Dienstag, 6. September 2016

Lore Waldvogel spricht über Mathilde Ludendorff

Die naturwissenschaftsnahe Philosophin Mathilde Ludendorff in einem aktuellen Interview behandelt

Hier auf dem Blog hatten wir schon auf einen Artikel über Mathilde Ludendorff hingewiesen, der im "Occidental Observer" über Mathilde Ludendorff erschienen war (GA-j!, 16.05.2016). Er stammte von Lore Waldvogel, einer promovierten Literatur- und Religionswissenschaftlerin.

Von dieser ist nun auch ein vierzig Minuten langes Interview veröffentlicht worden, in dem Lore Waldvogel über Mathilde Ludendorff befragt wird (Youtube). 



Das Interview führte ein Walter Spatz von der Identitären Bewegung Berlin mit ihr.  Die Identitäre Bewegung wird ja nun - "ganz offiziell" - vom Geheimdienst überwacht. Der Unterschied zum Handy von Angela Merkel scheint nur der offizielle Charakter der Überwachung zu sein. Offenbar hat man doch Hoffnung, damit noch den einen oder anderen jungen oder jung gebliebenen Menschen einschüchtern zu können. Ein wenig schizophren, aber was ist heutzutage eigentlich nicht schizophren.

Jedenfalls: Man ist doch ziemlich überrascht, wie "intellektuell" in diesem Interview gesprochen wird. Diese Lore Waldvogel kann einem gefallen. Das Interview mit ihr ist der Teil 4 des Podcast (00:32:41 bis 01:12:18). Dieser Teil ist betitelt "Völkischer Feminismus - Lore Waldvogel im Gespräch über Mathilde Ludendorff".

Abb. 1: Taschenbuchausgabe, 1995
Dem Interview ist unter anderem zu entnehmen: Lore Waldvogel liest in den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff Dinge, die man selbst zuvor noch nie darin gelesen hatte. Zum Beispiel dass Mathilde Ludendorff ja an der Charite in Berlin Medizin studiert hat. Das musste man dann gleich noch einmal nachlesen (Recherche-Ergebnisse dazu unten im Anhang). Vor allem aber freut einen, dass da in dem Interview jemand ganz unverkrampft über ein - zumindest diesem Blog - sehr wesentliches Thema spricht. Natürlich wird erkennbar, dass Lore Waldvogel noch viel mehr hätte sagen können. So hat sie noch nichts Ausführliches zum Thema "schöpferische Frau" gesagt, ein Thema, das man anhand von Mathilde Ludendorff sehr gut bearbeiten kann, was auch in der Literatur schon geschehen ist. Wozu auch schon auf unserem Blog mindestens ein Aufsatz erschienen ist (1).

Es mag ein ganz willkürlicher Vergleich sein, ein Vergleich der Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs (2) mit dem Buch "Claras Kinder" von einer Tochter von Robert und Clara Schumann (3). Der Vergleich ergibt sich, wenn man zufälligerweise zu der Zeit, als das Interview veröffentlicht wurde, letzteres Buch las. Und es ist ein sehr schönes Buch über Clara Schumann, man hat noch nie so viel Hochachtung bekommen gegenüber Clara und Robert Schumann als durch dieses Buch. Und man hat auch viel Interesse dadurch bekommen, noch viel mehr über beider Leben zu lernen.

Und doch, so muss man - im Vergleich - sagen, packt einen nur ein einziges Kapitel aus den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff gleich noch viel umfassender als noch so schöne Erinnerungen der Eugenie Schumann. Welch ein Reichtum in so wenigen Worten oft. Was für ganz unterschiedliche Lebensbereiche werden auf so wenigen Seiten angesprochen. Man meint, dass eigentlich jeder Mediziner davon profitieren müsste, diese Erinnerungen zu lesen und diesen Blick auf das eigene Fach zur Kenntnis zu nehmen. Etwa auch Leute, die über die Medizingeschichte der Charite arbeiten.

Dieses Interview muss man sich mehrere male anhören. Weil in diesem sehr viele wesentliche Themen angesprochen werden und weil Lore Waldvogel herrlich vorbildlich differenziert argumentiert. Sie hat von Mathilde Ludendorff wirklich vieles verstanden. Sie macht in der Wiedergabe ihrer Gedanken - soweit übersehbar - keine Fehler. Und das will etwas heißen. In dem Gespräch sind auch viele Dinge sozusagen "zwischen den Zeilen" enthalten. Die Rolle der Frau und Mutter in modernen Wissensgesellschaften hat Mathilde Ludendorff sehr differenziert durchdacht und das gibt Lore Waldvogel außerordentlich genau und differenziert wieder. Danke für dieses Interview!

