kämpfe, und sie zeigt lediglich auf, daß die Römer durchaus noch versuchten, das Lager militärisch zu halten, auch wenn sie es dann doch wenige Wochen oder Monate später verließen.

Denkmal im so genannten "Teutoburger Wald" -
falsch plaziert, denn der Teutoburger Wald der Römer war das Wiehengebirge bei Kalkriese

So daß die weitergehend daran angeschlossenen Aliso-Thesen doch nicht so viel Zugkraft hätten? Man wird die künftigen Forschungen da mit großer Aufmerksamkeit weiter verfolgen. Auch das Römerlager Haltern an der Lippe (Wiki) jedenfalls rückt mit diesen - seit den Ausgrabungen bei Kalkriese - immer mehr in ein Bild großer und immer konkreter werdender historischer Zusammenhänge hinein. In das Bild eines zähen militärischen Kampfes zwischen zwei sehr unterschiedlichen - auch rein militärischen - Kulturen. Von allem, was über das rein Militärische hinaus geht, ganz abgesehen.

Nur eine Minderheit von germanischen Kriegern trug zu jener Zeit zum Beispiel Eisenwaffen - und zwar sowohl nach den Berichten des Tacitus wie nach archäologischen Funden: An dem langen, archäologisch ergrabenen Holzweg über das "Große Moor" (nördlich von Kalkriese) , jenem Moor, in dem die Römer "verreckten" (und möglicherweise auch jene "pontes longi" der römischen Berichte) fanden sich anstelle dessen solche gut erhaltenen Holzwaffen wie in diesem Beitrag ganz oben links abgebildet, Holzwaffen, die Schläge mit Eisenwaffen abgewehrt haben müssen, wie anhand der quergerichteten Scharten auf ihnen vermutet werden kann.

Freitag, 1. Mai 2009

"Hey, yeah - bumm, bumm, bumm ..."

Papageien tanzen nach Rhythmus
Es fällt schwer, dem Thema auszuweichen. Papageien, zum Beispiel Gelbhaubenkakadu's, sind in ihren Nachahmungsfähigkeiten offenbar so gut, daß sie das menschliche Tanzen nach Rhythmus nachahmen können. Zwei Studien in "Current Biology" (1,2) haben sich damit befaßt und damit Youtube-Berichte (s.u.) wissenschaftlich bestätigt, wie "Spektrumdirekt" gestern berichtete. (siehe auch: WDR)



Hm!



Ob sie auch Wiener Walzer könnten, wenn man es ihnen vormachen würde? Oder bevorzugen Papageien den harten "Beat"? Und: Wer ist denn nun eigentlich mehr Papagei - der Papagei oder der Discogänger ...?

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Literatur:

[1] Schachner, A et al.: Spontaneuous Motor Entrainment to Music in Multiple Vocal Mimicking Species. In: Current Biology 19, 10.1016/j.cub.2009.03.061, 2009.
[2] Patel, A. et al.: Experimental Evidence for Synchronisation to a Musical Beat in a Nonhuman Animal. In: Current Biology 19, 10.1016/j.cub.2009.03.038, 2009.