Es folgt noch ein Anhang.
/Anhang/

Mathilde Ludendorff als Studentin in Berlin in den Jahren 1904 und 1905

Es sei nämlich aus diesem Anlass noch einmal dokumentiert, wovon Lore Waldvogel sprach, als sie auf das Berliner Studentenjahr von Mathilde Ludendorff 1904/05 Bezug nahm. Mathilde Ludendorff ist in Wiesbaden aufgewachsen, hatte in Karlsruhe ihr Abitur nachgeholt und dann in Freiburg im Breisgau die vorklinischen Semester ihres Medizinstudiums absolviert. Nun besuchte sie im Frühling 1904 mit 27 Jahren ihren späteren Ehemann Gustav Adolf von Kemnitz in London, wo dieser als Kaufmann tätig war und lernte dort - und dann in Berlin - zum ersten mal das Großstadtleben kennen (2, S. 116ff):
Von London fuhr ich unmittelbar zu meiner Schwester Friedel nach Berlin, denn dort wollte ich zur großen Beruhigung der Eltern das nächste Semester studieren, damit meine noch sehr junge Schwester doch nicht ganz einsam ihr Studium der Musik an dem Konservatorium in Berlin fortsetzen musste. (...) Einen tiefen und trostlosen Einblick in die Entartung der Großstadt gewährte mir unsere lange Wohnungssuche.
Schwerer aber noch wogen für sie die unerwarteten Eindrücke des Medizinstudiums in den klinischen Semestern (2, S. 116ff):
Auch sonst war mir manches Unerfreuliche in diesem ersten klinischen Semester beschieden. Wie war doch das Studium so völlig anders als in Freiburg. Weite Strecken von einer Klinik zur anderen, überall alles einander fremd. Viel schwerer aber war die große Kluft ohne tiefe Bedrückung zu überschreiten, die überhaupt zwischen den vorklinischen Semestern und den klinischen klafft. Welch ein herrlicher Einblick in die Wunder der Schöpfung ist die naturwissenschaftliche Ausbildung vor dem Physikum, wenn man sie gründlich nimmt. (...) Aber nun begann etwas völlig anderes. Die klinischen Semester zeigen die grausame und unerbittliche Zerstörung so manchen Wunders der Schöpfung, das im Menschen Erscheinung wurde, durch die Krankheiten ohne Ende. Sie zeigen die unermesslichen Leiden und Qualen der Kranken, zeigen das oft jahrelange Mühen der Ärzte, solcher Leiden Herr zu werden und sie zu lindern, und zeigen sehr grausam, dass auch die hochentwickelte Heilkunst der exakten Wissenschaft in gar manchen ernsten Fällen, wo Hilfe am dringendsten nottut, diese nicht mehr geben kann. (...) Es war der niederdrückende tagtägliche Einblick in immer neue Krankheitmöglichkeiten, immer neues Elend, die mich zuerst fast lebensunfroh machten. Nichts anderes als nur erschütternde Eindrücke in der chirurgischen Abteilung, in den verschiedenen Abteilungen der inneren Krankheiten usw. Am tiefsten erschrak ich über die nie geahnten Ausmaße der verheerenden Wirkungen des Alkoholgenusses und der unseligen Sexualkrankheiten, die ganze Geschlechterfolgen in das Elend stürzen. (...) Die eindringlichen Bilder verlor ich nie im Leben. Sie legten sich damals zunächst mit Zentnerschwere auf mein Gemüt. Es erschien mir in einer Welt, die so überreich an Leid ist, fast wie herzlos, dass ich mir getraute, glücklich sein zu wollen. Nun erst erkannte ich die grimmige Verhöhnung, die die Religionlehren solcher Tatsächlichkeit gegenüberzustellen wagen, mit ihren Vorstellungen von einem allmächtigen Gott, der die Einzelgeschicke des Menschen lenke und ihm aus Liebe zur Läuterung Leid schicke. Meist trug ich schweigsam die Schwere dieser Eindrücke. (...) Welch eine Wohltat war mir in diesen Wochen das Zusammenleben mit meiner Schwester Friedel, die der Frohsinn in Person war. Es war anders gekommen, sie hätte meiner wohl nicht bedurft, ich aber brauchte ihre Gesellschaft gar sehr. Wenn ich wieder von neuen, nur allzu ernsten, grausamen Eindrücken heimkam, war mir ihre Gegenwart eine wahre Rettung und ihr schönes Spiel in den Abendstunden ein Labsal! Draußen aber in der Potsdamer Straße, in die wir (...) entflohen waren, tobte der Lärm der Großstadt und nur selten war es möglich, ihr einmal so weit zu entfliehen, dass wir für unseren Begriff in einsamer Natur waren!
Man sollte hier wohl die Bemerkung einflechten, dass Mathilde Ludendorff von einem "tobenden Lärm" der Großstadt Berlin des Jahres 1904 spricht. Das war eine Zeit, als Pferdefuhrwerke das Straßenbild bestimmten. Das war also eine Zeit, als man sich die Potsdamer Straße aus heutiger Sicht eher als eine Art Fußgängerzone denken muss. Denn etwas anderes konnte auch die lebhaftest befahrene Straße in jener Zeit nicht sein, was "tobenden Lärm" betrifft.

Über die Zinsen des mütterlichen Vermögens von Gustav Adolf von Kemnitz, die seine Familie für gering hielt, schreibt Mathilde Ludendorff dann (2, S. 119):
Für uns aber bedeuteten sie nicht nur die Möglichkeit des selbständigen Studiums, nein, auch unseres Eheschlusses weit früher, als wir es je zuvor zu hoffen gewagt hatten. (...) Im Hinblick auf mein an Sparsamkeit gewohntes Wirtschaften war durchaus die Möglichkeit, die Ehe zu schließen und zu führen. Das war denn Grund zu großem Jubel.
Gustav Adolf kam also nach Berlin und holte hier zunächst in einer sogenannten "Presse" das Abitur nach.

Abb. 2: In einer der oberen Balkonwohnungen dieses Hauses am damaligen Kurfürstendamm 124 wohnte Mathilde Ludendorff im Winter 1904/05 (aus 7, S. 48)
Im Hintergrund der Bahnhof Halensee, der heute noch existiert, auch das Eckhaus im Hintergrund existiert heute noch
Am 24. Oktober 1904 heirateten dann Mathilde Spieß und Adolf von Kemnitz, der nun ein von ihm schon lange ersehntes Zoologie-Studium aufnehmen konnte. Das junge Ehepaar bezog zusammen mit der Schwester Frieda ab Oktober eine Wohnung auf dem Kurfürstendamm 124 Halensee (also außerhalb des S-Bahnringes). Sie befand sich in einem Häuserblock, der gerade neu errichtet worden war. Deshalb war diese Wohnung günstig zu haben. Mathilde Ludendorff (2, S. 121):
Auf dem Kurfürstendamm in Halensee hatte Aschinger einen Häuserblock ganz neu erbaut. (...) Drei große Zimmer mit Erker und Balkon, Mägdekammer, Küche und Bad im obersten Stockwerk zeigten sich unseren erstaunten Augen.
Aschinger war ein sehr erfolgreicher Berliner Großunternehmer, der aus der Gastronomie hervorgegangen war (Wiki). Der Häuserblock befand sich (lt. einer heutigen Internetangabe)
dort wo heute das Eckhaus an der Halenseestraße steht,
also etwa 400 Meter südwestlich vom S-Bahnhof Halensee. Es existiert noch eine Abbildung der Frontseite dieses Häuserblocks (Abb. 2, aus: 2, S. 48, Google Bücher), die erläutert wird mit den Worten:
Auch das 1904 erbaute Nachbargebäude Nr. 124 gehörte August Aschinger. Es handelte sich um ein Wohn-Geschäftshaus.
Dieser Häuserblock, erbaut im Jugendstil, lag direkt neben dem Luna-Park, dem damals größten Vergnügungspark Europas am Halensee. Heute führt an seiner Stelle die Stadtautobahn unter dem Rathenauplatz hindurch. Von den heutigen Häusern erinnert nur noch ein Eckhaus an der Bornimer Straße (Richtung S-Bahnhof) an die Zeit vor 1914. Mathilde Ludendorff weiter (2, S. 123f):
Friedel und ich konnten beide am 10. Oktober zu der neuen Wohnung nach Halensee fahren, um den Einzug der Möbel in dieses Walhall zu überwachen. (...) Vom Balkon überblickte man den Kurfürstendamm weithin. (...) Nun wussten wir, dass wir uns ein herrliches, einsames Heim schaffen konnten, mit freiem weitem Blick, ja, auch mit schönen Sonnenuntergängen am Abend. Ganz nahe waren wir den stillen Straßen, die zu den Wäldern hinführten. Nicht mehr getrennt von der Natur, das sollte ein köstliches Leben werden trotz aller "Büffelei" für das Examen, trotz denkbar größter wirtschaftlicher Einschränkung, die uns allen dreien auferlegt war. 
Diese Zusammenstellung des Anhangs nur als Ergebnis der Anregung Lore Waldvogels, sie gehört von ihrer Zielrichtung eher auf den Blog "Studiengruppe Naturalismus".
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  1. Bading, Ingo: "Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum? Begabung für das Schaffen auf kulturellem Gebiet - ringt es sich geradezu zwangsläufig durch? Oder türmen sich Gefahren um die Verwirklichung einer Begabung? Auf: Studiengruppe Naturalismus, 25. Dezember 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/08/frau-und-musik.html
  2. Ludendorff, Mathilde: Durch Forschung Schicksal zum Sinn des Lebens. 2. Band der Lebenserinnerungen. Ludendorffs Verlag, München 1937 
  3. Schumann, Eugenie: Claras Kinder. Mit einem Nachwort von Eva Weissweiler. Dittrich-Verlag, Köln 1991
  4. Peter-Alexander Bösel: Der Kurfürstendamm - Berlins Prachtboulevard. 2008 (Google Bücher)

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